Coburgs erstes Kaufhaus

Nachdem die Meldung, dass das Kaufhaus WEKA zum Jahresende schliesst (Coburg-Life berichtet hier >>>) momentan Gesprächsthema Nummer eins ist, passt die heutige geschichtliche Betrachtung von Christian Boseckert sehr gut zum Tagesthema:

Lange bevor es einen Kaufhof oder eine Weka gab, besaß Coburg bereits ein Kaufhaus. Es befand sich in der Spitalgasse, in dem Haus, wo heute Filialen der Deutschen Bank und der Telekom untergebracht sind. Die Geschichte dieses Kaufhauses geht über 100 Jahre zurück.

Im Jahre 1903 gab der Gastwirt Fritz Müller aus Altersgründen sein Hotel Leutheusser in der Spitalgasse Nr. 19 auf. Er verpachtete daraufhin die Räumlichkeiten an die Firma M. Conitzer & Söhne. Dieses Unternehmen gehörte zum gleichnamigen Konzern, deren Anschlusshäuser, mehr als 20 an der Zahl, gemeinsam einkauften und eine gleichgerichtete Geschäftspolitik betrieben. Sonst arbeiteten sie selbstständig. Der Gründer des Konzerns war im Jahre 1882 Moses Conitzer in Marienwerder in Westpreußen. Er stammte aus Jeschewo bei Posen. Die Conitzer-Geschäfte waren überwiegend in Ost- und Norddeutschland anzutreffen. Das Coburger Haus, das südlichste, war auch ein Anschlusshaus, führte Textilien aller Art, überwiegend aber Wäsche und Konfektion, und wurde von den beiden Neffen des Konzerngründers Max Frank und Adolf Friedländer ins Leben gerufen.

Schon bald ging das ehemalige Hotelgebäude in den Besitz der Firma Conitzer über, die es 1908 abbrach und dort ein Textilkaufhaus errichtete, dessen Fassade im Jugendstil bis heute unverändert erhalten blieb. Architektonisches Vorbild für dieses Gebäude war für den Architekten, dem Stadtbaurat Max Böhme, das im Jahre 1904 erbaute Kaufhaus Tietz am Berliner Alexanderplatz. Dies kam nicht von ungefähr, denn die Tietz-Gruppe übernahm zu jener Zeit auch die Firma Conitzer. Es sei nebenbei erwähnt, dass aus dem Tietz´schen Warenhausimperium sowohl der Kauhof-Konzern als auch die Firma Hertie hervorgegangen sind.

Kaufhaus Conitzer, Sammlung Christian Boseckert

Das Geschäft von Conitzer schlug in Coburg indes recht gut ein. Für Aufsehen sorgte das Kaufhaus vor allem durch ihre neuen, einfallsreichen Werbemethoden. Mehrmals pries das Coburger Volksblatt die ideenreiche und spektakuläre Schaufensteranlage als eine Attraktion an. Auch der Aufzug im Lichthof war Coburger Verhältnisse eine Sensation. Ferner wies das Kaufhaus umlaufende Galerien als Eisenkonstruktion über mehrere Geschosse und monumentale Treppen auf. Neuerungen waren damals die Preisauszeichnung, die Einführung der Barzahlung und ein Geschäftszutritt ohne Kaufzwang. 1925 kann in dem Geschäftshaus die erste Coburger Modenschau bewundert werden und zur Adventszeit leuchtete ein Christbaum über dem Haupteingang weit in die Spitalgasse rein.

Jedoch bereits Ende der 1920er Jahre war das Kaufhaus bevorzugte Zielscheibe nationalsozialistischer Diffamierungen. Nach den ersten Geschäftsboykotten Anfang 1933 wird die Firma 1935 enteignet. Adolf Friedländer wanderte daraufhin aus, während Max Frank in Coburg blieb, aber sein Geschäft nicht mehr betreten durfte. Er starb 1938. Ein sogenannter Betriebsrat übernahm die Leitung des Kaufhauses, welches bald darauf geschlossen wurde.

Nach dem Intermezzo des Textil-Kaufhauses Moritz Döring, zog 1948 das Kaufhaus Brandt in das Gebäude in der Spitalgasse ein, welches sie von den Erben der Firma Conitzer käuflich erwerben konnte. Das Kaufhaus Brandt stammte ursprünglich aus Ostpreußen. Als aber deren Besitzer vertrieben wurden, zog man nach Coburg und eröffnete dort ein neues Ladengeschäft. Das große Sortiment in Eisenwaren, Haushaltsartikeln, Porzellan, Spielwaren und Sportartikeln ist vor allem noch den älteren Coburgern bekannt. Widrige Umstände zwangen die Firma im Jahre 1982 zur Aufgabe. Das Unternehmen existierte in verkleinerter Form im Gewerbehof auf der Mauer weiter, wo vor allem die Eisenwarenabteilung erhalten werden konnte. Mitte der 1990er Jahre wurde auch dieses Ladengeschäft aufgegeben. Das Modehaus Matzer & Worsch übernahm die Geschäftsräume.

In das Haus in der Spitalgasse zog die Deutsche Bank, die jahrzehntelang in der oberen Mohrenstraße ansässig war. Zwar wurde in den letzten 25 Jahren das Erdgeschoss oft verändert und umgebaut, doch blieb die Kaufhausfassade vollständig erhalten.

Spitalgasse 19, 2007, Foto: C.Boseckert

Spitalgasse 19, 2007, Foto: C.Boseckert

Noch zum Schluss soll ein Eintrag aus dem Meyer´schen Konversations-Lexikon von 1899 folgen. Darin findet man unter dem Begriff „Kaufhaus“ die Aussage, dass diese großkapitalistischen Betriebe nur dadurch zu verhindern sein, indem man eine Änderung der Steuergesetze durchführt. Bei dem was wir heute wissen, können wir nur noch über diese Aussage lächeln.

3 Kommentare

  1. avatar

    Ein toller Bericht. Was ich mich nur frage ist, warum es in Coburg keine Woolworth-Kaufhaus gegeben hat. In Sonneberg war ja wohl eines soweit ich noch weis.
    Diese Kette übrigens ist auch ein Kaufhaus, was mich so gar nicht anspricht, oder einladend wirkt.

  2. avatar

    Und wegen Steuern und so. So schwer wie heute, ist es noch nie gewesen sich selbstständig zu machen. Eine Geschichte aus Neustadt besagt, das ein Mann, das Jahr über, anfang des Jahrhunderts Gartenmöbel geschreinert hatte. Die konnte er hier nicht verkaufen, wer hatte schon nen Sinn für sowas.

    Aber hoch im reichen Bayern ging es, dort hat er sie zweimal im Jahr selbst hingeschaft per Bahn, den Anhänger am Bahnhof stehen gehabt und ist mit einem Stuhl von Haus zu Haus (in Garmisch, etc). Dann wurde alles nach und nach selbst verkauft.
    Bis zum nächsten Verkauf konnte er von dem Geld leben. Ein einfacher Ein-Mann-Betrieb.

    Heute so ein Konzept undenkbar, viel zuviel Steine und so…… Schade!!!

    *Der Artikel hat mich zu dieser Geschichte inspiriert, das mal kurz zu schreiben*

  3. avatar

    Gut geschrieben!
    Danke.