Der Geheimgang von der Veste zur Stadt – letzter Teil
Letzter Teil als Fortsetzung von Teil 1 und Teil 2
In den Geschichten über den Geheimgang werden neben der Ehrenburg auch immer wieder andere Einstiegspunkte in der Stadt genannt. Sehr häufig taucht die Hofapotheke (Markt 15) auf. Den Kellerräumen in der seit 1543 nachweisbaren Apotheke wird häufig angedichtet, den Eingang des Geheimganges zu beherrbergen. Aber auch das Haus neben der Hofapotheke, Markt 14, hat eine interessante Vergangenheit. 1575 wird hier erstmals das Wirtshaus/Brauerei “Zum weißen Roß” erwähnt und durch die Brautätigkeit könnten hier die Keller tiefer als die der umliegenden Häuser gewesen sein. Auch von zugemauerten Verbindungstüren zwischen den Häusern am Markt, Steingasse und Herrngasse wird immer wieder berichtet. In der Kriegszeit wurden im Bereich einzelner Häuserblocks im Zuge des Luftschutzes die Keller mit Betonröhren verbunden, welche dann in der Nachkriegszeit zugemauert wurden. Inwieweit solche Verbindungen bereits vor 1945 existierten, kann hier nicht beantwortet werden.
Die Veste
Sehen wir uns den möglichen Ausstiegspunkt an der Veste an: Lt. von Hanstein befindet sich der Ausstieg auf der Bärenbastei. Der älteste erhaltene Grundrißplan von Nickel Gromann aus dem Jahr 1533 läßt die Bärenbastei noch nicht erkennen. 1553 wird die Veste unter der Bauleitung von Gromann vom Schloß zur Festung umgebaut und damit wehrhaft gemacht. Die Ehrenburg hat nun die Funktion der herzöglichen Residenz übernommen.
Dabei wird der Zugang nach Westen verlegt und ein 35m langer Tunnel führt in den Zwinger und von dort eine Holzbrücke über den Wallgraben. Die Bärenbastei (auch Kanonbastei genannt) wird aufgeschüttet. Hier gab es bereits Vorbauten, aus denen die größte Bastei der Veste hervorgeht. Ausgebaut auf ihre heutige Größe wurde die Bärenbastei vermutlich unter Herzog Johann Casimir gegen 1600 im Rahmen der weiteren Fortifikation der Veste.
In die Bastei wurde drei Räume eingebaut. Der mittlere der drei unterirdisch gelegenen Kasematten hat keine Fenster oder Scharten und hat wohl als bombensicherer Munitions- und Pulverraum gedient. Auch die zweite Kasematte ist ein tonnengewölbter, fensterloser Raum, an der Südmauer gelegen. In diesen Raum führt eine lange Steintreppe von der Basteimitte hinein. Die dritte Kasematte liegt an der äußersten Westecke und besitzt zwei gewölbte Schießkammern mit Schießscharten an der Außenmauer. Die Zugänge zu den Kasematten könnten durchaus für Eingänge zum Geheimgang gehalten worden sein.
Also doch kein Geheimgang in der Veste? Nun ja, geheime oder auch verdeckte Gänge gibt es durchaus. Beispielweise der Verbindungsgang vom Fürstenbaus zur unterirdischen Brunnenkammer außerhalb der Veste an deren Nordseite. Ein Zugang zweigt vom Weg aus der Schloßkirche in die Gruft unter der Lutherkapelle ab.
Auch der “Prinzessinnenaufgang” , der vom “Blauen Turm” innerhalb der Mauern hinter der Bärenbastei vorbei in die untere Wallanlage führt, ist ein alter, verborgener Gang, der vermutlich bereits 1633 in Benutzung war. Bekanntester Gang dürfte die “Prinzentreppe” bzw. der “Prinzenaufgang” sein, der es sogar vier Sekunden lang in den Luther-Film schaffte. Dieser von Bodo Ebhardt 1909 – 1924 ausgebaute Treppe führt von einem Pulverturm des nördlichen Wallgrabens in den von Gromann erbauten Tunnel, der den Burghof mit der Bärenbastei verbindet. Somit kann dies auch nicht der Geheimgang sein, von dem 1733 von Hanstein sprach.
Fassen wir zusammen: Weder bei den Grabungen 1733/34 noch 1843 wurden Gangreste auf der Bärenbastei gefunden. Auch als man in den 60er Jahren die Bärenbastei restaurierte und dabei die Südmauer wegen Baufälligkeit abgetragen und wieder aufgebaut werden musste, konnte kein Geheimgang gefunden werden.
Der Weg zwischen Veste und der Stadt
Mögliche Einstiegs- und Ausstiegspunkte haben wir nun beleuchtet. Wie steht es nun um den Gang selbst? Konnte zur damaligen Zeit aufgrund der Lage ein solcher Stollen überhaupt angelegt werden?
Ruft man sich nun die geologische Gegebenheit ins Gedächtnis, so ergibt sich folgende Situation: der Markplatz liegt 297 m über dem Meeresspiegel, die Veste befindet sich bei ca. 464m über NN. Ein unterirdischer Gang müsste eine ungefähre Länge von ca. 2km haben und ca. 170 m Höhendifferenz überbrücken. Ein Tunnel oder Gang einer solchen Länge braucht eine „Bewetterung“. Für eine Luftzufuhr gibt es zwei Möglichkeiten: Ausnutzung des Kamineffektes und falls dieser nicht funktioniert, ein aufwendiges Lüftungssystem aus Luftschächten. Diese hätten irgendwo im Hofgarten auffallen müssen.
Geht man heute von der Ehrenburg durch den Hofgarten zur Veste hinauf ist man je nach Tempo ungefähr 20-30 Minuten unterwegs. Würde man die gleiche Strecke durch einen unterirdischen Gang gehen, der vielleicht nicht die volle Höhe hätte, evtl. den Weg geduckt laufen müsste, so wäre man ungleich länger unterwegs.
Aufgrund der geologischen Beschaffenheit der Gegend um die Veste mit ihren vielen Quellen, wasserführenden Schichten und hartem Gestein wäre der Bau eines Stollens solchen Ausmaßes ein ungeheuer aufwendiges, mit der damaligen Technik fast aussichtsloses Unterfangen gewesen. Selbst wenn ein Stollen mit Holzstützen oder gar Untermauerung durch den Hofgarten verliefe, die Steigung am Festungsberg unterhalb der Veste selbst machen sicher in Fels gehauene Treppen notwendig.
Auch aus archäologischer Sicht spricht viel gegen die Existenz eines solchen Geheimganges. Bisherige Grabungen am Schloßplatz oder im umliegenden Stadtgebiet haben keinerlei Hinweise auf einen Gang oder dessen Reste ergeben.
Was bleibt nun von der Geschichte über den Geheimgang übrig? Festungskommandant von Hanstein erhoffte sich mit seiner Geschichte finanzielle Vorteile für den Erhalt der Veste. Die Existenz eines unterirdischen Ganges aus der Stadt heraus, egal, ob der Einstieg in der Hofapotheke oder der Ehrenburg sein soll, bis hoch in die Bärenbastei ist äußerst unwahrscheinlich. Ein solcher Gang hat wohl nie existiert.
Am 20.August 2004 erscheint sogar im Coburger Tageblatt ein Artikel zum Thema “Die geheimen Gänge der Veste”, in dem der Leiter des Staatlichen Hochbauamts zu Coburg, Jürgen Oehm, zum Geheimgang von der Veste zur Stadt folgende Aussage trifft:
“Wir haben ihn nicht gefunden und es gibt auch in den Archivalen keinen Hinweis, dass es ihn mal gab.”
Aber ist an einer Legende nicht immer ein Fünkchen Wahrheit? Dass es verdeckte Gänge auf der Veste und in anderen Gebäuden gibt, ist erwiesen. Wie wäre es denn, wenn es diesen Gang doch gab, allerdings nicht in der Form, in der sich jeder einen Geheimgang vorstellt: unterirdisch. Es wäre doch auch möglich, dass es einen Gang aus der Stadt heraus (vielleicht sogar durch einen Keller eines Hauses am Markt beginnend) Richtung Festungsberg gab, von dort gelangte man durch einen oberirdischen (Geheim-)Pfad kurz vor die Veste und in diese durch einen verdeckten Gang.
Wie es nun wirklich war – das wird alles Spekulation bleiben. Was auch bleiben wird, ist die Legende des Geheimgangs von der Stadt zur Veste.
Bildquellen:
Bild 1: Der Marktplatz mit Morizkirche vor 1900, Colorierte AK, gel. 4.4.1899, Sammlung S.Peter
Bild 2: Die Bären-oder Kanonenbastei vor 1909, Sammlung S.Peter
Bild 3: Bärenbastei mit Rotem und Blauem Turm im Hintergrund, Foto © S.Peter
Bild 4: Nordansicht der Veste mit der Brunnenkammer, Foto © S.Peter
Quellen:
Benno v. Zehmen – Die Veste Coburg, 1856
Hans Krausert – Ein unterirdischer Gang vom Schloß Ehrenburg auf die Veste Coburg, Coburger Heimat 1931
Walther Föhl – Die Geschichte der Veste Coburg, Veste Verlag Coburg, 1954
Klaus Weschenfelder – Veste Coburg, Edition Braus
Brunner, Seelig, Coburg, Schloss Ehrenburg, 1990
Die geheimen Gänge der Veste, Coburger Tageblatt vom 20.08.2004
Morsbach, Titz, Stadt Coburg, 2006
coburg-magazin-forum.de





Stefan, Kompliment, wirklich ein (bzw. 3) gelungener Artikel über “unsere” Coburger Legende!
Auch von mir ein großes Kompliment für diese Artikelserie.
Kompliment für diese sehr intressante Artikelserie, macht weiter so..