Der alte Augustengarten am Oberen Bürglaß

Der Prinzen- oder Augustengarten nach Emil Maurer. Auf der linken Bildseite ist das Bürglaßschlößchen zu erkennen. Auf der rechten Seite ist hier die ehemalige Stahlhütte zu sehen (Heute steht dort das Landestheater).(Sammlung Boseckert)

Coburg ist reich an zahlreichen Parks und Parkanlagen. Man denke dabei nur an den Hofgarten. Leider sind auch im Laufe der Jahrhunderte auch einige Gärten wieder verschwunden. Dazu gehört auch der so genannte Prinzen- oder Augustengarten am Oberen Bürglass. Dieser befand sich auf dem Gelände des heutigen städtischen Kindergartens (dem ehemaligen Kyrill-Palais) und der Industrie- und Handelskammer (Palais Edinburgh).

Schöpfer dieser Anlage war Prinz Friedrich Josias von Sachsen-Coburg-Saalfeld, der letzte Generalfeldmarschall des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Dieser kaufte im Jahre 1794 nach dessen Pensionierung das gegenüberliegende Bürglassschlösschen und baute es im klassizistischen Stil um. Nach Fertigstellung des Schlösschens konnte Friedrich Josias dort einziehen. Allerdings störte ihm der alltägliche Blick von seinem Balkon auf die gegenüberliegenden Gebäude. Diese Häuser waren durch eine Brandkatastrophe im Jahre 1775 nur notdürftig wieder aufgebaut worden und waren kein schöner Anblick. Der Prinz entschloss sich daraufhin die Grundstücke zu erwerben und daraus eine Gartenanlage zu machen.
Endlich, im Jahre 1802 konnte mit dem Abbruch der Gebäude begonnen werden. Auf dem Gelände das bis zum heutigen Schlossplatz reichte, wurden Gemüsebeete, Obstbäume und Beerensträucher angelegt. Dazwischen waren Wege aus Kieselsteinen angelegt worden um dort lustwandeln zu können. Durch die hügelige Form des Geländes sah dieser Park wie ein Steingarten aus. An der Seite zur schwarzen Allee hin, ließ Friedrich Josias eine künstliche Ruine mit Zinnen- und Ecktürmchen und einem versteckten Dach errichten.
Warum gerade eine künstliche Ruine? Künstliche Ruinen wurden zunächst als Gestaltungselement in Landschaftsgärten und später auch als Aussichtsturm in der “freien Natur” errichtet. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wandte man sich auch im deutschsprachigen Raum ab vom nun als langweilig erachteten, rationalen Barockpark hin zum emotionalen Landschaftspark. Neben der Anwendung rein gärtnerischer neuer Formen begann man bald, künstliche Grotten und Wasserfälle sowie Tempel und altertümliche Gebäude (meist Adelssitze bzw. Verteidigungsanlagen) in unterschiedlichen Verfallsstadien nachzubauen. Mit dem Erstarken des Bürgertums und dem Aufkommen der Romantik hielten die künstlichen Ruinen Einzug in die “wirkliche” Landschaft, in der Regel als neugotische Nachbildungen verfallender mittelalterlicher Burgen. Im Zuge der Naturbegeisterung wurden diese Bauwerke nun nicht mehr als vorwiegend private, zweckfreie ästhetische Elemente, sondern als Aussichtstürme an landschaftlich herausragenden Stellen dem Volk gestiftet – anfangs von einzelnen Mäzenen, später von Bürgervereinen und ähnlichen Körperschaften. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden in einer beinahe “Aussichtsturm-Manie” an nahezu jeder sich bietenden örtlichen Gegebenheit Türme und Türmchen, die Mehrzahl von ihnen als künstliche Ruinen.
In Coburg wollte man einst auch auf dem Eckardtsberg eine künstliche Ruine errichten. Allerdings fehlten hierzu die finanziellen Mittel, sodass im Coburger Land nur im Schlosspark Rosenau bei Rödental eine Ruine aus dieser Zeit zu finden ist, die nicht mal künstlich ist, sondern den Rest der ehemaligen Befestigungsanlage der Burg Rosenau darstellt.

Dieses Modell, das im Vorsaal des Schlosses Ehrenburg steht, zeigt deutlich den Standort des Prinzengartens. (hier in der linken Bildhäfte). Rechts ist das Bürglaßschlößchen deutlich zu erkennen. Desweiteren sieht man das Bürglaßtor und die alte Stahlhütte (heute steht dort das Landestheater) (Sammlung Boseckert)

Doch zurück zum Augustengarten. Neben der Ruine wurde noch eine Wagenremise, das so genannte Kutschenhaus errichtet das auf dem Gelände des Palais Edinburgh stand. Dieses Gebäude war im gleichen Stil wie die Ruine mit Türmchen und Spitzbogen versehen.
Lange konnte sich Prinz Friedrich Josias an seinen Garten nicht erfreuen. Er starb 1815. Daraufhin ging der Garten in den Besitz von Herzog Ernst I. der ihn, zusammen mit dem Bürglassschlösschen, seiner Mutter, der Herzoginwitwe Auguste Caroline Sophie überließ. Aus dieser Zeit stammt wohl die Bezeichnung „Augustengarten“. Es ist deshalb anzunehmen das Herzogin Auguste diesen Garten oft benutzt hatte.

Der Niedergang der Parkanlage begann mit dem Tode Augustes im Jahre 1831. Während der Bürglaßschlößchen an die katholische Linie des Hauses Coburg ging, blieb der Garten im Besitz von Herzog Ernst I. Dieser hatte allerdings keine Verwendung für eine derartige Anlage. So kam es, das während des Umbaus des Stadtschlosses Ehrenburg der Hofstuckateur Hofmann in der künstlichen Ruine sein Atelier einrichtete und hier die Ornamente zum inneren Ausbau des Residenzschlosses modellierte und in Gips goss. Nach der Fertigstellung der Ehrenburg wurde es auch hier wieder ruhig.

Die heutige Situation des früheren Augustengartens, bebaut durch das Palais Edinburgh und dem Kyrill-Palais (Foto: Christian Boseckert, 2007)

Die heutige Situation des früheren Augustengartens, bebaut durch das Palais Edinburgh und dem Kyrill-Palais (Foto: Christian Boseckert, 2007)

Das endgültige Aus für den Garten kam im Jahre 1847. In diesem Jahr verkaufte Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha das Anwesen am Bürglass an den Coburger Staatsrat Emil Freiherr von Pawel-Rammingen, während der südliche Teil zum Schlossplatz hin, an den Freiherrn von Wangenheim ging. Von Pawel-Rammingen ließ die Anlage einebnen und einreißen und erbaute an der Stelle eine klassizistische Villa, die später unter dem Namen „Kyrill-Palais“ bekannt werden sollte. Doch dies ist eine andere Geschichte. So hat diese Gartenanlage ihr Ende gefunden. Aber wir haben ja noch viele Parks, wie in den Hofgarten oder den Rosengarten, die zu Spaziergängen oder anderen Vorhaben einladen.

Text: Christian Boseckert

Bildnachweise:
Bild 1: Der Prinzen- oder Augustengarten nach Emil Maurer. Auf der linken Bildseite ist das Bürglaßschlößchen zu erkennen. Auf der rechten Seite ist hier die ehemalige Stahlhütte zu sehen (Heute steht dort das Landestheater).(Sammlung Boseckert)
Bild 2: Dieses Modell, das im Vorsaal des Schlosses Ehrenburg steht, zeigt deutlich den Standort des Prinzengartens. (hier in der linken Bildhäfte). Rechts ist das Bürglaßschlößchen deutlich zu erkennen. Desweiteren sieht man das Bürglaßtor und die alte Stahlhütte (heute steht dort das Landestheater) (Sammlung Boseckert)
Bild 3: Die heutige Situation des früheren Augustengartens, bebaut durch das Palais Edinburgh und dem Kyrill-Palais (Foto: Christian Boseckert, 2007)

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Die Brauerei Sturm

Werbung der Brauerei Sturm (Sammlung Christian Boseckert)

Die Ketschengasse sah in ihrer langen Geschichte viele Geschäfte, die hoffnungsvoll gegründet und später wieder aufgegeben wurden. Das gleiche galt für die dort ansässigen Gastwirtschaften. Allein in der oberen Ketschengasse, von Markt bis zum Albertsplatz, gab es einst acht Speise- oder Bierwirtschaften. Die Bierlokale waren allerdings nicht über das ganze Jahr geöffnet, sondern sie konnten nur dann besucht werden, wenn Bier im Haus zum Verkauf vorhanden war. Gebraut wurde der Gerstensaft von den Hausbesitzern, wenn sie eine Brau- und Schankgerechtigkeit aufweisen konnten.

Die Sturm´sche Bierwirtschaft in der Ketschengasse 15, mit dem Sturmsbrunnen im Vordergrund (Zeichnung: Emil Maurer)

Die frühere Coburger Brauerei Sturm ist aus einer solchen Bierstube in der Ketschengasse entstanden. Der Firmengründer Anton Sturm, wurde im Jahre 1809 in Coburg im Hause Obere Salvatorgasse Nr. 4 geboren und heiratete 1833 Johanna Christiane Friederike Obenauf, deren Vater ein angesehener Bürger und Seilermeister in der Ketschengasse (Haus Nr. 15) war. Dieses Gebäude besaß damals eine solche Brau- und Schankgerechtigkeit. Um das Brauen und den Betrieb der Schenke kümmerte sich nach seiner Heirat ausschließlich der junge Ehemann Anton Sturm, welcher hauptberuflich das Handwerk eines Webers ausübte. Damals wurde in einem der städtischen Brauhäuser die Würze für das Bier gebraut, die dann in Holzbutten in die Keller der einzelnen Bierlokale getragen wurde. Dort setzten die Hausbrauer Hefe der Bierwürze zu, was zu einer Vergärung führte. Nach vollendeter Reife entstand daraus ein schmackhaftes Bier. Ein solches braute auch Anton Sturm. Die Einheimischen konnten es in seiner Bierwirtschaft in der Ketschengasse und ab 1840 auch im Sommer, im sogenannten „Sturmsgarten“ zwischen der heutigen Alexandrinenstraße und der Hohen Straße trinken. Der Garten besaß auch einige Keller, wo Sturm sein Bier gut lagern konnte. Nachdem auch viele Wirte Interesse am Sturmsbier zeigten, wurde im Jahre 1873 nach viele Schwierigkeiten die heute noch bestehende Brauerei-Anlage an der Callenberger Straße gebaut. Sturms Plan, die Brauerei am Glockenberg, anstelle seines Kellerbiergartens zu errichten, scheiterte an den Einsprüchen der Nachbarn und der herzoglichen Regierung. Wenige Monate nach der erfolgreichen Aufnahme der Bierproduktion im neuen Gebäude am Bärenhölzchen, starb Anton Sturm am 3. Januar 1874 im Alter von 64 Jahren an Herzversagen.

Die Brauereigebäude in der Callenberger Straße (Quelle: ehemaliges Firmenarchiv Sturmsbrauerei)

Seine drei Söhne Georg, Samuel und Gotthold übernahmen fortan die Geschäftsführung und den Betrieb von Gaststätte und Gartenlokal. 1891 wurde die Kellergartenwirtschaft verkauft, um aus dem Erlös für die Brauerei neueste Technik anschaffen zu können. Die Lokalität in Ketschengasse bestand bis in die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts fort und wurde von den beiden unverheirateten Töchtern Anton Sturms, Emma und Wilhelmine, weitergeführt. Der Volksmund gab der beliebten Gastwirtschaft fortan an den Spitznamen „Sturms Tanten“. Die Brauerei indes entwickelte sich erfolgreich weiter. Um 1910 konnte bereits eine jährliche Bierproduktion von 25.000 Hektolitern erreicht werden. Die Absatzgebiete lagen vor allem im Thüringer Raum. 1908 übernahm Anton Sturm jun. die Brauerei. Als er zu Anfang des Ersten Weltkrieges an der Westfront fiel, ging die Brauerei an eine Erbengemeinschaft. Geschäftsführer wurde sodann der Kommerzienrat Julius Schiller, der seit 1897 in der Brauerei arbeitete und mit einer geborenen Sturm verehelicht war. 1923 wandelte er das Unternehmen von einer als OHG geführten Personengesellschaft in eine Kapitalgesellschaft als AG um. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gelang es Schiller, das Unternehmen erfolgreich durch die schwierige wirtschaftliche Situation der 1920er Jahre zu führen. Der Krieg und die nachfolgende Teilung Deutschlands brachten der Brauerei wirtschaftliche Nachteile. So verlor man durch die Grenzziehung ca. 75 % seiner Kunden. Doch gelang es dem neuen Brauereichef Walter Steinhäuser, der zuvor als Buchhalter in dem Betrieb gearbeitet hatte, diese Schwierigkeiten zu überwinden. Notwendige Investitionen wurden durch die Aufstockung von Kapital finanziert und als Folge daraus mit dem Coburger Kaufmann Carl Puff einen neuen Großaktionär in die Aktiengesellschaft aufzunehmen. 1975 trat mit Friedrich Puff der letzte Brauerei-Vorstand sein Amt an. Unter seiner Führung entwickelte sich die Brauerei zu einem mittelständischen Unternehmen mit rund 50 Mitarbeiten und einem jährlich Bierausstoß von 45.000 Hektolitern.

Werbung der Brauerei Sturm (Sammlung Christian Boseckert)

Das Ende der Selbstständigkeit erfolgte 2001 mit dem Tode Friedrich Puffs, welcher im August 2001 im Alter von 58 Jahren seinen Tod in einem Gärbottich fand. Bereits am 1. November 2001 wurde die Firma an die Kulmbacher Brauerei verkauft. Der Name Sturm ist allerdings noch heute allgegenwärtig in Coburg. Sei es der Sturmsbrunnen in der Ketschengasse oder die Sturmstreppe am Glockenberg – beides erinnert an dieses große Coburger Unternehmen.

Text: Christian Boseckert

Bildnachweise:
Bild 2: Die Sturm´sche Bierwirtschaft in der Ketschengasse 15, mit dem Sturmsbrunnen im Vordergrund (Zeichnung: Emil Maurer)
Bild 3: Die Brauereigebäude in der Callenberger Straße (Quelle: ehemaliges Firmenarchiv Sturmsbrauerei)
Bild 1 und 4: Werbung der Brauerei Sturm (Sammlung Christian Boseckert)

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Als die B4 noch durch die Stadt ging oder aus der Geschichte der Ketschengasse

Wer kann sich noch an die alte B4 erinnern, welche einst sich durch die Coburger Innenstadt zog. Für die jüngere Generation ist dies kaum noch vorstellbar. Der folgende Abschnitt über die B4 in der Ketschengasse soll zeigen welches verkehrstechnischen Probleme sich besonders nach 1945 offenbarten, welche schließlich zu einer Verlegung der Bundesstraße führten.

Das Äußere Ketschentor um 1900 (Sammlung Patrick Aigner)

Das Äußere Ketschentor um 1900 (Quelle: Sammlung Patrick Aigner)

Der Bereich des äußeren Ketschentores war verkehrstechnisch bereits vor dem Zweiten Weltkrieg ein Problem. In den 1920er Jahren hatte die Motorisierung vor den Toren Coburgs auch nicht halt gemacht und der aufkommende Verkehr ließ die einspurige Durchfahrt durch das äußere Ketschentor zu einer ganz gefährlichen Engstelle werden. 1929 wurde deshalb erstmals ins Auge gefasst auf der Westseite vom Ketschentor eine Fahrbahn mit Gehweg durch das zur Stadt Coburg gehörende Anwesen Ketschengasse 56 zu schaffen. Aber erst 1939 stellte die Stadt beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege den Antrag, das besagte Haus abreißen zu dürfen.
Doch das Landesamt war strikt gegen dieses Vorhaben und argumentierte: „Die Fernstraße 4, die durch das Ketschentor führt, soll man regional irgendwie umleiten, oder man solle sich doch dieser modernen Verkehrssignalanlage bedienen.“
Der Coburger Stadtspitze kam schließlich der Zweite Weltkrieg zu Hilfe. Nach einem Bombenangriff im Jahre 1940 auf Coburg wurden durch die gewaltigen Druckwellen Mauerrisse sichtbar, die zu einer Einsturzgefahr des Gebäudes neben dem Ketschentor führten. Gegen solche Tatsachen war selbst das Landesamt für Denkmalpflege machtlos. Noch im selben Jahr erfolgte die Abbruchgenehmigung, die aber aufgrund des Kriegsverlaufs nicht mehr ausgeführt wurde.

Das Äußere Ketschentor heute (Foto: Christian Boseckert, 2006)

Das Äußere Ketschentor heute (Foto: Christian Boseckert, 2006)

Im Jahre 1945 kamen schließlich die Amerikaner nach Coburg. Diese fuhren Zeitzeugenberichten zu Folge mit ihren Panzern am 11.April 1945 oder kurz danach gegen das Haus Ketschengasse 56, um von Süden her in die Stadt zu gelangen, da die Durchfahrt durchs Ketschentor für ihre Fahrzeuge zu schmal war. Jetzt war das Gebäude endgültig einsturzgefährdet und stellte eine ernsthafte Gefahr für Fußgänger dar. Auf Anordnung der amerikanischen Militärregierung mussten deutsche Kriegsgefangene im Juni/Juli 1945 das Haus abbrechen und beseitigen. Auf diese Weise war nun eine freie Durchfahrt für alle Fahrzeuge entstanden und damit das erste bauliche Eingriff im Bereich der alten Bundesstraße 4 abgeschlossen.
Dieser Zustand hielt sich aber nur bis 1956, den in diesem Jahr stand die 900-Jahr-Feier Coburgs an und die Stadtführung wollte aus diesem Anlass diesen noch offen sichtbaren Kriegsschaden beseitigen. In einer Kampfabstimmung stellte der Stadtrat Mittel in Höhe von 104.000 DM bereit. Der Bauplan sah vor, einen runden Torbogen an dieser Stelle zu errichten. Die Arbeiten wurden im März 1956 begonnen und mit einer sechswöchigen Unterbrechung während der 900-Jahr-Feier im Dezember 1956 abgeschlossen. Dabei musste aber die verbliebene Flügelmauer auf der Westseite wegen des Überhanges von 23 cm gänzlich abgebaut und um diese Länge versetzt werden. Die Ausführung des gesamten Bauvorhabens wurde mit 134.000 DM abgerechnet. Das war enorm viel Geld für die damalige Zeit wodurch das Projekt in der Bevölkerung nicht ganz unumstritten war. Die einen bedauerten, dass die bisher so schön freie Durchfahrt nunmehr durch einen Torbogen eingeengt worden war, de anderen waren der Meinung, dass die Stadt soviel Geld besser hätte in den notwendigen Wohnungsbau angesichts des Flüchtlingsproblems stecken sollen.

Die Ecke Rosengasse / Ketschengasse um 1950 (Archiv Historische Gesellschaft Coburg)

Die Ecke Rosengasse / Ketschengasse um 1950 (Archiv Historische Gesellschaft Coburg)

Ein weiteres Verkehrshindernis im Bereich der alten Bundesstraße 4 war die Einmündung der Rosengasse in die Ketschengasse. Dort standen, wo sich heute der Flachbau des Orthopädiegeschäftes Brünnerbefindet, die Wohnhäuser Ketschengasse 26 und Rosengasse 24, die eine Engstelle im Bereich der Rosengasse verursachten. Als im Jahre 1955 im Zuge der verstärkten Motorisierung der Coburger Bevölkerung der Stadtrat die Ketschengasse zur Einbahnstraße Richtung Marktplatz erklärte, musste Richtung Süden eine parallele einspurige Fahrbahn gefunden werden. Die Rosengasse war dafür wie geeignet. Problematisch war hier nur der Einmündungsbereich zur Ketschengasse hin. Autofahrer konnten Kraftfahrzeuge die aus Richtung Ketschentor kamen erst sehr spät sehen. Ein Jahr später, im April 1956, konnte diese Engstelle mit dem Abriss der Häuser Ketschengasse 26 (zuletzt Motorrad- und Automobilgeschäft Gottlieb Kob, vorher Gaststätte „Zum Deutschen Kaiser“) und Rosengasse 24 (zuletzt Färberei Arnold) beseitigt werden. Dass es sich bei den beiden Gebäuden um wichtige Denkmäler der Geschichte Coburgs handelte, störte anscheinend damals nicht. Schließlich befand sich seit 1317 an dieser Stelle das so genannte Ketschenbad bzw. die Untere Badstube in der sich die Coburger Bevölkerung des Mittelalters dem Badevergnügen hingeben konnte. Nun, im Jahre 1956 waren diese beiden Häuser Geschichte. An deren Stelle entstand ein einstöckiger Flachbau (ursprünglich war hier der Bau eines Hochhauses geplant, doch der Stadtrat lehnte eine solches Projekt im Jahre 1957 ab) der der Architektur der 1950er Jahre entsprach. Gleichzeitig wurde die Rosengasse verbreitert und die Sicht Richtung Süden gründlich verbessert.

Die Ecke Rosengasse / Ketschengasse heute (Foto: Christian Boseckert, 2007)

Die Ecke Rosengasse / Ketschengasse heute (Foto: Christian Boseckert, 2007)

Dieser Zustand blieb bis 1983 erhalten. Danach verlegte man die Bundesstraße 4 auf den Neuen Weg bzw. Adamistraße (einen Bericht auf Coburg-Life gibt es >>> hier) und erklärte die Ketschengasse zur verkehrsberuhigten Zone. Seit 1997 ist der obere Teil dieser Straße eine Fußgängerzone.

Text: Christian Boseckert

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Der Hahnfluss

Der Hahnfluss, Foto:S.Peter

Der Hahnfluss heute in Cortendorf, Foto: © S.Peter

Vielen jüngeren Leser wird der Name Hahnfluss überhaupt nicht mehr ein so geläufiger Begriff sein. Die noch jung gebliebenen Leser erinnern sich sicherlich an den Fluss, der mitten durch Coburg floß.

Der Hahnfluss war einst ein wichtiges Gewässer für die Gewerbetreibenden in Coburg. Handwerker, wie Gerber, Färber und Tuchmacher, aber auch Mühlen benötigten einen Wasserlauf mitten in der Stadt. Auch bei Feuer oder zur Be- und Entwässerung des Stadtgrabens bedurft es eines Wassergrabens. Einen solchen Wassergraben gab es aber nicht in der Stadt Coburg, die Itz war zu weit entfernt und barg ständig das Hochwasserrisiko, der Stetzebach war zu klein.

Der Hahnfluss auf Höhe der Schenkgasse (Zeichnung von Emil Maurer, im Privatbesitz Boseckert)

Zur Versorgung der Innenstadt wurde also ein Kanal oder besser Mühlgraben angelegt, der Han oder auch Hayn, später als Hahnfluss bekannt. Während sein Oberlauf aufgrund der vielen Schleifen von Itz und Hahnfluss eine natürliche Laufbildung vermuten lässt, ist sein Unterlauf von der Hahnmühle abwärts bestimmt durch Menschenhand angelegt worden, vermutlich bereits vor 1323, in diesem Jahr wird die „Haynmül“ erstmals urkundlich erwähnt.

Der malerische Hahnfluss am Lohgraben nach Hans Weberpals (im Privatbesitz Boseckert).

Der Hahnfluss zweigt oberhalb des Stadtteils Cortendorf von der Itz ab. Die Wehranlagen, was heute noch davon übrig ist, stammen aus den Jahren 1830/32, 1956 modernisiert. Vorher war das Wehr bedeutend einfacher und an einer anderen Stelle. Es wurde durch das Hochwasser der Itz häufig und meist auch stark beschädigt. 1830 wurde es sogar vollständig fortgerissen. Die Wehranlagen bestanden aus drei Wehren:

  • dem Überfallwehr an der ehemaligen Porzellanmanufaktur Cortendorf / Julius Griesbach, dieser Teil der Anlage ist nicht mehr vorhanden
  • der Rumpel, einer künstlich angelegte Steintreppe und
  • dem Schützenwehr mit Wehrhäuschen, dem sogenannten Feinstregulator

Durch diese Wehranlagen wurde der Wasserstand des Hahnflusses reguliert, ein Wehraufseher bediente die Schützen und beaufsichtige die gesamte Wehranlage. Neben dem Regulieren musste der Wehraufseher zudem im Winter das Einfrieren der Wehre verhindern.

Der Hahnfluss hatte vor seiner Verrohrung eine Länge von ca. 3.800 Meter auf einer Luftlinie von 2.750 Metern. Die wichtigsten Punkte 1954 waren:

  • Die Wehranlagen in Cortendorf (heute teilweise erhalten)
  • Die zwei (vormals drei) Eisteiche der Brauerei St.Scheidmantel, die vom Hahnfluss gespeist werden (die Eisteiche sind heute zugeschüttet)
  • Die Straße „Am Bach“ im Stadtteil Cortendorf (Schöpfstellen, Viehtränke, Enten- und Gänsewasser, Gerätehaus der Feuerwehr – Spülen der Schläuche – , Weidenwäsche der Korbmacher, Schwemmsand).
  • Der „Tote Arm“ (z.T. schon zugeschüttet!) mit der ehemaligen Pulvermühle.
  • Die Maschinenfabrik und Eisengießerei Langenstein und Schemann – 1863 als Ernsthütte gegründet.
  • Die Lohmühle (Mühlensteine am rechten Ufer) – die Lohmühle steht heute noch
  • Das Hindenburgbad (vormals „Städtische Schwimmschule“) mit dem sog. „Prinzbad“, noch früher „Badehaus“) – heute das Aquaria
  • Die ehemalige Eisbahn hinter dem Grundstück Wittmann, Rosenauer Straße 16 – 18.
  • Der Rittersteich mit der Kemenate (Rosenauschlösschen), Hoffischerei – hier kann man den Verlauf anhand des Fußweges sehr gut erahnen
  • Das Speisegasthaus Schröck (Versorgung der Fischkeller) – heute Costas Taverne
  • Die Hahnmühle (Eichpfahl noch vorhanden!) – ehemaliges Simpl und Fleischerei Rose
  • Das Hahntor (1465 errichtet und 1803 abgebrochen)
  • Die Gerbergasse (alte Gerberhäuser).
  • Das städtische Triebwerk (vormals „Globuswerke“, vormals „Ennersmühle“).
  • Der Schenkensteg (Coburgs „Klein-Venedig“).
  • Der Lohgraben mit dem Kindlesbrunnen.
  • Die ehemalige städtische „Badstube“ im Haus der Färberei und Reinigungsanstalt Mundt, Badergasse 11.
  • Die Stadtmühle (Quickersmühle, auch „Stücklesbrotmühle“ im Volksmund genannt).
  • Fisch-Zetzmann, jetzt Rosengarten und Kaden, Mühlgasse.
  • Die Walkmühle (Halbmühle), Walkmühlgasse, Webergasse.
  • Die letzte Gerberei: Lederwaren-Dietz, Judengasse 50
  • Die Schöpfstelle an der Löwenstraße (Treppe) mit den zwei alten Steinbänken.
  • Die einstige Fortführung des Hahnflusses durch die Victoriastraße zum Ketschentor.
  • Die Einmündung des Hahnflusses in die Itz an der Judenbrücke

Der Zusammenfluss von Itz und Hahnfluss an der Judenbrücke (Sammlung Christian Boseckert)

1965 wurde durch den Coburger Stadtrat die Verrohrung des Hahnflusses beschlossen, Am 12. Februar 1967 wurde im Stadtgebiet, im Stadtteil Cortendorf bereits 1958 mit den Verrohrungsarbeiten begonnen.

Das überirdische Ende des Hahnflusses, Foto: © S.Peter

Heute kann man noch einen kleinen Teil des Hahnflusses sehen, der überirdische Teil endet in Cortendorf am ehemaligen kleinen Eisteich, ein Teil wird über eine große Rumpel in die Itz hinter der Brauerei St.Scheidmantel geleitet, der Rest des Mühlgrabens fliesst durch die Verrohrung.

Zum Thema Verrohrung des Hahnflusses gibt es übrigens bei iTV-Coburg einen interessanten >>> Filmbeitrag von 1967 zu sehen.

Der Hahnfluß war nicht der einzige Mühlgraben in Coburg. Dazu später jedoch mehr ….

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Die Wagnersbrauerei

Coburg war einst eine sehr bedeutende Bierstadt. Darüber geben Artikel von Gerd Bieler, Patrick Aigner und Norbert Niermann über die Geschichte der Vereinsbrauerei sowie den zahlreichen Fotodokumentationen über die Coburger Hofbräu und der Brauerei Scheidmantel reichhaltig Auskunft. Der folgende Beitrag über die Wagnersbrauerei soll nun ein weiteres Mosaiksteinchen dafür sein, wie bedeutsam das Coburger Bier in früheren Zeiten war.

Die Geschichte dieser Brauerei begann bereits im Jahre 1770 im Hause Judengasse Nr. 11 (heute befindet sich dort der PLUS-Markt). In diesem Jahr erwarb die Familie Wagner das Anwesen und eröffnete dort eine Bäckerei. 20 Jahre später verlieh Herzog Ernst Friedrich von Sachsen-Coburg-Saalfeld der Familie die Brau- und Schankgerechtigkeit. Es war zur damaligen Zeit nichts ungewöhnliches das Bäcker im Nebenberuf auch Brauer waren, denn brauen konnte man nur in der kalten Jahreszeit. Konservierungsmittel waren noch völlig unbekannt und so schlug der Gerstensaft bei warmen Temperaturen immer ganz schnell um.

Der Ursprung der Bierbrauerei Wagner in der Judengasse Nr. 11 (Foto: Christian Boseckert)

Der Ursprung der Bierbrauerei Wagner in der Judengasse Nr. 11 (Foto: Christian Boseckert)

Unter dem Bäckermeister Nikolaus Wagner (1789-1858) erlebten die Bäckerei und auch die Brauerei ihren ersten Höhepunkt. Insgesamt zehn Gesellen und 18 Dienstboten beschäftigte er in dieser Zeit. Zusammen mit seiner Ehefrau Ernestine hatte Wagner drei Söhne und eine Tochter.
Der Erstgeborene Sohn Peter Wagner führte die Bäckerei in der Judengasse weiter. Sie sollte dort noch bis 1965 existieren.
Der zweite Sohn Friedrich (geboren 1830) sollte die Brauerei übernehmen. Er genoss daher eine Ausbildung im Büttnerhandwerk und als Bierbrauer im elterlichen Betrieb. Im Jahre 1853 erwarb sein Vater Nikolaus das Anwesen Herrngasse Nr. 5. Dort existierte zu jener Zeit ein Gasthaus „Zur Rose“ mit Braugerechtigkeit. Nach dem Tode von Nikolaus Wagner im Jahre 1858 erhielt nun Friedrich Wagner dieses Grundstück im Erbgang. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde die Bierproduktion von der Juden- in die Herrngasse verlegt.

Das Gasthaus war schon 1853 von Friedrich Wagner bewirtschaftet worden. Dies belegt die Gründungurkunde des Coburger Vereins „Concordia“ der 1856/57 in den Räumen des Gasthauses „Zur Rose“ gegründet wurde. Mit dem ererbten Gebäude hatte Wagner nun große Pläne. 1859 baute er sich in das Haus eine Malzdarre ein. Er wollte wohl seine Brauerei weiter ausbauen. Das dafür notwendige Wasser bezog er aus dem Rückertbrunnen. Doch waren die räumlichen Verhältnisse in der Herrngasse recht beengt, sodass Wagner sich gezwungen sah, außerhalb der Stadt eine neue Brauerei errichten zu lassen.

Das ehemalige Gasthaus "Zur Rose" in der Herrngasse. (Foto: Christian Boseckert)

Das ehemalige Gasthaus "Zur Rose" in der Herrngasse. (Foto: Christian Boseckert)

Im Jahre 1863 erwarb er daher einige Grundstücke am Fuße des Judenberges. Dort begannen im Jahr darauf die ersten Arbeiten zum Bau einer Brauerei und einer Brauereigaststätte. Umfangreiche Unterlagen sind dazu im Stadtarchiv Coburg vorhanden. Es wird dabei von einem Neubau eines Bierkellers und eines Lagerhauses, dem Aufbau eines Stockwerkes auf ein Wirtschaftsgebäude im Neuen Weg, einem Anbau am Wohnhaus im Neuen Weg und von dem Einbau einer Braupfanne im Keller am Neuen Weg berichtet. 1874 installierte man in die Wagnersbrauerei eine Dampfkesselanlage. Die Brauerei trug einst die Adresse Judenberg Nr. 2 und befand sich direkt an der Stelle der sogenannten Judenbergunterführung, gegenüber des Böhm´schen Privatkindergartens. Diese Unterführung gab es 1863 noch nicht. Die Bahnschienen verliefen noch ebenerdig zur Straße hin, sodass man nur einen einfachen Bahnübergang überqueren brauchte. Da es auch noch keine Stadtautobahn gab, war dort genügend Platz für eine Brauerei.

Die ehemalige Brauereigaststätte Wagner im Neuen Weg Nr. 1 (Foto im Besitz der Familie Catterfeld)

Die Brauereigaststätte hingegen befand sich genau auf der anderen Straßenseite der heutigen Unterführung Richtung Neuer Weg. Sie wurde ebenfalls, wie das Gasthaus „Zur Rose“ in der Herrngasse in den folgenden Jahrzehnten von der Familie Wagner bewirtschaftet. Zu dieser Zeit war der Konkurrenzdruck immens groß. Besonders die Gründung der Vereinsbrauerei am Hahnweg im Jahre 1871 veränderte die Situation der bis dahin bestehenden Braubetriebe. Friedrich Wagner sah sein Unternehmen darin gefährdet. Um dem entgegen zu steuern wollte Wagner selbst, mit einigen Braukollegen eine Brauerei, ähnlich der Vereinsbrauerei gründen. Und er gewann auch zwei Bierbrauer, die bei dieser Sache mitmachten: Carl-August Flinzberg und Karl Müller. Flinzberg hatte seinen Betrieb in der Judengasse Nr. 19 (heute Gaststätte Rizzibräu), Müller betrieb eine Gastwirtschaft und eine Brauerei in der Metzgergasse Nr. 9 (ehemals Gaststätte „Zur Goldenen Krone“).

1875 erwarben diese drei die Gebäude der früheren Ernst Fischer´schen Färberei und Wollwarendruckerei in der Badergasse Nr. 8 (heute steht dort der Baderhof). Dort gründeten sie die „Genossenschaftsbrauerei“. Leider blieb diese Unternehmung nicht von Erfolg gekrönt. Bereits 1885 musste die Brauerei Konkurs anmelden. Das Gelände übernahm die Kreditkasse des Spar- und Hülfevereins Coburg. Von diesem Misserfolg erholte sich die Wagnersbrauerei und deren Besitzer Friedrich Wagner nicht mehr. Er starb noch im selben Jahr im Alter von 55 Jahren.
Die Brauerei im Neuen Weg erbten nun dessen beide Söhne Ernst und Friedrich Wagner jun. Sie stellten im Jahre 1887 den Braubetrieb endgültig ein und verkauften 1893 Teile des Brauereigeländes an die Deutsche Reichsbahn, die das Gelände zum Ausbau ihres Streckennetzes am Coburger Hauptbahnhof benötigte. Allerdings sollten die ersten Arbeiten dort im Jahre 1911 beginnen. Im Zuge dieser Maßnahmen wurde die Brauerei abgebrochen, dass sie der neuen Judenbergunterführung im Wege stand.
Die Brauereigaststätte wurde unter dem Namen „Wagnersbrauerei“ noch bis in die Mitte der 1920er Jahre weitergeführt. Danach diente sie als Bierniederlage der Bamberger Hofbräu AG. Das Haus blieb bis 1899 im Besitz der Familie Wagner. Danach war eine Familie Catterfeld jahrelang Eigentümer des Hauses. Im Zuge des Ausbaus des Neuen Weges zur Stadtautobahn wurde die Brauereigaststätte im Jahre 1977 abgebrochen. Mit ihr verschwand die letzte Erinnerung an diese Coburger Brauerei. Lediglich einige Bierkeller haben sich von ihr noch bis in die Gegenwart erhalten.

Text: Christian Boseckert

Bildquellen:
Bild 1: Der Ursprung der Bierbrauerei Wagner in der Judengasse Nr. 11 (Foto: Christian Boseckert)
Bild 2: Das ehemalige Gasthaus “Zur Rose” in der Herrngasse. (Foto: Christian Boseckert)
Bild 3: Die ehemalige Brauereigaststätte Wagner im Neuen Weg Nr. 1 (Foto im Besitz der Familie Catterfeld).

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Als Coburg Automobilgeschichte schrieb

Andreas Flocken mit Ehefrau auf einem seiner Elektrowagen, Quelle: NP-Coburg

Vielen dürfte unbekannt sein, dass einst in Coburg ein Stück Automobilgeschichte geschrieben wurde. Gemeint ist jetzt nicht die Firma Brose und deren Erfindung der Zentralverriegelung, sondern es soll in diesem Artikel um ein Unternehmen gehen, welches völlig in Vergessenheit geraten ist.

Bei dieser Firma handelt es sich um die Maschinenfabrik Flocken, in der das erste Elektroauto der Welt konstruiert wurde! Vor allem der Firmengründer Andreas Flocken war ein findiger Kopf, der sich durch seine bahnbrechenden Ideen auszeichnete. Alles begann 1880, als Flocken ein Baugrundstück in der Callenberger Straße (heute Haus Nr. 15) erwarb, um dort eine landwirtschaftliche Maschinenbaufabrik errichten zu können, welche bereits ein Jahr später in Betrieb ging.

Die Firmengebäude der Maschinenfabrik Flocken in der Callenberger Straße, Foto: Christian Boseckert

Anscheinend fanden seine Fabrikate einen guten Absatz, denn bereits 1885 vergrößerte er sein Unternehmen. Er kaufte vom Zimmermeister Erhard Göhring eine Dampfsägemühle mit dazugehörigem Wohnhaus im sogenannten Schleifgässchen. Der Gebäudekomplex befand sich genau gegenüber seiner Maschinenbaufabrik und trägt heute die Adresse Callenberger Straße 12 und 14 (gegenwärtig Zoogeschäft Babel).
Im Jahre 1888 gliederte er seiner Fabrik eine Abteilung für Elektrotechnik an. Fortan experimentierte er mit Elektrofahrzeugen und versah einen „hochrädigen, eisenbereiften Kutschwagen“ mit einem Elektromotor. Dessen Kraft wurde über Lederriemen auf die Hinderachse übertragen. In der Coburger Zeitung vom 28. September 1888 hieß dazu: „In der Werkstätte für landwirtschaftliche Maschinen des Herrn Flocken hier steht eine Dampf-Chaise in Arbeit. Dieselbe hat dieselbe Spurweite wie jedes andere Gefährt, ist einfacher und praktisch konstruiert und dürfte nach Fertigstellung großes Interesse aller Geschirrbesitzer hervorrufen.“

Die Firmengebäude der Maschinenfabrik Flocken in der Callenberger Straße, Foto: Christian Boseckert

Diesen Fakten waren jahrelang unbekannt. Erst 2002 veröffentlichte der Autor Halwart Schrader in seinem Buch „Deutsche Autos 1886-1920, Band 1“ die Geschichte des, wie er schreibt „vermutlich ersten Elektromobil der Welt“. Diesem Elektrowagen folgten noch weitere, wovon noch zwei Fotos zeigen.
Hier zeigt sich noch eine weitere bedeutende Erfindung Flockens. So befanden sich im Wagen zwei Hebel, mit denen Fahrer und Beifahrer lenken konnten. Diese Hebel waren mit einer Spurstange verbunden. Schlägt man die Internetlexika nach, so stellt man fest, das Flocken auch als der Erfinder der Spurstange vermutet wird. Das Patent soll er später an Henry Ford verkauft haben. Ferner weist Schrader auf die elektrischen Scheinwerfer des Flocken´schen Wagens hin, die er als ein „Novum“ bezeichnet. Die einschlägige Literatur dazu erwähnt, dass im Jahre 1903 der Wagenbau ein Ende gefunden habe. Doch Andreas Flocken hatte sich noch weitere Standbeine geschaffen. 1890 trat er als Mitpächter der städtischen Schleifmühle auf. Diese befand sich in der Nähe seiner Fabrik, auf dem Gelände der heutigen Firma Sagasser, und wurde 1975 abgerissen. Flocken betrieb darin eine Dynamomaschine, die er aber auch selber herstellte.
Ab 1895 stellte er vermehrt Anträge an die Stadt Coburg bezüglich des Baus von elektrischen Leitungen u.a. zum nahe gelegenen Bahnhofshotel „Excelsior“. Die Anträge wurden aber zum Teil abgelehnt. Flockens Ziel war es augenscheinlich in den Energiemarkt einzusteigen. Dies scheiterte jedoch als 1898 das Städtische Gaswerk Coburg die Firma Flocken verklagte, da diese ihre hergestellte Energie an Dritte verkaufte. Das Gericht verbot daraufhin dem Unternehmer einen weiteren Verkauf.
Vermutlich deshalb wendete sich Flocken einem neuen Geschäftsbereich zu. So kaufte er im Jahre 1900 die Wiesenmühle in Neuses bei Coburg, wo er eine Eisengießerei einrichtete. Die Mühle im heutigen Röstenweg fungiert gegenwärtig als Sägewerk. Als 1903 Andreas Flocken das Anwesen Kreuzwehrstraße 26a kauft und dort einzieht, bekommt das Gebäude sogar als eines der ersten Privathäuser Coburgs einen eigenen Telefonanschluss.

Zwei Jahre später wird eine separate Telefonleitung zwischen dem Betrieb und dem Privathaus Flockens gelegt.  In diesem Jahr (1905) erwarb Andreas Flocken auch ein Elektrizitätswerk in Redwitz. Dieses wurde von dem Maschinisten und Monteur Franz Oswald Hässelbarth aus Debschwitz bei Gera geleitet. Das Werk betrieb in einer ehemaligen Mahlmühle eine Dynamomaschine, angetrieben durch Wasserräder an der Rodach.

Flockens Wohnhaus in der Kreuzwehrstraße, Foto: Christian Boseckert

Auf dem Höhepunkt des Erfolgs trat Andreas Flocken 1908 in den wohlverdienten Ruhestand und die Leitung des Unternehmens übernahm sein Sohn Robert, der bereits seit 1896 als Mitinhaber fungierte.

Robert Flocken war von Beruf Ingenieur und Elektrotechniker und sollte so das Werk seines Vaters fortsetzen. Augenscheinlich gelang ihm das nicht. So wurde 1909 das Sägewerk durch eine Feuersbrunst zerstört und die Anlage danach nicht wieder in Betrieb genommen.
Nach dem Ersten Weltkrieg befand sich schließlich das Unternehmen im Besitz von Alfred Axthelm aus Neustadt bei Coburg, der nur noch die Landmaschinenfabrik weiterführte. Dieses Ende erlebte Andreas Flocken nicht mehr. Er starb am 25. April 1913 in seinem Haus in Neuses bei Coburg, wo er 1908 hingezogen war. Die Firma selbst existierte noch bis Anfang der 1930er Jahre hinein. Im Adressbuch von 1931 hat sich noch eine Werbung erhalten, wo die Firma Flocken den Verkauf von Autos und Motorrädern anpreist. Die schweren wirtschaftlichen Verhältnisse der 1920er und 1930er Jahre haben wohl auch hier dieses bedeutende Coburger Unternehmen untergehen lassen.

Anmerkung:

Flockens Fabrikgebäude in der Callenberger Straße 15 wurde in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges, im April 1945, durch Artilleriebeschuss zerstört. Es wurde danach nur noch notdürftig wieder aufgebaut.

Text: Christian Boseckert

Bildquellen: Aktuelle Fotos Christian Boseckert (2008); ansonsten Neue Presse Coburg
Bild 1: Andreas Flocken mit Ehefrau auf einem seiner Elektrowagen
Bild 2 und 3: Die Firmengebäude der Maschinenfabrik Flocken in der Callenberger Straße
Bild 4: Flockens Wohnhaus in der Kreuzwehrstraße

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