Der Geheimgang von der Veste zur Stadt – letzter Teil

Letzter Teil als Fortsetzung von Teil 1 und Teil 2

Der Marktplatz mit Morizkirche vor 1900, Colorierte AK, gel. 4.4.1899, Sammlung S.Peter

In den Geschichten über den Geheimgang werden neben der Ehrenburg auch immer wieder andere Einstiegspunkte in der Stadt genannt. Sehr häufig taucht die Hofapotheke (Markt 15) auf. Den Kellerräumen in der seit 1543 nachweisbaren Apotheke wird häufig angedichtet, den Eingang des Geheimganges zu beherrbergen. Aber auch das Haus neben der Hofapotheke, Markt 14, hat eine interessante Vergangenheit. 1575 wird hier erstmals das Wirtshaus/Brauerei “Zum weißen Roß” erwähnt und durch die Brautätigkeit könnten hier die Keller tiefer als die der umliegenden Häuser gewesen sein. Auch von zugemauerten Verbindungstüren zwischen den Häusern am Markt, Steingasse und Herrngasse wird immer wieder berichtet. In der Kriegszeit wurden im Bereich einzelner Häuserblocks im Zuge des Luftschutzes die Keller mit Betonröhren verbunden, welche dann in der Nachkriegszeit zugemauert wurden. Inwieweit solche Verbindungen bereits vor 1945 existierten, kann hier nicht beantwortet werden.

Die Veste

Sehen wir uns den möglichen Ausstiegspunkt an der Veste an: Lt. von Hanstein befindet sich der Ausstieg auf der Bärenbastei. Der älteste erhaltene Grundrißplan von Nickel Gromann aus dem Jahr 1533 läßt die Bärenbastei noch nicht erkennen. 1553 wird die Veste unter der Bauleitung von Gromann vom Schloß zur Festung umgebaut und damit wehrhaft gemacht. Die Ehrenburg hat nun die Funktion der herzöglichen Residenz übernommen.

Die Bären-oder Kanonenbastei vor 1909, Sammlung S.Peter

Dabei wird der Zugang nach Westen verlegt und ein 35m langer Tunnel führt in den Zwinger und von dort eine Holzbrücke über den Wallgraben. Die Bärenbastei (auch Kanonbastei genannt) wird aufgeschüttet. Hier gab es bereits Vorbauten, aus denen die größte Bastei der Veste hervorgeht. Ausgebaut auf ihre heutige Größe wurde die Bärenbastei vermutlich unter Herzog Johann Casimir gegen 1600 im Rahmen der weiteren Fortifikation der Veste.

Bärenbastei mit Rotem und Blauem Turm im Hintergrund, Foto © S.Peter

In die Bastei wurde drei Räume eingebaut. Der mittlere der drei unterirdisch gelegenen Kasematten hat keine Fenster oder Scharten und hat wohl als bombensicherer Munitions- und Pulverraum gedient. Auch die zweite Kasematte ist ein tonnengewölbter, fensterloser Raum, an der Südmauer gelegen. In diesen Raum führt eine lange Steintreppe von der Basteimitte hinein. Die dritte Kasematte liegt an der äußersten Westecke und besitzt zwei gewölbte Schießkammern mit Schießscharten an der Außenmauer. Die Zugänge zu den Kasematten könnten durchaus für Eingänge zum Geheimgang gehalten worden sein.

Also doch kein Geheimgang in der Veste? Nun ja, geheime oder auch verdeckte Gänge gibt es durchaus. Beispielweise der Verbindungsgang vom Fürstenbaus zur unterirdischen Brunnenkammer außerhalb der Veste an deren Nordseite. Ein Zugang zweigt vom Weg aus der Schloßkirche in die Gruft unter der Lutherkapelle ab.

Nordansicht der Veste mit der Brunnenkammer, Foto © S.Peter

Auch der “Prinzessinnenaufgang” , der vom “Blauen Turm” innerhalb der Mauern hinter der Bärenbastei vorbei in die untere Wallanlage führt, ist ein alter, verborgener Gang, der vermutlich bereits 1633 in Benutzung war. Bekanntester Gang dürfte die “Prinzentreppe” bzw. der “Prinzenaufgang” sein, der es sogar vier Sekunden lang in den Luther-Film schaffte. Dieser von Bodo Ebhardt 1909 – 1924 ausgebaute Treppe führt von einem Pulverturm des nördlichen Wallgrabens in den von Gromann erbauten Tunnel, der den Burghof mit der Bärenbastei verbindet. Somit kann dies auch nicht der Geheimgang sein, von dem 1733 von Hanstein sprach.
Fassen wir zusammen: Weder bei den Grabungen 1733/34 noch 1843 wurden Gangreste auf der Bärenbastei gefunden. Auch als man in den 60er Jahren die Bärenbastei restaurierte und dabei die Südmauer wegen Baufälligkeit abgetragen und wieder aufgebaut werden musste, konnte kein Geheimgang gefunden werden.

Der Weg zwischen Veste und der Stadt

Mögliche Einstiegs- und Ausstiegspunkte haben wir nun beleuchtet. Wie steht es nun um den Gang selbst? Konnte zur damaligen Zeit aufgrund der Lage ein solcher Stollen überhaupt angelegt werden?

Ruft man sich nun die geologische Gegebenheit ins Gedächtnis, so ergibt sich folgende Situation: der Markplatz liegt 297 m über dem Meeresspiegel, die Veste befindet sich bei ca. 464m über NN. Ein unterirdischer Gang müsste eine ungefähre Länge von ca. 2km haben und ca. 170 m Höhendifferenz überbrücken. Ein Tunnel oder Gang einer solchen Länge braucht eine „Bewetterung“. Für eine Luftzufuhr gibt es zwei Möglichkeiten: Ausnutzung des Kamineffektes und falls dieser nicht funktioniert, ein aufwendiges Lüftungssystem aus Luftschächten. Diese hätten irgendwo im Hofgarten auffallen müssen.
Geht man heute von der Ehrenburg durch den Hofgarten zur Veste hinauf ist man je nach Tempo ungefähr 20-30 Minuten unterwegs. Würde man die gleiche Strecke durch einen unterirdischen Gang gehen, der vielleicht nicht die volle Höhe hätte, evtl. den Weg geduckt laufen müsste, so wäre man ungleich länger unterwegs.
Aufgrund der geologischen Beschaffenheit der Gegend um die Veste mit ihren vielen Quellen, wasserführenden Schichten und hartem Gestein wäre der Bau eines Stollens solchen Ausmaßes ein ungeheuer aufwendiges, mit der damaligen Technik fast aussichtsloses Unterfangen gewesen. Selbst wenn ein Stollen mit Holzstützen oder gar Untermauerung durch den Hofgarten verliefe, die Steigung am Festungsberg unterhalb der Veste selbst machen sicher in Fels gehauene Treppen notwendig.

Auch aus archäologischer Sicht spricht viel gegen die Existenz eines solchen Geheimganges. Bisherige Grabungen am Schloßplatz oder im umliegenden Stadtgebiet haben keinerlei Hinweise auf einen Gang oder dessen Reste ergeben.

Was bleibt nun von der Geschichte über den Geheimgang übrig? Festungskommandant von Hanstein erhoffte sich mit seiner Geschichte finanzielle Vorteile für den Erhalt der Veste. Die Existenz eines unterirdischen Ganges aus der Stadt heraus, egal, ob der Einstieg in der Hofapotheke oder der Ehrenburg sein soll, bis hoch in die Bärenbastei ist äußerst unwahrscheinlich. Ein solcher Gang hat wohl nie existiert.

Am 20.August 2004 erscheint sogar im Coburger Tageblatt ein Artikel zum Thema “Die geheimen Gänge der Veste”, in dem der Leiter des Staatlichen Hochbauamts zu Coburg, Jürgen Oehm, zum Geheimgang von der Veste zur Stadt folgende Aussage trifft:

“Wir haben ihn nicht gefunden und es gibt auch in den Archivalen keinen Hinweis, dass es ihn mal gab.”

Aber ist an einer Legende nicht immer ein Fünkchen Wahrheit? Dass es verdeckte Gänge auf der Veste und in anderen Gebäuden gibt, ist erwiesen. Wie wäre es denn, wenn es diesen Gang doch gab, allerdings nicht in der Form, in der sich jeder einen Geheimgang vorstellt: unterirdisch. Es wäre doch auch möglich, dass es einen Gang aus der Stadt heraus (vielleicht sogar durch einen Keller eines Hauses am Markt beginnend) Richtung Festungsberg gab, von dort gelangte man durch einen oberirdischen (Geheim-)Pfad kurz vor die Veste und in diese durch einen verdeckten Gang.
Wie es nun wirklich war – das wird alles Spekulation bleiben. Was auch bleiben wird, ist die Legende des Geheimgangs von der Stadt zur Veste.

Bildquellen:
Bild 1: Der Marktplatz mit Morizkirche vor 1900, Colorierte AK, gel. 4.4.1899, Sammlung S.Peter
Bild 2: Die Bären-oder Kanonenbastei vor 1909, Sammlung S.Peter
Bild 3: Bärenbastei mit Rotem und Blauem Turm im Hintergrund, Foto © S.Peter
Bild 4: Nordansicht der Veste mit der Brunnenkammer, Foto © S.Peter

Quellen:
Benno v. Zehmen – Die Veste Coburg, 1856
Hans Krausert – Ein unterirdischer Gang vom Schloß Ehrenburg auf die Veste Coburg, Coburger Heimat 1931
Walther Föhl – Die Geschichte der Veste Coburg, Veste Verlag Coburg, 1954
Klaus Weschenfelder – Veste Coburg, Edition Braus
Brunner, Seelig, Coburg, Schloss Ehrenburg, 1990
Die geheimen Gänge der Veste, Coburger Tageblatt vom 20.08.2004
Morsbach, Titz, Stadt Coburg, 2006
coburg-magazin-forum.de

Der Geheimgang von der Veste zur Stadt – Teil 2

Fortsetzung von Teil 1

Die Ehrenburg um 1900, Sammlung S.Peter

Über hundert Jahre sollte nun die Sage um den Geheimgang ruhen.
Wir schreiben nun das Jahr 1843. Am 31. August berichtete der geheime Registrator des Herzoglichen Ministeriums A.Pfrenger:

“Ich habe im Geheimen Archiv eine Original-Registratur vom 18. Mai 1734 von der Hand des damaligen Rats Johann Sebastian Kob gefunden, aus der sich mit Gewißheit ergibt, daß von dem herzoglichen Residenzschloß, der Ehrenburg, ein unterirdischer Gang auf die hiesige Festung führt.[…] und als Herr Obrist von Schauroth, welchen ich heute auf der Festung traf, sich mit mir über diesen Gegenstand unterhielt, und dabei äußerte, wie auch er [...] der Meinung sei, daß dieser Gang in den vor mehreren Jahren wieder geöffneten, von der Bärenbastei auf den Wallgraben gehenden Ausfall auslaufen möge, weil sich daselbst eine Stelle befinde, welche beim Betreten sehr hohl klinge und Sr. Herzoglichen Durchl. deshalb auch aufgefallen sei und der Nachforschung wert geschienen habe.”

In der Registratur von 1734 entdeckt er folgende Aussage von Hansteins:

“Inzwischen glaube er [von Hanstein], weil höchstgedachter Herr Herzog Albrecht in den Basteien verschiedene Thüren und Ausfälle habe vermauern lassen, dass solches auch diesen Gang mit betroffen habe. Es müßte demnach derselbe entweder in dem damaligen Eingange der Schloßkapelle gesucht, oder aber ein Versuch mit der Wünschelrute vorgenommen werden”

Drei Tage später erhält Freiherr von Schauroth, selbst Festungskommandant, von Herzog Ernst I. den Auftrag, nach dem Gang zu suchen. Er beginnt mit Ausgrabungsarbeiten auf der Bärenbastei mit der Hilfe einiger Tagelöhner. Knapp vier Wochen  nach Beginn der Grabungsarbeiten berichtet von Schauroth,

“daß die in den Gewölben der Bärenbastei angestellten Nachsuchungen, sowie auch die unternommene Nachgrabung in dem an die Bärenbastei anstoßenden verdeckten Gang, dem sogenannten Ausfall, ohne allen entsprechenden Erfolg geblieben sind; auch nicht eine Spur vorhanden sei, welche hoffen ließ, den an dieser Stelle vermuteten unterirdischen Gang aufzufinden.”

Am 8. Oktober 1843 verfügt Ernst I. die Nachforschungen nach dem Gang vorläufig einzustellen. Die Kosten für die bisherigen Anstrengungen werden aus der Privatkasse der Herzogs bezahlt und belaufen sich nur auf 5 Gulden. Mit dem Tod Enst I. 1844 sind die Grabungen nun komplett ad acta gelegt. Ernst II. hat keinerlei Interesse an einem Geheimgang.

Zu Beginn des 21.Jahrunderts wurde mit Hilfe eines Erdradars der Untergrund im Umkreis der Veste nochmals nach unterirdischen Stollen abgesucht. Das Ergebnis war ernüchternd, ein Geheimgang von der Veste zur Stadt wurde nicht entdeckt.

Der Geheimgang – nur ein Erfindung?

Also zurück in die Gegenwart. Wie sind nun die geschichtlichen Beschreibungen der Grabungen 1733/34 und 1843 zu bewerten? Ist ein solcher Gang aus baulicher und geologischer Sicht überhaupt möglich?

Die Ehrenburg

Geht man von einem Einstieg in der Ehrenburg aus, muss man sich zunächst die Ansicht der Ehrenburg und deren Umgebung vor 1690 vor Augen führen.
An der Stelle, an der heute die Ehrenburg zu finden ist, stand während des Mittelalters ein Franziskanerkloster, welches in den Zeiten der Reformation einging. Als Luther 1530 auf der Veste weilte, war das Kloster bereits jahrelang von seinen ehemaligen Bewohnern verlassen worden und diente kurfürstlichen sächsischen Beamten als Wohung und Unterkunft. Die alten Gebäude werden abgerissen, an deren Stelle ein Stadtschloss errichtet. 17 Jahre später zieht Herzog Johann Ernst in den Naubau ein und empfängt dort Kaiser Karl V. Es wird behauptet, der Name “Ehrenburg” gehe auf diesen prominenten Gästeempfang zurück.

Der Schloßplatz, die Arkaden und der Hofgarten existieren in ihrer heutigen Form noch nicht, der Stadtgraben, gespeist vom Stetsambach, verläuft durch die heutige Wettiner Anlage und Richtung Oberer Bürglaß.

Situationsplan Ehrenburg um 1679, Zeichnung © S.Peter

Die Ehrenburg hat auch noch nicht die heutige Form mit Ost- und West-Flügeln. Den Baustil vor Neu- bzw. Umbau der Ehrenburg kann man heute noch sehr gut an den Gebäuden entlang der Steingasse und des Vorderen Residenz-Schlosshofes inkl. Türmchen erkennen (siehe Foto >>>hier). Der Eingang ist von der Steingasse, Ökonomiegebäude und Marstall waren direkt an die Ehrenburg angegliedert (der heutige Marstall wurde erst zwischen 1685-90 erbaut) und auf der anderen Seite des Stadtgrabens stand das Ballhaus (erbaut 1627/29), an dessen Stelle sich seit 1843 die Arkaden befinden.
Geht man zur Aussage des Festungskommandanten von Hanstein zurück, so gab er zu Protokoll, dass “der Eingang zu diesem Gange in der Schloßkapelle gewesen sei”. Vor dem Großbrand am 9.März 1690 befand sich die Schloßkirche ungefähr an der Stelle des heutigen Museumsshops (an der Stelle xx auf dem Plan von 1679) neben dem Treppenhaus im Ostflügel. Fraglich ist, ob Stollen und Gänge bei diesem “plötzlichen und erschröcklichem” Brand, bei dem der Fürstenbau und die gegen Norden anstoßenden Flügel in Asche gelegt wurden, weiterhin existent bzw. gefunden worden wären.

Situationsplan Ehrenburg um 1800, Zeichnung © S.Peter

Die Schloßkirche wurde beim Neubau 1690 in den westlichen Flügel verlegt (an der Stelle xx im Plan von vor 1800), wo sie auch heute noch zu finden ist. Um den Gang also zu von Hansteins Zeiten begehen zu können, hätte ein neuer Ausgang des Ganges in den Neubau der Ehrenburg integriert werden müssen.

Ebenso hätte dieser Gang den Seitenarm des Stetsambach unterqueren müssen. Schutz vor eindringendem Wasser geschützt wäre notwendig gewesen, was sicherlich noch mit entsprechendem Aufwand möglich gewesen wäre. Gegen einen solchen Stollen spricht aber die Tatsache, dass der Grundwasserspiegel in diesem Gebiet bei Schmelzwasser so anstieg, dass selbst in den Kellergewölben der Ehrenburg Wasser eintrat. Man hätte also nicht gegen Wasser “von oben” sondern auch gegen Grundwasser Schutzmaßnahmen ergreifen müssen bzw. mit einer Einschränkung der Begehbarkeit rechnen müssen.

Gibt es also keinen Geheimgang in der Ehrenburg? Nun, so ganz stimmt das nicht. Innerhalb der Ehrenburg gibt es sehr wohl einen verdeckten Gang. Vom Schlaf- bzw. Ankleidezimmer des Herzogs im 2.Stock, vorbei am Schlafgemach der Herzogin im 1.Stock bis hinab in den ehemaligen Weinkeller.

Fortsetzung folgt…

Bildquellen:
Bild 1:  Die Ehrenburg um 1900, Sammlung S.Peter
Bild 2:  Situationsplan Ehrenburg um 1679, Zeichnung S.Peter
Bild 2:  Situationsplan Ehrenburg um 1800, Zeichnung S.Peter

Der Geheimgang von der Veste zur Stadt – Teil 1

Die Veste vor 1900, Sammlung S.Peter

Geheime Fluchtwege von Burganlagen oder Klöster sind gerne Gegenstand jahrhunderte alter Geschichten und Sagen. So auch in Coburg.
Seit langer Zeit gibt es Erzählungen und Spekulationen um einen Geheimgang von der Veste zur Stadt. Mal endet der Gang in der Hofapotheke, mal in der Ehrenburg. Auch über Ausgänge in der Morizkirche, der ehemaligen Druckerei des Roßteutscher Verlags in der Herrngasse, im Gasthaus “Zum Schwarzen Bären” (heute ehemaliges WEKA bzw. Kaufhaus Mohren) oder gar von einem Gang von der Heldburg bis zur Veste wurde spekuliert. Teilweise war die Existenz dieses Stollens von der Veste zur Stadt fester Bestandteil des Lehrplans Coburger Schulen.

Doch gibt oder gab es diesen Gang wirklich? Ist er reine Phantasie der Coburger oder enthält diese Sage doch einen Funken Wahrheit?

Drehen wir die Uhr zurück in das Jahr 1733. Die Veste Coburg dient seit dem Bau der Ehrenburg rein militärischen Zwecken. Als Garnison wird die Instandhaltung der Veste vernachlässigt. Festungskommandant ist seit 1717 der Geheime Kriegsrath und Landschaftdirector Adam von Hanstein, der schon seit Ende des 17.Jahrhunderts in den Diensten des Herzogs steht. Von Hanstein ist als Festungskommandant um den baulichen Zustand besorgt. Der Zerfall der Mauern und Wälle ist vorherzusehen und von Hanstein macht seit vielen Jahren seinem fürstlichen Herren unterbrochen auf notwendige Reparaturen aufmerksam, damit die Veste nicht untergeht. Viel konnte er bisher nicht erreichen. 1723 wurde der große Ziehbrunnen gereinigt und dabei zwei eiserne Kisten entdeckt. Als diese nach tagelanger Arbeit gehoben waren, stellte sich heraus, dass die Kisten bereits aufgebrochen und entleert waren. 1724 wurde ihm ein Büchsenmacher zur Reinigung und Instandhaltung der Geschütze genehmigt und 1727, als ein Stück Mauer eingestüzt war, wurden die notwendigen Reparaturen erst ein halbes Jahr später durchgeführt. Wie soll man an weitere Gelder für die Instandhaltung und Renovierungsarbeiten kommen?

Situationsplan der Veste um 1730, Zeichnung S.Peter

Die Herzoglich Sächsischen Häuser hatten bereits 1679 beschlossen, für sich und ihre Familien sicherer Zufluchtsorte zu errichten und dabei die Festung Coburg und das Schloß Rauenstein in Meinigen auserkoren. Seither war allerdings wenig passiert, um die Wehrhaftigkeit zu erhöhen, da bisher keine Kriegsgefahr gesehen wurde. Als 1733 die französische Armee den Rhein überschreitet und sich mit ihrem Vordringen eine bedrohliche Lage im Zuge des Polnischen Thronfolgekrieges (1733-38) für die thüringischen Fürstenhäuser abzeichnete, schöpft von Hanstein Hoffnung auf den Erhalt der notwendigen Mittel zur gründlichen Wiederherstellung der Veste. Der Polnische Thronfolgekrieg entwickelt sich ab 1734 zum Reichskrieg, an dem auch Soldaten aus den Herzogtümern Sachsen-Weimar-Eisenach und Sachsen-Gotha-Altenburg beteiligt sind.

Von Hanstein weiß zu berichten, dass er als junger Diener mit seinem damaligen Herrn Herzog Albrecht öfters einen Geheimgang von der Veste zur Stadt genutzt haben will. Der Regierungsrath Johann Sebastian Kopp protokolliert,

“…Daß er als Page bei Anwesenheit des Herzogs Albrecht von Saalfeld mit seinem fürstlichen Herrn, welchem er mit der Fackel vorgeleuchtet habe, durch jenen Gang nach der Festung gegangen sei. Der Eingang zu diesem Gange sei in der Schloßkapelle gewesen, die vor dem großen Brande des Schlosses 1690 sich in dem nach der Steingasse zu gelegenen Flügel (dem jetzigen geheimen Archiv) befand; auf der Bärenbastei seien sie herausgekommen. Er selbst sei damals noch sehr jung gewesen und habe deshalb nicht mit der nötigen Aufmerksamkeit den Gang betrachtet, könne deshalb etwas Näheres darüber nicht angeben.”

Merkwürdig, oder? Hat von Hanstein ein schlechtes Gedächtnis oder hat er einfach nur gelogen?
Die Vermutung liegt nahe, dass von Hanstein mit dem Gerücht über einen bestehenden unterirdischen Stollen, der dem Herzog eine sichere Flucht von der Ehrenburg zur Veste ermöglicht hätte, seine Veste als sicheren Zufluchtsort zu positionieren und damit Geldmittel für die Instandhaltung zu erhalten.
1733/1734 wurde von Hansteins Behauptung eingehend untersucht. Allerdings findet man keine Hinweise auf einen Geheimgang zwischen der Ehrenburg und der Veste.

Fortsetzung folgt…

Bildquellen:
Bild 1:  Die Veste vor 1900, Sammlung S.Peter
Bild 2:  Situationsplan der Veste um 1730, Zeichnung S.Peter

Ein Einbruch ins Herzogliche Mausoleum im Coburger Hofgarten

Das Hofgarten-Mausoleum, Foto © S.Peter

Der Hofgarten und sein Mausoleum sind gegenwärtig im Besitz der Stadt Coburg. Diese ist laut Vertrag von 1919 für ihre Erhaltung verpflichtet. Der Bausenat der Stadt hatte deshalb am 18. Mai 1983 einer Sanierung des Herzoglichen Mausoleums im Hofgarten zugestimmt, welche dann im Jahr darauf gründlich durchgeführt wurde.
Darauf soll aber hier nicht eingegangen werden. Jedoch sind einige geschichtliche Daten und Hinweise erforderlich, die das Fürstenpaar, welches dort begraben liegt, betreffen.

Das Herzogs-Paar Franz Friedrich Anton und Auguste Caroline Sophie (aus Bachmann/Aumann: Coburg und Europa (Schriftenreihe der Historischen Gesellschaft 11, Coburg 1997)

Das Mausoleum, dessen Architekt leider bis heute noch nicht festgestellt werden konnte, ließ Herzog Ernst I. von Sachsen-Coburg und Gotha in den Jahren 1816 und 1817 seinen Eltern Franz Friedrich Anton (gestorben 1806) und Auguste Caroline Sophie (gestorben 1831) errichten. Dieses Herzogspaar hatte vier Söhne und fünf Töchter, von denen allerdings ein Sohn und eine Tochter im Kindesalter verstorben sind. Durch eine geschickte Heiratspolitik des Herzogshauses entstanden Verbindungen zu fast allen Königshäusern Europas.
Am 9. Dezember 1817 wurde Franz Friedrich Anton und im November 1831 seine Gemahlin Auguste Caroline Sophie im Mausoleum beigesetzt. Aber schon neun Monate nach dem letzten Begräbnis, in der Nacht vom Samstag, den 18. August zum Sonntag, dem 19. August 1832, wurde die Gruft durch einen Einbruch geschändet. Ein morgendlicher Spaziergänger hörte laute Hilferufe aus dem Inneren des Mausoleums. Er stellte fest, dass die eiserne Gittertüre des Eingangs geschlossen, aber die Falltüre zur eigentlichen Gruft gewaltsam geöffnet war. Der Spaziergänger vermutete sofort, dass ein Mensch in böswilliger Absicht in die unterirdische Gruft eingebrochen war und sich aus seiner unheimlichen Lage nicht mehr befreien konnte. Kurzentschlossen eilte er zur Polizei, die den Einbrecher aus seinem grauenvollen Gefängnis herausholte, seine Personalien feststellte und ihn eingehend verhörte.
Der Einbrecher war der Schlossergeselle Andreas Stubenrauch aus Hofheim in Unterfranken. Dieser hatte sich am Samstagabend in verschiedenen Wirtshäusern Mut angetrunken, sich dann mit dem notwendigen Einbrecherwerkzeug versehen und dabei auch nicht Feuerzeug und Talglichter vergessen. Man musste zu jener Zeit noch mit Stahl, Feuerstein und Zündschwamm Licht machen. Der Weg zum Hofgartenmausoleum war damals nicht so bequem wie heutzutage. Die Arkaden mit den Treppenaufgängen und der Weg, der an der Reithalle vorbeiführt, waren noch nicht gebaut. An der Stelle des jetzigen mittleren und oberen Hofgartens lagen seinerzeit noch Privatgärten. Man konnte deshalb nur von der Festungsstraße, vorbei an den Zäunen verschiedener Gärten, zum Mausoleum gelangen.

Das eiserne Tor des Hofgarten-Mausoleum (Foto © S.Peter)

Doch zurück zum Thema. In der Dämmerung schlich sich Stubenrauch zum Hofgarten-Mausoleum. Das Schloss der eisernen Gittertür konnte er mit seinen Schlüsseln und Dietrichen nicht öffnen. Die Stäbe des Gitters ließen aber oben so viel Platz, dass er hindurch kriechen konnte. Innen boten ihm die starken Eichenbohlen der Falltüre ein so starkes Hindernis, das er nur mit einem Brecheisen zu überwinden vermochte. Beim Schein des Talglichtes erblickte er in einer Tiefe von drei Metern die beiden Särge. Aber eine Treppe führte nicht hinab. Der Einbrecher glaubte sich helfen zu können. Er holte sich aus einem benachbarten Garten einen Pfahl. Beim Versuch, daran hinab zu gleiten, stürzte er in die Gruft. Es war ihm sofort klar, dass er mit Hilfe des etwas zu kurzen Pfahles nicht mehr heraus steigen konnte. Umgeben von den Schauern der Verwesung musste er die Nacht in der Gruft zubringen. Er gab aber seinen teuflischen Plan nicht auf und machte sich daran, den Sarg der Herzogin zu öffnen, den er im Schein seines Talglichtes von dem älteren Sarg des Herzogs unterscheiden konnte. Große Schwierigkeiten bereitete ihm das Öffnen des Sargdeckels. Es gelang ihm nur, diesen etwas zu heben. Aber was er gesucht hatte, fand er nicht. Die Leiche der Herzogin war nur mit einem schwarzen Samtkleid ohne jeglichen Schmuck bekleidet. Die grauenhafte Arbeit war umsonst gewesen. Schon der nächtliche Aufenthalt war für Stubenrauch eine Strafe. Man erzählte sich später in Coburg, dass das Haar des Einbrechers in der Schreckensnacht völlig ergraut wäre.

Stubenrauch, auf frischer Tat ertappt, legte ein offenes Geständnis ab und wurde 18 Monaten Zuchthaus verurteilt. Nach seiner Freilassung war er wiederholt straffällig. Im Jahre 1854 fand man in einem Waldstück bei Hofheim seine Leiche. Ein leerer Geldbeutel und eine leere Schnapsflasche waren seine ganze Habe. Er hatte sich selbst gerichtet. Der Gruftschänder endete als Selbstmörder. Damit war die Geschichte des ersten Einbruchs in das Herzogliche Mausoleums zu Ende gegangen. Doch 120 Jahre später, sollte sich dies noch einmal wiederholen, doch dass ist eine andere Geschichte.

Text: Christian Boseckert

Bildquellen:
Bild 1: Das Herzogliche Mausoleum im Hofgarten (Foto © S.Peter)
Bild 2: Das Herzogs-Paar Franz Friedrich Anton und Auguste Caroline Sophie (aus Bachmann/Aumann: Coburg und Europa (Schriftenreihe der Historischen Gesellschaft 11, Coburg 1997)
Bild 3: Das eiserne Tor des Mausoleum (Foto © S.Peter)

Die Biergärten am Festungsberg

Der Festungsberg ist heute eine feine Wohngegend. Die Bebauung begann dort ab 1860. Zahlreiche Villen zeigen uns noch gegenwärtig den Wohlstand ihrer früheren Besitzer. Was befand sich wohl früher auf diesem Areal? Es mag den Leser erstaunen, dass dort einmal drei Biergärten existierten. Über diese Einkehrstätten der Coburger soll dieser Blogeintrag berichten.

Standort des Fischer-Biergartens in der Oberen Klinge (Foto: © S.Peter)

Der erste der drei Biergärten befand sich gleich neben der St. Augustinkirche, an der Stelle, wo sich heute das moderne katholische Gemeindezentrum und die Villa Anker (Obere Klinge Nr.1) befinden. Dieser Garten gehörte dem Bäckermeister und Bierwirt Johann Gottfried Fischer, der seinen Betrieb im Steinweg (Haus Nr. 43, heute Weltbasar Rückert) unterhielt. Fischer übernahm 1849 das Unternehmen und richtete daraufhin schließlich einen Biergarten auf seinem Grundstück am Festungsberg ein. 1870 schloss dieser Garten seine Pforten. Heinrich Langbein, der in den 1930er Jahren einen ersten Aufsatz zu diesem Thema schrieb, erinnerte sich, dass dort Gebäude in einfachster Weise vorhanden waren. Dazu gehörten ein Gartenhaus, einige offene Hütten und eine Sandkegelbahn. Die Gäste saßen auf langen Holzbänken an Tischen, die ungehobelt und nicht gestrichen waren. Das Bier wurde in Schlotterkrügen und billigen Gläsern ausgeschenkt. Wer etwas essen wollte, musste es sich seine Brotzeit selber mitbringen oder sich mit dem begnügen, was der Wirt an Wurst und Käse selbst anbot. Die weiblichen Gäste strickten im Sommer die Wollstrümpfe für den Winter und die Männer gingen dem Kegelsport auf der offenen Bahn nach. Liebespaare trafen sich hier ebenso wie die vornehmen Damen der Coburger Gesellschaft. Eine Ziehharmonika sorgte für Musik. Windlichter und Öllampen ließen den Biergarten auch am Abend in hellem Licht erscheinen.

Standort des Casinogartens in der Festungsstraße (Foto: © S.Peter)

So mag es vielleicht auch bei den beiden anderen Biergärten am Festungsberg zugegangen sein. Die nächste Einkehrmöglichkeit lag direkt hinter der St. Augustinkirche. Dort wo heute die Villa Festungsstraße Nr. 4 zu finden ist, lag bis 1867 der sogenannte „Casinogarten“. Er gehörte zu einer Gaststätte, die sich in dem späteren Logengebäude in der Theatergasse befand. Dieses Haus ist bei einem amerikanischen Luftangriff am Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört worden. Zu dem Biergarten gehörten neben einem festen Gasthaus wahrscheinlich auch eine überdachte Kegelbahn. Hier traf sich vornehmlich die bessere Gesellschaft, direkt nach ihrem sonntäglichen Spaziergang im Hofgarten. Eine Reklame in den frühen Coburger Adressbüchern belegt diese Annahme. Die Vermutung liegt hier nahe, dass es sich hierbei nicht nur um einen Biergarten, sondern auch um ein Ausflugslokal mit Kaffeeausschank handelte.

Standort des Frommann-Biergartens in der Festungsstraße (Foto: © S.Peter)

Ein ganzes Stück weiter an der Festungsstraße, dort wo sich jetzt die Häuser Nr. 9a und 9b befinden, war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Biergarten zu finden, der 1804 gegründet wurde. Dieser Garten gehörte dem Bäckermeister und Bierwirt Fritz Frommann, der seine Stadtwirtschaft im Steinweg Nr. 15 (heute Modehaus K&L Ruppert) hatte. Das Anwesen Frommanns erstreckte sich in der ganzen Breite von der Festungsstraße bis zur Bergstraße. Auch in dieser Kellerwirtschaft wurde das Bier nur in Schlotterkrügen ausgeschenkt. Nach 1871 wurde der Ausschank aufgegeben und das Grundstück parzelliert. Auf einem verkleinerten Areal an der Festungsstraße entstand dann schließlich ein neues Ausflugslokal, welches den Namen „Wilhelmshöhe“ trug. Möglicherweise diente das Schloss Wilhelmshöhe bei Kassel als Vorbild, wo der französische Kaiser Napoleon III. interniert war. Das Ausflugslokal sprach vor allem eine feinere Kundschaft an. So empfhal sie in einem Inserat aus dem Jahre 1882 ihre schönen Gartenanlagen, die Marmorkegelbahn, den Konzert- und Ballsaal, vorzügliche einheimische und fremde Biere, feine Weine und eine hervorragende Küche zu guten Preisen an. Trotz der Werbung konnte sich die „Wilhelmshöhe“ nicht lange halten. Bereits 1890 zog in das Gasthaus eine Molkereikuranstalt ein, in der in den Morgen- und Abendstunden frische Ziegenmilch verabreicht wurde. Gesundheitsfördernde Brunnen- und Heilwasser wurden dort ebenfalls angeboten. 1893 erfolgte der Abbruch sämtlicher Gebäude auf diesem Gelände. Es entstand das heutige Wohnhaus Festungsstraße 9b, in dem ein Knabenerziehungsinstitut einzog.
Aus heutiger Sicht ist es bedauerlich, dass sich keines dieser Gastronomiebetriebe halten konnte. Fehlt doch nach Ansicht vieler Coburger, dem Hofgarten so etwas wie eine Ausflugsgaststätte, in der man auch sein Bier trinken könnte.

Text: Christian Boseckert

Bildquellen:
Bild 1: Standort des Fischer-Biergartens in der Oberen Klinge (Foto: © S.Peter)
Bild 2: Standort des Casinogartens in der Festungsstraße (Foto: © S.Peter)
Bild 3: Standort des Frommann-Biergartens in der Festungsstraße (Foto: © S.Peter)

Spuren jüdischen Lebens in der Judengasse

Beschäftigt man sich mit der Geschichte des Mittelalters, so stellt man fest, dass Menschen jüdischen Glaubens oft verfolgt, ausgegrenzt und getötet worden sind. Der traurige Höhepunkt dieser Verfolgung sollte aber erst im 20.Jahrhundert sein. Darum soll es heute aber nicht gehen, sondern um die Lebensweise der jüdischgläubigen Menschen im Mittelalter, speziell in Coburg. Dabei darf man die äußeren Gegebenheiten, wie sie oben genannt werden, nicht außer Acht lassen.

Siedlungsplatz der Coburger Juden im Spätmittelalter bzw. Frühe Neuzeit (Zeichnung Christian Boseckert)

Die ersten Hinweise auf jüdisches Leben in Coburg findet man bereits Mitte des 13.Jahrhunderts. Wo sie damals in Coburg lebten, weiß man heute nicht mehr. Erst ab 1350 dürften sich die Juden den Bereich der unteren Judengasse angesiedelt haben. 1382 werden erstmals vier jüdische Haushalte erwähnt. 1418 sind es bereits neun jüdische Haushalte. Es scheint eine Zeit der Blüte und der Nichtverfolgung gewesen sein. 1393 wird erstmals eine Synagoge erwähnt, die man in der Nähe des Judentores suchen muss. Eine genaue Ortsangabe ist leider nicht möglich. In dieser Zeit entstand auch eines der frühesten Zeugnisse jüdischen Glaubens, ein Pentateuch (besteht aus den fünf Büchern Moses), dass 1395 in Coburg, in hebräischer Handschrift verfasst wurde. In diesem Buch ist auch eine Wehranlage illustriert, die vermutlich die Veste Coburg darstellt. Damit wäre es die älteste, bekannte Darstellung der Veste. Dieser Pentateuch befindet sich heute im Besitz des Britischen Museums in London. Entdeckt wurde diese Kostbarkeit 1979 von Frau Helen Gutman, einer ehemaligen Coburgerin, die wegen ihres jüdischen Glaubens in die USA emigrierte.

1413 erlaubt Markgraf Wilhelm von Meißen seinen jüdischen Untertanen in Coburg, die Anlegung eines Friedhofs. Dieser Friedhof lag zwischen der unteren Judengasse, der Walkmühlgasse und dem Hahnfluss. Beim Neubau des Hauses Judengasse 50 (heute Mutter-Kind-Cafe “Der kleine Muck” ) im Jahre 1896, entdeckte man dort menschliche Knochenreste und eine jüdische Grabplatte.

Aber bereits nach 1413 deutete sich bereits die nächste Judenverfolgung an. Der Chronist Karche berichtet “1422 wurde den Juden der Aufenthalt zu Coburg vom Bischof Johannes zu Würzburg verboten und den Christen aller Umgang mit ihnen untersagt. Zum Kennzeichen mussten die Juden ein rotes Schild an der Brust tragen.”
Und so dürften bis 1447 alle Juden aus Coburg vertrieben worden sein, da zu diesem Zeitpunkt in den Chroniken erwähnt wird, dass durch eine Verfügung des Herzogs Wilhelm von Sachsen die Coburger Synagoge in eine christliche Kirche umgewandelt werden soll. Mit einer großen Spende eines Coburger Bürgers konnte diese Umwandlung vollzogen und die neue Kirche der heiligen Maria geweiht werden. Wie lange diese Marienkirche existierte oder wann sie abgerissen wurde, wissen wir ebenfalls nicht.

Kapelle St.Nikolaus in der Ketschendorfer Straße (Foto: © S.Peter)

Erst ab 1533 haben sich Juden wieder in Coburg angesiedelt. Im Jahre 1880 zählt man bereits 210, und im Jahre 1925 sogar 316 jüdische Glaubensangehörige. Seit 1873 gab es auch wieder eine Synagoge, die in der St. Nikolauskapelle untergebracht war. Ein jüdischer Friedhof wurde 1874 auf dem Gelände des neuen Friedhofs auf dem Glockenberg angelegt.

Nur die Inschrift über dem Eingang erinnert noch an die Synagoge (Foto: © S.Peter)

Heute ist all dies Geschichte, denn seit den Verfolgungen durch die Nationalsozialisten von 1933 bis 1945 gibt es keine jüdische Gemeinde in Coburg mehr. Übrig geblieben sind die oben genannten Fragmente, die die Stürme der Zeit überdauert haben. Und natürlich erinnern die Judengasse und das Judentor an das mittelalterliche Siedlungsgebiet an sie.

Text: Christian Boseckert

Bildquellen:
Bild 1: Siedlungsplatz der Coburger Juden im Spätmittelalter bzw. Frühe Neuzeit (Zeichnung Christian Boseckert)
Bild 2: Kapelle St.Nikolaus in der Ketschendorfer Straße (Foto: © S.Peter)
Bild 3: Inschrift über dem Eingang der St.Nikolaus Kapelle, Ps 118,20 (Foto: © S.Peter)