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Archiv für die Kategorie ‘Damals’

Dr. Hans Berger

5. März 2010

Zweimal sollte ihm der Nobelpreis für Medizin verliehen werden. 1936 scheiterte es, weil die politischen Verhältnisse dagegen sprachen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es zu spät. Professor Dr. Hans Berger starb am 1. Juni 1941 in Jena, nachdem er sich in einem Anfall von Schwermut das Leben nahm. Das Lebenswerk des in Coburg aufgewachsenen Psychiaters, Neurologen und Hirnforschers wurde erst nach seinem Tod in Fachkreisen anerkannt.
Dr. Hans Berger, der seit 1897 an der psychiatrischen Klink der Universität Jena arbeitete, entdeckte in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts die bioelektrischen Hirnströme und entwickelte ein Gerät, um diese Energie messen zu können. Er selbst nannte seine Erfindung „Elektrencephalogramm“. Heute ist dieses Gerät unter der Abkürzung „EEG“ bekannt.

Wohnhaus Bergers im Steinweg (Foto: Christian Boseckert, 2008)

Geboren wurde Hans Berger am 21. Mai 1873 im Wohnhaus seines Großvaters, des Dichters und Orientalisten Friedrich Rückert in Neuses bei Coburg. Sein Vater, Dr. Paul Friedrich Berger war Direktor des Coburger Landkrankenhauses, welches ich zu jener Zeit im ehemaligen Landratsamt in der Allee befand. Wohl aus diesem Grund lebte die Familie Berger auch seit den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts im nahe gelegenen Hause Steinweg Nr. 32. Nach dem Abitur, das Berger im Jahre 1892 am Gymnasium Casimirianum ablegte, verließ er Coburg, um in Berlin, Kiel und Jena zu studieren.
Zunächst wendete er sich der junge Mann der Astronomie und der Mathematik zu, wechselte aber bald zur Medizin über. 1897 begann Hans Berger als Assistent an der Psychiatrischen und Nervenklinik der Universität Jena. Sein zuständiger Oberarzt zu jener Zeit war der bekannte Nervenarzt und Philosoph Theodor Ziehen. 1901 habilitierte er sich mit einer Arbeit „Zur Lehre von der Blutzirkulation in der Schädelhöhle des Menschen, namentlich unter dem Einfluß von Medikamenten.“ Danach blieb Berger an dem Krankenhaus in Jena. Er rückte im Jahre 1912 zum Oberarzt und 1919 zum Direktor der Psychiatrischen Klinik und ordentlichen Professor auf. 1927/28 bekleidete er das Amt des Rektors der Jenaer Universität. Seine Rektoratsrede über die Lokalisation im Großhirn stellte eine Art wissenschaftliches Glaubensbekenntnis dar. Das Hauptaugenmerk des Mediziners galt allerdings der neurologischen Forschung.
Bereits 1902 begann er mit Experimenten an der Hirnrinde von Hunden und Katzen. Dabei suchte er immer nach Wegen, die Beziehung zwischen Körper und Seele durch physikalischen Methoden zu objektivieren. 1924 gelang es Berger nach zahlreichen Vorversuchen bei einem jungen Mann, dem ein Teil der Schädeldecke entfernt worden war, ständige elektrische Potentialschwankungen zu messen. Die Weiterentwicklung der Berger’schen Apparatur, die er selbst „Elektrencephalogramm“ nannte, erlaubte es bald, nicht nur an Schädellücken die Energiefelder des Gehirns aufzuspüren. 1927 war das Gerät in der Lage, am unversehrten Schädel und sogar an der Kopfhaut Aufzeichnungen der Hirnströme vorzunehmen.

Nach seinem Erfolg experimentierte Berger unermüdlich weiter, hatte Zweifel, begann wieder von neuem. Erst im Jahre 1929 publizierte er seine Entdeckung. Seine Arbeit trug den Titel „Über das Elektrenkephalogramm des Menschen“. Seine bahnbrechende Entdeckung fand viele Jahre keine Anwendung. Erst im Jahre 1934 stieß der englische Neurophysiologe Edgar Douglas Adrian auf die Arbeiten Bergers und erkannte die Tragweite der Entdeckung. Er gab dem Alpha-Grundrhythmus der hirnelektrischer Tätigkeit den Namen Berger-Rhythmus.

Gedenktafel auf der Rückseite des Wohnhauses Richtung ASCO (Foto: Christian Boseckert)

Heute ist das EEG eine unentbehrliche Hilfe bei der Diagnose von Anfallserkrankungen und zur Lokalisierung von Tumoren. Im Jahre 1938 wurde Hans Berger emeritiert. Nach Ausbruch des 2.Weltkrieges übertrug man ihm 1939 nochmals die Klinik in kommissarischer Leitung. Drei Jahre später starb er im Alter von 68 Jahren in Jena. Ihm zu Ehren enthüllte man während des 11. Deutschen Ärztetages im Jahre 1958 an seinem ehemaligen Coburger Wohnhaus im Steinweg Nr. 32 eine Gedenktafel. Bei der feierlichen Weihe war auch Hans Bergers Witwe anwesend. Sieben Jahre später benannte die Stadt Coburg eine Straße am Ketschendorfer Hang nach dem bedeutenden Mediziner. So ist der Name Dr. Hans Berger in der Vestestadt bis heute unvergessen geblieben.

Text:
Christian Boseckert

Bildquellen:
Bild 1: Dr. Hans Berger (Sammlung HG Coburg)
Bild 2: Wohnhaus Bergers im Steinweg (Foto: Christian Boseckert, 2008)
Bild 3: Gedenktafel auf der Rückseite des Wohnhauses Richtung ASCO (Foto: Christian Boseckert)

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Veränderungen – Die Ecke Viktoriastraße / Judengasse

26. Februar 2010

Die Ecke Viktoriastraße / Judengasse um 1900 (aus Christian Boseckert, Eine Straße erzählt Coburgs Geschichte, S. 57)

Ein Ort der Veränderung war auch lange Zeit die Ecke Viktoriastraße / Judengasse. Diese sollen hier im zweiten Teil der Reihe „Veränderungen“ näher beleuchtet werden. Die obere Aufnahme zeigt die Situation, wie sie sich um 1900 dargestellt hat. Im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen dabei vier Gebäude. Zuerst blicken wir auf das Haus am linken Bildrand. Es ist das Anwesen Judengasse 52a welches 1862 für den Zimmermeister Ferdinand Amberg errichtet wurde. Im Jahre 1890 eröffnete dort der Zahnarzt Heinrich Borneff ein Lebensmittelgeschäft, dessen Werbung an der Hausfassade noch zu erahnen ist. Ab 1909 führte die Familie Gräfenhain das Geschäft weiter, gab es aber 1924 an den Kaufmann Alfred Streng ab. Das Lebensmittelgeschäft Streng, seit 1956 an der EDEKA-Gruppe angeschlossen, dürfte den älteren Coburgern noch bekannt sein. Es existierte bis 1977 und wurde zum Schluss von der Tochter Strengs, Erika Kiesewetter, geführt.
Das nächste Gebäude galt lange als ein Verkehrshindernis, da es direkt in die Viktoriastraße hineinragte. Das in den 1830er Jahren erbaute Haus, beherbergte seit 1857 eine lithografische Anstalt mit angeschlossener Steindruckerei. Inhaber des Betriebes war der Lithograf Ludwig Eduard Beuchel, von seinen Bekannten auch „Graf Litho“ genannt. Ausgerechnet ihm passierte es, das eines Tages die herzogliche Kutsche auf schneller Fahrt, fast die Hausecke mitgenommen hätte. Daraufhin hatte Herzog Ernst II von Sachsen-Coburg und Gotha das Gebäude als ein „Scheißhaus“ bezeichnet. Beuchel war über diese Wortwahl des Monarchen sehr gekränkt. Die Druckerei selbst existierte bis 1899. Zum Zeitpunkt der Aufnahme beherbergte das Gebäude das Sanitätsgeschäft des Masseurs Peter Eichmüller. Dieses existierte bereits seit 1889.
Bei dem sich anschließenden Gebäude handelte es sich um einen Stadel, welcher der Bierbrauer- und Bäckerfamilie Flinzberg gehörte. Carl-August Flinzberg betrieb seit 1848 eine Bäckerei nebst Bierwirtschaft und Brauerei in der Judengasse 19. Die Lokalität wurde später unter dem Namen „Rizzi-Bräu“ einem größeren Publikum bekannt. In den 1870er Jahren baute Flinzberg in den Stadel eine Malzdarre ein. Das Bierbrauen selbst besorgte er in den städtischen Brauhäusern. Die Gründung einer eigenen Brauerei scheiterte. Nachdem Carl-August Flinzberg 1895 verstarb, vermieteten die Erben den Stadel an einen Kohlenhändler, der darin ein Kokslager einrichtete.
Das Gebäude ganz rechts gehörte zum Firmenkomplex der Samen- und Getreidegroßhandlung Mayer. Inhaber dieses Unternehmens war der von Ernst II geadelte Freiherr Jacob von Mayer. An ihm erinnert, aufgrund seiner großen Wohltätigkeit, eine Gedenktafel im Rathaus und die von-Mayer-Straße in Ketschendorf. Das hier zu sehende Lagerhaus erwarb Mayer 1870 vom Kaufmann Moritz Friedmann. Zum Firmenkomplex gehörte auch das Wohn- und Geschäftshaus Judengasse 43/45, Ställe und ein Kutschershaus (Judengasse 47). Als Jacob von Mayer 1901 starb, verkauften seine Erben stückweise die Gebäude. Das Lagerhaus auf dem Foto ging dabei in den Besitz des Kommerzienrats Julius Mai über, der die Samen- und Getreidegroßhandlung Mayers übernahm.

Die Ecke Viktoriastraße / Judengasse im Jahre 1996 (Foto: Karl-Ulrich Pachale)

100 Jahre später sieht die Situation dort ganz anders aus. Das Borneff´sche Haus wurde 1980 als Verkehrshindernis abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt. Das gleiche Schicksal erlitt auch das Beuchel´sche „Scheißhaus“. Es wich 1903, wie auch der Stadel Flinzberg, dem Bau eines Jugendstilhauses, welches der Architekt Otto Leheis plante. In dem neuen Wohnhaus eröffnete ein Hotelier namens Ludwig das Hotel „Coburger Hof“. Diesem war jedoch kein Erfolg beschieden. Kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs schloss das Hotel seine Pforten. In den folgenden Jahrzehnten diente das Gebäude als Privatklinik, Ämtergebäude der Stadtverwaltung, Anlaufstelle für die Hitlerjugend und nach 1945 als Parteizentrale der Kommunistischen Partei. Seit 1950 befindet sich die Löwen-Apotheke der Familie Luft in den Räumen des früheren Hotels. In den Obergeschossen haben sich Ärzte niedergelassen.
Das Sanitätsgeschäft Eichmüller, das dort einst seinen Sitz hatte, zog nach dem Abbruch des alten Gebäudes in das gegenüberliegende Jugendstilhaus Judengasse 54 um, wo Peter Eichmüller seinem Laden zusätzlich einen Friseur-Salon anschloss. Das Geschäft existierte dort bis 1956.
Das ehemalige Mayer´sche Lagerhaus wurde 1938 aufgeteilt und an zwei Interessenten verkauft. Einer davon, der Getreidehändler Ernst Wiehe, führte die Tradition des Hauses als Samengroßhandlung noch für Jahrzehnte weiter. Ein anderer Gebäudeteil gelangte in den Besitz des Spediteurs Alexander Jacobi (Nachfolger Jakob) im Sonntagsanger. Inzwischen wird dieser Teil von der Löwenapotheke und den Arztpraxen des Hauses Viktoriastraße 9 als Parkhaus genutzt. Es ist das einzige hier behandelte Gebäude, dass die letzten 100 Jahre stehen geblieben ist.

Text:
Christian Boseckert

Bildquellen:
Bild 1: Die Ecke Viktoriastraße / Judengasse um 1900 (aus Christian Boseckert, Eine Straße erzählt Coburgs Geschichte, S. 57)
Bild 2: Die Ecke Viktoriastraße / Judengasse im Jahre 1996 (Foto: Karl-Ulrich Pachale)

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G’schichten aus der Spit Nummer 25

23. Februar 2010
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Das Haus Spitalgasse 25, Foto: Christian Boseckert

Es gab schon immer Bewohner in der Stadt, welche ihre persönlichen Erinnerungen einmal aufgeschrieben haben, um sie an ferne Interessierte weiter zu geben. So lebte in dem Haus Spitalgasse 25 eine gewisse Lina Hermann. Sie wurde 1865 geboren und zog dann mit ihren Eltern 1868 in das Hinterhaus vom Anwesen Spitalgasse 25 ein. Dieses große Haus ist durchgehend von der Spitalgasse bis zur Mauer. An der Front zur Spit gab es einmal das Wäschegeschäft Stube/Nachf., das später an die Fa. Nonnenmacher überging. Nach einer Drogeriekette sind nun nach erfolgreicher Renovierung des Vorderhauses Geschäfte für Junge Mode und Accessiores ansässig.
Interessant ist, dass sich in dem langgestreckten Anwesen ein Turnierhof befand, der aber leider im Laufe der Jahre verschwunden ist. Es waren Bogenhallen vorhanden, die aber gegen 1920 überbaut wurden. Bei dem Umbau damals wurde ein Stein mit der Jahreszahl 1446 gefunden, das Gebäude also sicher mit zu den ältesten Häusern von Coburg zu zählen ist.

Frl. Lina Hermann war nicht verheiratet und wohnte bis zu ihrem Tod 1946 in dem Haus. Ihre gesammten Erinnerungen an das Haus und die Umgegend hier wieder zu geben, wäre vermessen. Trotzdem will ich verschiedene Passagen ihrer Erinnerungen herausgreifen.
So beschreibt sie, was für ein Jubel herrschte, als zurückgekehrte Soldaten aus dem 70/71er Krieg durch die Spitalgasse marschierten und auf dem Markt empfangen wurden.
Um das Jahr 1908 wurde in dem Haus grundlegend umgebaut, was für die Bewohner eine große Belastung darstellte. Eine Wasserleitung war wenige Jahre zuvor schon im Haus eingerichtet worden. Was aber alle Bewohner sehr begrüßten, war der Anschluß des Hauses an die Kanalisation.
Wasser wurde von den Leuten mit Eimern und “Butten” von den Laufbrunnen in der Stadt geholt, die Beseitigung der Fäkalien besorgte die “Tonnenbatterie”, welche, pferdebespannt von Haus zu Haus zog und die Kübel entleerte… Und nun eine Kanalisation! Welch Fortschritt!!

Lina Hermann erinnert sich an den Abriss des “Gräfsblock” und als der Durchbruch zur Mohrenstraße geschaffen wurde. Ebenfalls hat sie Erinnerungen an das Restaurant Schaffner, welches mit Wirtsgarten unmittelbar dort stand, wo sich später an der Mauer die Hypobank niederließ.
Das Schaffner war damals, Ende der 1860er Jahre, ein sehr gutes Wein- und Bierlokal. Der Wirtsgarten des Schaffner lag etwa auf der Höhe der Webergasse, also tiefer als die Mauer und beherbergte mehrere kleine Gebäude. Das Lokal wurde gerne von Mitgliedern des Theater, Offizieren und Beamten besucht. Um 1873/74 wurde von dem jungen Schaffner dort umgebaut und erweitert, mit der Hoffnung, noch mehr Gäste im Lokal unter zu bringen. Leider waren dann die Räumlichkeiten zu groß, die Gemütlichkeit des Lokals ging verloren…! Mehr und mehr Gäste blieben nun fern und Schaffner kam in prekäre Situationen. Das Lokal wechselte mehrere male den Besitzer, so hatte es auch dann ein Griebel, der ursprünglich im Steinweg ein Lokal hatte. Der Volksmund bezeichnete nun das Lokal, welches eigentlich “Griebelei” heißen sollte, “Grübelei”.
Zu Schaffners Zeiten fanden dort alle möglichen Tanzveranstaltungen statt und das wurde späterhin immer häufiger. Das Niveau des Lokal sank immer mehr, bei den Maskenbällen soll es nicht immer fein zugegangen sein. Bei den früher viel öfteren Jahrmärkten kam viel fremdes Volk in die Stadt und besuchte die “Grübelei”.
So erinnert sich Lina Hermann an diese Vergnügungen dort sehr genau, lagen doch ihre Fenster zur Mauer hin. Sie berichtet das z. B. oft Tanzveranstaltungen am Sonntagmittag begannen und erst oftmals am frühen Montagmorgen endeten (eine Polizeistunde scheint es da nicht gegeben zu haben??). An Schlaf wäre bei dem gräßlichen Lärm, der aus dem Lokal tönte oftmals nicht zu denken gewesen!
Lina Hermann schreibt:

Immer nach den gleichen, kreischend gespielten Weisen, gab es abwechselnd Walzer, Polka, Rheinländer, letzteren mit Vorliebe und zwar dann immer nach der Melodie:” Siehste wohl da kümmt er, große Schritte nimmt er” usw.usw. was laut und misstönig mitgesungen wurde!

Scheint ja was los gewesen zu sein,in der Bude??
Prügeleien waren scheinbar dort an der Tagesordnung und wurden oftmals auf der Mauer ausgetragen…! Sogar Messerstechereien kamen vor und ein Verletzter soll damals mehrere Tage in Lebensgefahr geschwebt haben…! Ferner wird berichtet, dass eines Nachts ein völlig Betrunkener Gast der Grübelei dort auf der Mauer lauthals “Feuer,Feuer” rief. Daraufhin öffnete ein Hausbewohner des Hinterhauses ein Fenster und rief hinuter “Na, da woll’n wir mal das Feuer löschen!” und kippte den Inhalt eines “Behältnisses” auf den Schreihals, der scheinbar ernüchtert das Weite suchte…!
Später wurde die Grübelei abgerissen und das große Gebäude, das später die Hypobank aufnahm, dort errichtet. Das hohe Haus nahm aber den Bewohnern vom Hinterhaus viel Sonnenlicht weg!

Als der Turnierhof noch existierte, wurde er auch eine Zeit lang von der schlagenden Verbindung der Casimiriana des Gymnasiums genutzt,welche dort ihre Fechtveranstaltungen abhielten.
Über mehrere Unglücke in der Nachbarschaft kann Lina Hermann berichten. So hatte die Coburger Feuerwehr am alten noch stehenden Gräfsblock eine Übung angesagt. Zwei Feuerwehrleute standen auf der damals längsten Feuerleiter, die voll ausgefahren dort stand, als plötzlich die Feuerwehrleiter entzwei brach. Unter dem Aufschrei der Passanten stürzte einer der Wehrleute zu Boden und war sofort tot, der andere blieb mit der Kleidung an einer vorstehenden Dachrinne hängen und schwebte für eine Zeit zwischen Leben und Tot! Es muß in den 90er Jahren gewesen sein…!

Am 14.September 1913, nachts gegen 22.30 Uhr setzte ein schlimmes Ereigniss die ganze Umgebung dort in Schrecken und Entsetzen!
Lina Hermann erinnert sich:

Eine plötzlich unser ganzes Haus erschütternde Detonation war zu vernehmen und lautes donnerndes Grollen, so, als wenn etwas einstürzte, schloß sich an. Ich rannte zum Fenster und im gleichen Augenblick schrie ein Mann auf der Straße “Explosion,Feuer”… Wo war die Explosion?… In unserem Haus scheinbar nicht! Ich vermutete im gegenüber liegenden Kino, welches sich im Hypogebäude befand. Die Leute strömten in Panik aus dem Kino…! Eine Gasexplosion hatte weiter vorne auf der Mauer zum Judenturm hin ein ganzese Haus in die Luft gejagt! 13 Tode und eine Anzahl an Verletzten waren zu beklagen!… Schaurig war es in jener Nacht, als die Leichenwagen oder die Wagen vom Roten Kreuz unter unseren Fenstern vorbei fuhren und ihr trauriges Werk vollrichteten!

Im Jahr 1918, der erste Weltkrieg war zu Ende, wurde das Anwesen Spitalgasse an Nonnenmacher verkauft. Obwohl einige männliche Hausbewohner Soldaten waren, sind alle aus dem Krieg zurück gekommen.
An Umbauten war während des Krieges nicht zu denken… aber Lina Hermann freute sich dann doch… sie bekam nämlich elektrisches Licht!!! Der zweite große Fortschritt für die Dame… bis dahin nur Petroleum Lampen oder Kerzen… und Petroleum wurde während des Krieges immer weniger… auch Kerzenwachs wurde sorfältig gesammelt und z.T. wieder neue Kerzen gegossen…! Heute doch unvorstellbar!
Auch einen Blick in die Zukunft wagte Lina Hermann. Und schreibt sogar ein Datum dazu… das Jahr 2010!

Wie fremd wirken Lina Hermanns Worte heute auf uns, wenn sie schreibt:

Ein Tummelplatz für spielende Kinder war die Mauer und die Nägleinsgasse allemal.Wohl kommt hier gelegentlich ein Auto vorbei und die Kinder flüchten sich dann schnell in den nächsten Hauseingang.
Auch die Wehrmacht mit ihren Motorfahrzeugen sucht sogar öfters die winkelige Umgebung unseres Hauses für ihre Übungen aus!
Gar manchmal, wenn ich aus den Fenster sehe, muß ich denken, wie sich alles seit meiner Kinderzeit verändert hat. Neuerdings ist der alte Gräfsblock abgerissen worden und dort entsteht ein neues schöneres Gebäude. Wie mag ein ehemaliger Anwohner reagieren, wenn er heute , nach 70 jahren wieder zurück kommen mag und das veränderte Stadtbild in unserer Umgegend sieht? Heute stünde er auf dem “Platz der alten Garde” (heute vor dem Stadtcafe) er ginge die “Straße der SA” (heute die Mohrenstraße) hinuter. Dort waren zu meiner Jugendzeit noch heckengesäumte weite Wiesenflächen, Gärten und hin und wieder ein Scheune…. weiter unten in der Mohrenstraße ging ein Heckenweg zu den wenigen Häusern im Seifarthshof…..
Ob der Besucher unser Hinterhaus noch erkennen würde, das sich allerdings nur im Parterre verändert hat.
Aber unser Hinterhaus wird vielleicht auch verschwunden sein,wenn weitere 71 Jahre vergangen sind. Wir sind dann schon im nächsten Jahrtausend und schreiben das jahr 2010!

Am 9.September 1946 trug man Lina Hermann aus dem Haus…sie hatte ihr irdisches Dasein beendet!….Das Hinter- und Vorderhaus Spitalgasse 25 stehen immer noch und wir schreiben den 23.2.2010 – ein Dienstag.

Text: Gerd Bieler

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Häuser der Ketschenvorstadt Teil 2

19. Februar 2010
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Das Haus Ketschengasse 32 (Foto Christian Boseckert, 2007)

Ein weiteres interessantes Gebäude in der Ketschengasse, ist das Haus Nr. 32. Noch heute strahlt seine barocke Fassade weit in die Straße hinein und ragt damit aus dem Häusermeer heraus. Seine erste Erwähnung hatte das Gebäude im Jahre 1497, als ein Erhard Barthelmeß als Eigentümer des Grundstücks genannt wird. Er empfing hier ein Lehen der Herren von Einberg, deren Stammsitz unweit der St. Marienkirche in Rödental (Stadtteil Einberg) lag. Wann jedoch das jetzige Haus errichtet wurde, lässt sich nicht sagen. Die moderne Bauforschung datiert die Entstehungszeit des Gebäudes auf das 17. Jahrhundert. Damals gehörte das Anwesen zwei Hutmacherfamilien. Beide können hier als Bauherren in Betracht kommen. Über die Handwerksbetriebe, die einst wohl hier ihren Sitz hatten, lässt sich nicht viel sagen 1784 erwarb der Nagelschmied Johann Matthes Weber das Grundstück und richtete wahrscheinlich dort auch eine Schmiede ein. Diese Schmiede muss bis 1853 bestanden haben. In diesem Jahr kam das Anwesen in den Besitz der Enkeltochter Webers, Elise Margaretha Eichhorn, über. Sie war mit einem Hofmusiker verheiratet und hatte zwei Söhne, die als Wunderkinder galten. Der Ältere der beiden Brüder, Ernst Eichhorn, trat bereits im Alter von sechs Jahren als Violinist vor Publikum auf. Seinen ersten Musikunterricht erhielt er seinerzeit von seinem Vater. Im Alter von acht Jahren unternahm er mit seinem Bruder Eduard Eichhorn Konzertreisen nach Leipzig, Berlin, Magdeburg, München, Wien, Stuttgart und St. Petersburg. Überall zollte das Publikum Respekt und Anerkennung für die Leistungen der beiden Brüder. Kein Wunder, dass Ernst Eichhorn schon frühzeitig eine Anstellung bei der Coburger Hofkapelle erhielt. Im Jahre 1838 war Eichhorn Mitbegründer des Musikvereins. Doch bereits im Alter von 22 Jahren starb der begabte Musiker. Eduard Eichhorn überlebte seinen Bruder um 53 Jahre und erhielt wie einst sein Bruder eine Stelle als Kammermusikus am Coburger Landestheater. 1858 erbte er auch das elterliche Haus in der Ketschengasse. Dieses blieb bis in die 1950er Jahre hinein, im Besitz der Familie Eichhorn. Das Ladengeschäft, welches sich im Erdgeschoss des Gebäudes befindet, hatte die Familie stets verpachtet. Ein Lebensmittelgeschäft, ein Obst- und Gemüsegeschäft, der “kleine Schaller” und zuletzt ein Sanitätsgeschäft waren in dem Hause ansässig.

Das Haus Ketschengasse 30 (Foto Christian Boseckert, 2007)

Eher in der Architektur zurückhaltend ist das Nachbarhaus Ketschengasse 30, welches erstmals 1529 erwähnt wurde. Das frühere Ratslehen beherbergte für mehrere Jahrzehnte die Gaststätte Fleischmann. Diese Lokalität wurde 1888 durch den Restaurateur Johann Knorr gegründet und entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einer beliebten Einkehrstätte am Rande des Säumarkts. Das Gebäude gehörte seit 1842 dem Kaufmann Heinrich Damnitz, der es in seiner heutigen Form im Jahre 1850 umbauen ließ. Es folgte 1857 die Familie Niezel als Hauseigentümer nach. In ihrer Zeit wurde die Ketschengasse Nr. 30 zu einem Wirtshaus. Es kann jedoch vermutet werden, dass dies nicht die erste Schankstätte in diesem Gebäude war. Zu Anfang des 18. Jahrhunderts findet sich unter den Hausbesitzern des hiesigen Grundstücks ein Weinschenk namens Johann Adam Solcher, der durchaus in dem Gebäude eine Weinstube hätte betreiben können.
Die Bezeichnung „Fleischmann“ indes stammt aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als der Gastronom Christian Fleischmann Haus und Gastwirtschaft käuflich erwarb. Die Fleischmann´schen Erben führten nach dem Zweiten Weltkrieg die Gaststätte bis Mitte der 1980er Jahre weiter. Danach erfolgte die Verpachtung und Umbenennung des Lokals in „Grill Schorsch“.

Text: Christian Boseckert

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Freiherr Ferdinand Martin von Rast

12. Februar 2010

Bildnis des Freiherrn von Rast (Fotosammlung Christian Boseckert)

Vielen werden die Begriffe „Raststraße“ und „Freiherr-von-Rast-Schule“ bekannt sein. Wer sich jedoch hinter dieser Person verbirgt, wissen nur wenigsten Coburger.

Der ursprüngliche Zuname des Freiherrn Ferdinand Martin von Rast lautete Liebmann. Dieser wurde am 28. Januar 1781 in Berlin als der Sohn eines reichen jüdischen Handelsherrn geboren. Ihm wurde eine vielseitige sorgfältige Erziehung zuteil, die ihn zur Leitung der Niederlassung des väterlichen Handelsunternehmens in Hamburg vorbereitete.
Als junger Mann unternahm er zahlreiche geschäftliche Reisen in Europa, lernte Land und Leute und dabei auch viele menschliche Schicksale kennen. Das war vielleicht bestimmend für sein späteres menschenfreundliches Wohltun.
Ein Schlüsseljahr in seinem Leben war bestimmt das Jahr 1805. Er erwarb zum einen in Hamburg das Bürgerrecht, zum anderen ließ er sich in Halle/ Saale evangelisch taufen. Nach der Schlacht von Jena und Auerstedt im Jahre 1806, die viele Menschen in Angst und Schrecken versetzte, zeigte er Organisationstalent und Besonnenheit. Er übersiedelte nach Prag, nahm seine großen Vorräte an Garn und seine reichlichen Geldmittel mit. Die Kontinentalsperre Kaiser Napoleon I. von Frankreich, die gegen den Handel mit Großbritannien gerichtet war, umging er durch Zufuhren über Triest im heutigen Italien. Bald beherrschte er den Garnmarkt in Böhmen und erwarb sich durch geschickte Spekulationen ein beträchtliches Vermögen. 1807 verlegte er seinen Wohnsitz nach Wien. Dort heiratete er Johanna Sonnefeld, die Tochter eines Hofrates. Das Paar bewohnte das Palais des Fürsten Esterhazi. Das große prunkvolle Gebäude hatte Ferdinand Martin Liebmann vorher käuflich erworben. Die Ehe wurde nach 12 Jahren geschieden. Mit Frauen hatte er trotz seines Vermögens kein Glück. Auch spätere eheliche Beziehungen scheiterten.
Als er ins gesetzte Alter kam, hatte er kein Verlangen mehr nach Frauen. 1837 löste er schließlich seinen Wiener Haushalt auf. Nicht nur mit seiner Familie, auch mit der Stadt Wien gab es Ärger, hatte er doch 26.000 Gulden Strafe wegen angeblich unrichtiger Angabe seines Vermögens zahlen müssen. Liebmann zog nach Florenz, kaufte einige Villen und Paläste und setzte seine Spekulationen fort. Seine Bestrebungen, in Wien und in Florenz für das Gemeinwohl tätig zu sein, scheiterten an der Gleichgültigkeit der maßgebenden Personen. 1828 kaufte er die Herrschaft Faal in der Steiermark mit Hammerwerken und Eisengruben. Bereits 1829 bereitete er seine Übersiedlung nach München vor. Dort äußerte er den Wunsch, eine Nationalbank unter seiner Leitung ins Leben zu rufen. Er kaufte das Wornzofische Palais das er aber an König Ludwig I. abtrat, als er hörte, dass dieser darauf ein Auge geworfen hatte. Dieser Verzicht zu Gunsten des Monarchen war vielleicht die Ursache, dass er dafür in den Bayerischen Adelsstand erhoben wurde. Der Titel Freiherr von Rast bezieht sich auf das Dorf Rast in der Herrschaft Faal. Freiherr von Rast hat mehrere Male Coburg besucht. Anlässlich eines Aufenthaltes im Jahre 1832 wurde er zum herzoglichen Kammerherrn ernannt.

Das Haus Bahnhofstraße 36 mit dem Rast-Relief (Foto: Christian Boseckert 2007)

Möglicherweise spielte dabei Geld auch eine Rolle. Seinen endgültigen Wohnsitz in Coburg nahm der Freiherr im Jahre 1859. Er hat zuletzt in keinem Palast, sondern in einer schlichten Wohnung in der Gymnasiumsgasse 6 gewohnt. Hier starb er am 14. Dezember 1863 im Alter von 82 Jahren. Sein Grab existiert nicht mehr, wohl aber sein Grabdenkmal im unteren Teil unseres Friedhofes in der Nähe des herzoglichen Mausoleums. Am 13. Juni 1861 errichtete Rast eine für Coburg bedeutungsvolle Stiftung, nämlich die sogenannte Freiherr-von-Rast´sche Stiftung. Der Hauptzweck der Stiftung war, Söhne armer Eltern, die Handwerker werden wollten, bei tüchtigen Lehrherrn unterzubringen und das Lehrgeld für sie zu bezahlen. Man kann sich heute kaum noch vorstellen, dass früher die Lehrlinge, bzw. deren Eltern, Lehrgeld in beträchtlicher Höhe an den Lehrherrn zahlen mussten. Daher wurde 1892 die in Verbindung mit der Baugewerkschule gegründete gewerbliche Fachschule durch Zuschüsse aus der Rast´schen Stiftung unterhalten.

Die Freiherr-von-Rast-Schule in der Kanalstraße (Fotosammlung Christian Boseckert)

Diese Schule wurde schließlich 1909 zur Rast´schen Gewerbeschule umgebildet. Aus ihr entwickelte sich die in der Kanalstraße befindliche Freiherr-von-Rast-Berufsschule. In der Stiftungsurkunde bestimmte Rast auch größere Zuwendungen für das im Jahre 1862 errichtete Landkrankenhaus in der Allee. In Legaten bedachte er die evangelische Kirche in Coburg, den israelitischen Frauenverein in München, die Gewerbewitwenkasse sowie den Frauenverein in Coburg. Für die jeweiligen Verwalter ergaben sich schwierige Aufgaben bei der Regelung der Stiftung, die sich fast 20 Jahre hinzogen, galt es doch, nicht nur die Ansprüche der Hinterbliebenen zu klären, sondern auch Außenstände in Österreich und Italien einzuziehen. Die Folgen zweier Weltkriege, der Inflation und der Währungsreform haben das Stiftungskapital arg zusammenschrumpfen lassen. Immerhin beträgt es noch gegenwärtig knapp 20.000 Euro. Die Zinsen werden als Prämien für fleißige Berufsschüler verwendet. Es war eine Ehrenpflicht für die Stadt Coburg, dem Stifter nicht nur zu danken, sondern ihn auch gebührend zu ehren. Der Magistrat verlieh ihm 1861 das Ehrenbürgerrecht der Stadt Coburg. Am 100. Geburtstag des Stifters gedachte die Stadt in besonderer Weise ihres Wohltäters. Am Hause Gymnasiumsgasse 6 wurde am 28. Januar 1881 eine Gedenktafel zu Ehren des Freiherrn von Rast in schwarzem Marmor enthüllt. Dieses Gebäude wurde 1967 zu Gunsten des Anbaus zum Casimirianum abgerissen. Die Tafel blieb erhalten und wurde an dem Neubau wieder angebracht. Auf einer der Ehrentafeln im Rathaus wurde des Wohltäters ehrend gedacht. An ihn erinnert ferner ein Reliefbild am Hause Bahnhofstraße 36 an der Ecke zur Raststraße, welche 1894 den Namen des Freiherrn erhielt. So blieb der Name des Freiherrn von Rast noch bis in unsere heutige Zeit den meisten Leuten präsent, was aufgrund der Wohltätigkeit des Freiherrn auch verdient ist.

Text:

Christian Boseckert

Fotos:
Bild 1: Bildnis des Freiherrn von Rast (Fotosammlung Christian Boseckert)
Bild 2: Das Haus Bahnhofstraße 36 mit dem Rast-Relief (Foto: Christian Boseckert 2007)
Bild 3: Die Freiherr-von-Rast-Schule in der Kanalstraße (Fotosammlung Christian Boseckert)

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