Der Zwiebelmarkt

Ansichtskarte vom Zwiebelmarkt um 1900 mit Markgeschehen von der Ketschengasse (Sammlung Christian Boseckert)

In diesen Tagen findet auf dem Coburger Marktplatz wieder einmal der alljährliche Zwiebelmarkt statt. Er gilt als der älteste und traditionsreichste Markt in der Vestestadt.
Wenn der Markt geöffnet hat, so bieten die hiesigen Bäcker ihren frisch zubereiteten Zwiebelkuchen an, zu dem sie auch einen Federweißen ausschenken. Diese Tradition stammt noch aus dem Mittelalter, als die Bäcker auch Bier und Wein, den sie zum Teil selbst hergestellt hatten, über die Straße verkauften. Aus dieser Tatsache heraus entwickelten sich viele Coburger Gaststätten wie beispielsweise die Loreley oder der „Goldene Hirsch“ in der Judengasse.

Doch kommen wir auf die Ursprünge des Zwiebelmarktes zurück. Am 20. März 1466, dem Palmsonntag, brach in der Steinweg-Vorstadt zwischen dem Spitaltor und der Heiligkreuzkirche ein Großfeuer aus, welches der Überlieferung nach über 200 Wohnhäuser in Schutt und Asche legte. Das Feuer brach seinerzeit im Hause Steinweg Nr. 5 (heute Sitz der Hypo-Vereinsbank) aus ungeklärten Umständen aus. Um den Wiederaufbau der Vorstadt schnell voranzutreiben, beschloss der Rat der Stadt Coburg dem damaligen Landesherrn, Herzog Wilhelm III von Sachsen, genannt der Tapfere, zu bitten, einen vierten Jahrmarkt zu genehmigen. Durch die Einnahmen sollte das Geld für den Wiederaufbau gewonnen werden. Wilhelm III bestätigte in einer Urkunde vom 17. April 1466 die Abhaltung von drei Jahrmärkten in Coburg und gewährt ihr „…aufdaß sich die Unsern von Coburg ihres vorgenannten Brandschadens desto besser wieder erholen…“ einen vierten Markt. Dieser sollte entweder vor oder nach dem Feiertag Mariä Geburt am 8. September stattfinden.
Dieses Jahr findet er nach dem erwähnten Feiertag statt. Aber anscheinend war dieser Zeitraum schon vorher als Markttag in Gebrauch, denn in der bereits erwähnten Urkunde von 1466 wird dies indirekt erwähnt.Während des 30jährigen Krieges viel der Zwiebelmarkt ab 1633 aus. Erst 1647 wurde er wieder veranstaltet, erstmals unter dem Namen „Zwiebelmarkt“. Später, so scheint es, muss sich der Markt auch in den oberen Teil der Ketschengasse verlagert haben. Es wird nämlich von unzähligen Säcken mit Zwiebeln berichtet, welche die Bürgersteige und Hauseingänge vom Markt bist fast zum Albertsplatz hin versperrten. Ein Durchkommen für Fahrzeuge war da kaum möglich. Feilgehalten wurden die Zwiebeln hauptsächlich von Gärtnern aus Bamberg, Schweinfurt und Hallstadt. Aus diesem Grund werden auch heute noch die Bamberger von den Coburgern als „Zwiebeltreter“ verspottet.
Coburg war allein deswegen ein wichtiger Handelspunkt, da nicht nur die Coburger ihren Jahresvorrat an Zwiebeln hier eindeckten, sondern auch die Thüringer, die in Scharen hier die Zwiebeln aufkauften. Für die Kinder gab es zum Zwiebelmarkt etwas ganz besonderes: Das Süßholz zum Lutschen. Daraus wird bis heute auch Lakritze hergestellt.

Der Zwiebelmarkt entwickelte sich bis 1945 zum bedeutendsten Jahrmarkt des Jahres. Ein Ereignis soll dies belegen. Am Zwiebelmarkttag des Jahres 1906 kam der deutsche Kaiser Wilhelm II nebst Kaiserin Auguste zur Taufe des Erbprinzen Johann Leopold von Sachsen-Coburg und Gotha in die Vestestadt. Man wollte dem Monarchen bei einer Stadtrundfahrt nicht zumuten, durch die beengte und zwiebelduftende Ketschengasse zu fahren und beabsichtigte deshalb den Markt kurzfristig auf den Ketschenanger zu verlegen. Ein heftiger Protest erfasste daraufhin die Vestestadt. Schließlich blieb der Markt an Ort und Stelle und dem Kaiser wurde ein volkstümliches Treiben vorenthalten. Ob es damals ein Kaiserwetter gab, berichten die Chroniken nicht. Denn, so will es die Tradition, muss es am Zwiebelmarkt regnen. Erst dann gibt es die sogenannte „Zwiebelbrüh“, eine Art Dauerregen, der vornehmlich in der ersten September-Hälfte niederging.

Schließlich sollten zwei Faktoren das Ende des alten Zwiebelmarktes besiegeln. Zum einen vertrieb die einsetzende Motorisierung der Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg den Markt aus der Ketschengasse und zum anderen verlor der Markt dadurch an Bedeutung, dass es möglich wurde, Zwiebeln das ganze Jahr über zu kaufen. So fand der letzte traditionelle Zwiebelmarkt im Jahre 1957 statt. Danach wurden alle Jahrmärkte auf den Gemüsemarkt und in den Unteren Bürglaß verbannt. Der Markt diente fortan vornehmlich als Auto-Parkplatz. Erst Anfang der 1980er Jahre kehrte der Zwiebelmarkt wieder zurück auf den Marktplatz. Dort ist er bis heute geblieben.
Seit wenigen Jahren erinnert man sich wieder an die Bedeutung des Zwiebelmarktes, welcher durch Werbemaßnahmen zumindest einen Teil seines alten Glanzes wieder erhalten soll. Wichtig scheint jedoch zu sein, dass der Zwiebelmarkt seine alten Traditionen trotz der Veränderungen der letzten 60 Jahre erhalten hat – und sei es auch nur das regnerische Wetter!

Text: Christian Boseckert

Bildquellen:
Ansichtskarte vom Zwiebelmarkt um 1900 mit Markgeschehen von der Ketschengasse (Sammlung Christian Boseckert)

Ein scharfes Eck

Verkehrsprobleme hat es durch die Jahrhunderte schon immer gegeben und sind nicht erst in der Neuzeit durch den Autoverkehr entstanden. Nein, schon früher als man mit Pferden und Kutschen sich fortbewegte hat es diese Art von Problemen gegeben. Eines dieser Verkehrsprobleme was vor 130 Jahren Coburg erregte und schon längst gelöst wurde, soll heute das Thema sein. Es geht um die Kreuzung Judengasse/Viktoriastraße/Löwenstraße. Heute ist sie ein Bestandteil der so genannten Westtangente und eine der verkehrsreichsten Kreuzungen Coburgs. Im 19. Jahrhundert befand sich hier eine der gefährlichsten Engstellen der Stadt. Wie eng es dort zuging, zeigt eines der hier veröffentlichten Bilder.

Die Ecke Viktoriastraße/Judengasse um 1900 (Sammlung: Historische Gesellschaft Coburg)

An der Stelle der heutigen Löwenapotheke stand ein einfaches Wohnhaus das weit in die Viktoriastraße hineinragte. Diese war einst sehr schmal und bei trockenem Wetter sehr staubig und nach einem Regenguss eine Moraststraße. Das Haus welches in die Viktoriastraße hineinragte, war ein schmuckloses breit dahingelagertes Gebäude, als dessen einzige Zierde man die angemalte Firma “P. Eichmüllers + Sanitäts-Bazar” ansehen konnte. Um 1903 wurde der Bau abgerissen und Peter Eichmüller verlegte sein Sanitäts- und Parfümeriegeschäft in das Haus Judengasse 54, welches ebenfalls auf dem Foto zu sehen ist und dort bis 1955 existierte.

Wie gefährlich diese Engstelle war, ist auch recht gut zu erkennen, vor allem wenn man von der Judenbrücke in die Viktoriastraße einbiegen wollte. So kam es in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts zu einem “folgenschweren Unfall”, der sich bis heute in das Gedächtnis der Coburger eingeprägt hat und in den Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha verwickelt war.

Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha (Foto: Eduard Uhlenhuth, Sammlung Boseckert)

Dieser wollte man einem Vierergespann von der Viktoriastraße in Richtung Judenbrücke fahren, streifte dabei das Haus. Der Herzog, ein volkstümlicher Monarch der die Sprache der einfachen Leute sprach, erregte sich über dieses Malheur so sehr, dass er laut forderte man möge dieses “Scheißhaus” abreißen. Seither hatte dieses Gebäude diesen Spitznamen, sehr zum Leidwesen des damaligen Hausbesitzers dem Buchdruckermeister Bastel und weil er sich selbst zu den höher stehenden Bürgern Coburgs zählte (im Volksmund hieß er Graf Lytho) fühlte er sich durch den Kraftausdruck des Herzogs besonders gekränkt. Nun beide haben den Abriss des Hauses nicht mehr erlebt. 1904 errichte hier der Architekt Otto Leheis ein neues Jugendstilhaus, welches es zusammen mit dem Hause Judengasse 54 und dem Portikusbau des Ernst-Alexandrinenbades noch heute ein schönes Jugendstilensemble bildet.

Die Kreuzung heute (Foto: Christian Boseckert, 2010)

Durch diesen Neubau konnte nun die Viktoriastraße verbreitert werden, wozu auch der Biergarten der Gaststätte Bauer (Judengasse 39) beitrug, der um ein Stück verkleinert wurde. Wie sehr diese Veränderung nötig war, kann man heute täglich sehen. Unfälle konnten jedoch durch diese Maßnahme nicht verhindert werden. So kam es zuletzt dort 1996 zu einem tödlichen Unfall, wobei ein Motorradfahrer von einem Auto überfahren wurde und starb.

Vieles hat sich an dieser Kreuzung in den letzten hundert geändert. Häuser sind abgerissen und wieder aufgebaut worden. Zusätzlich wurde hier 1978 eine Verbindung zur Lossaustraße gebaut die die Umgebung maßgeblich veränderte. Möge man die verbliebenen alten Gebäude erhalten und sie nicht dem Verkehr opfern.

Text: Christian Boseckert

Bildquellen 1
Bild 1: Die Ecke Viktoriastraße/Judengasse um 1900 (Sammlung: Historische Gesellschaft Coburg)
Bild 2: Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha (Foto: Eduard Uhlenhuth, Sammlung Boseckert)
Bild 3: Die Kreuzung heute (Foto: Christian Boseckert, 2010)

Das erste Deutsche Turn- und Jugendfest in Coburg

Turner aus ganz Deutschland grüßen die Veste Coburg, Sammlung Christian Boseckert

Kein anderes Fest ist mit der deutschen Turnerbewegung so verbunden, wie das erste Deutsche Turn- und Jugendfest, das zwischen dem 16. und dem 19. Juni 1860 in Coburg stattfand.

Ihren Ursprung hatte die Turnidee im Wirken des Pädagogen Friedrich Ludwig Jahn, der bereits 1811 in der Hasenheide bei Berlin einen Turnplatz errichtete. Seine Ziele nach Einführung demokratischer Strukturen und der Einigung des in Kleinstaaten zersplitterten Deutschlands mochten die deutschen Fürsten nach dem Wiener Kongress von 1815 nicht folgen. In engem Bezug zu den Turnern stand auch die Bewegung der Burschenschaften, da auch sie die gleichen politischen Ziele verfolgten. Durch die Ermordung des Schriftstellers August von Kotzebue durch den Turner und Burschenschafter Karl Ludwig Sand im Jahre 1819 wurden alle Turnveranstaltungen in Preußen und anderen deutschen Staaten verboten. Jahn selbst musste für fünf Jahre ins Gefängnis. Trotz der Turnsperre wurde an vielen Orten im Verborgenen weiter geturnt. Im Laufe der Jahre lockerte die Obrigkeit das Turnverbot, um es schließlich in Preußen 1842 ganz aufzuheben. Turnen galt nun als „notwendiger Bestandteil der Erziehung männlichen Jugend.“ In der Folgezeit lebte auch das Vereinsturnen wieder auf, doch eine Dachorganisation, wo alle deutschen Turnvereine sich versammeln konnten, existierte nicht.
Dies wollten die beiden bedeutenden süddeutschen Turner Theodor Georgii und Carl Kallenberg ändern. Sie riefen im Herbst 1859 zu einer gemeinsamen Tagung auf und schlugen als Veranstaltungsort das zentral gelegene Coburg vor. Ferner hofften die beiden Protagonisten, dass sich der damalige Landesherr, Herzog Ernst II von Sachsen-Coburg und Gotha, infolge seiner liberalen Gesinnung sein Staatsgebiet nicht den Turnern verschließen würde. Die Hoffnungen wurden nicht enttäuscht. Am 21. März 1860 erteilte die herzogliche Regierung die Genehmigung für diese Veranstaltung. Finanzielle Zusagen, wie von den Veranstaltern gewünscht, wurden jedoch abgelehnt. Am 29. April 1860 trafen sich schließlich Georgii, Kallenberg und andere Turnfunktionäre mit den Mitgliedern des Turnvereins von 1848 Coburg, um die Feierlichkeiten zu besprechen. Am Schluss der Beratungen rief man zu einem Turn- und Jugendfest auf. Dieses sollte zwischen dem 16. Juni und dem 19. Juni 1860 stattfinden. Der Zeitraum wurde bewusst gewählt, da er mit dem Gedenktag der Schlacht bei Waterloo, wo Napoleon I vernichtend geschlagen wurde, einher ging. Diese patriotischen Emotionen müssen aus der Zeit heraus verstanden werden. Man hatte Sehnsucht nach einem deutschen Einheitsgefühl.
Als das Fest im Juni begann, war die Stadt festlich geschmückt. Der Herzog stellte die Reithalle und das Hoftheater für Veranstaltungen zur Verfügung und die Stadt half bei der Organisation des Festes und schaffte eine Vielzahl von Turngeräten an. Als Turn- und Vorführplatz diente der Ketschenanger. Insgesamt 1200 Teilnehmer kamen aus allen Teilen der deutschen Länder nach Coburg, um an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Diese begannen mit einer Versammlung auf der Veste, welche mit einem Feuerwerk feierlich abgerundet wurde. Am nächsten Tag folgte die offizielle Begrüßung der Stadt durch den damaligen 1. Bürgermeister Leopold Oberländer.

Einzug der Turner in den Burghof der Veste, Sammlung Christian Boseckert

Am 17. Juni, um neun Uhr morgens begann der Turntag in der Reithalle. Ziel war es einen gesamtdeutschen Turnerbund zu gründen. Aber nach lebhaften Debatten setzte sich der spätere langjährige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Turnerschaft, Ferdinand Goetz, mit dem Beschluss durch, vorerst keine gesamtdeutsche Organisation zu gründen, da dies wegen der in vielen deutschen Ländern bestehenden Vereinsgesetze nicht zu verwirklichen war. Goetz und seine Anhänger wollten lediglich das erreichen, was realistisch erschien: Eine positive Entwicklung des deutschen Turnwesens, unabhängig von allen parteipolitischen Bestrebungen. Erst 1868 gründete sich nach jahrelanger Vorbereitung eine Deutsche Turnerschaft unter der Führung von Goetz und Georgii
Der Nachmittag dieses Tages war geprägt von einem Festzug, in dem auch schwarz-rot-goldene Fahnen mitgeführt wurden und von Wett- und Schauturnvorführungen, die unter großem Applaus der Coburger Bevölkerung stattfanden. Am 18. Juni fanden Freiübungen und Turnspiele statt. Abends folgte dann ein Kommers in der Reithalle.

Turnübungen auf dem Ketschenanger, Sammlung Christian Boseckert

Am letzten Veranstaltungstag wanderten die Turner nach Schloss Callenberg, wobei diese dem Dichter Friedrich Rückert in Neuses einen Besuch abstatteten. Bei der Rückkehr nach Coburg teilten sich die jüngeren Turner in zwei Gruppen zu einem Kriegsspiel. Den Schluss der Festtage bildete am Abend in Gegenwart des Herzogs, ein großer Ball im Hoftheater. Ernst II war nur am letzten Tag des Turn- und Jugendfestes in Coburg zugegen, da zuvor auf dem deutschen Fürstentag zu Baden-Baden weilte.
Dieses Ereignis nicht mehr erlebt, hatte Friedrich Ludwig Jahn, der Turnvater. Er war bereits 1852 in Freyburg an der Unstrut gestorben. Die Turner erinnerten in Coburg dennoch an sein Wirken. Ohne ihn wäre die Entwicklung des Turnens und schlussendlich auch des Sports in Deutschland ganz anders verlaufen.

Text:
Christian Boseckert
(Dieser Text stammt aus der neuen Ausgabe der Zeitschrift “Coburger Geschichtsblätter”, die bald veröffentlicht wird.)

Bildquellen:
(alle drei Bilder: Sammlung Christian Boseckert)
Bild 1: Turner aus ganz Deutschland grüßen die Veste Coburg
Bild 2: Einzug der Turner in den Burghof der Veste
Bild 3: Turnübungen auf dem Ketschenanger

Die Brunnen in der Judengasse

Die Coburger Innenstadt besaß in der Vergangenheit eine Vielzahl von Brunnenanlagen, die mit der Zeit, aufgrund des zunehmenden Straßenverkehrs, entfernt werden mussten. Der Coburger Chronist Karche erwähnt im 18. Jahrhundert das zu dieser Zeit 29 Brunnen im Bereich der Innenstadt existierten. Eine Straße, die heute „brunnenfrei“ ist, aber einst zahlreiche solcher Anlagen aufweisen konnte ist die Judengasse. Dieser Beitrag soll auf die Suche nach den Brunnen gehen, wo sie gestanden haben und wie sie vielleicht aussahen.

Unsere Reise beginnt dabei direkt am Judentor. Vor dem gegenüberliegenden Haus Judengasse Nr.11, indem heute sich der Netto-Supermarkt befindet, stand einst ein Ziehbrunnen, der vom Grundwasser gespeist wurde. Er wird erstmals im Jahre 1440 erwähnt. In seinem Brunnenverzeichnis vom Jahre 1700 weist der Chronist Hönn ebenfalls auf einen Brunnen direkt vor dem Judentor hin. Später wurde offenbar aus dem Ziehbrunnen ein Pumpbrunnen, denn bei dem Chronisten Karche, den wir bereits oben genannt haben, heißt es, dass die Hochwasser der Jahre 1760 und 1764 bis zu dem „Pumpenbrunnen bei dem Bäckerhaus am Judenturm“ reichten. Mit dem Bäckerhaus ist das Haus Nr. 11 gemeint. Der Brunnen wird letztmalig in den Annalen der Stadt Coburg im Jahre 1807 genannt. Laut Zeitzeugenberichten hat er allerdings noch am Anfang des 20. Jahrhunderts gestanden und lieferte für alle Anwohner noch reichlich Wasser. Erst die Einführung der Kanalisation um 1907, machte den Brunnen überflüssig und er wurde entfernt.

Am Viktoriabrunnen um 1900 (Fotosammlung Christian Boseckert)

Ein weiterer Brunnen, der offenbar im Zuge der Trockenlegung des Stadtgrabens zwischen Judentor und Ernstplatz im Jahre 1825 entdeckt wurde, war der Viktoriabrunnen. Dieser befand sich an der Stadtmauer, unterhalb des Anwesens Metzgergasse Nr.2. Der Brunnen wurde mit Steinen gefasst, erhielt aber den Namen „Viktoriabrunnen“ erst nach einer Verschönerung im Jahre 1862. Mit der Namensgebung wollte man die britische Königin Viktoria ehren, die damals 14 Tage mit ihren Kindern in Coburg, der Heimatstadt ihres 1861 verstorbenen Ehemanns Albert, zu Besuch war.

Der Brunnen plätscherte noch bis über die Jahrhundertwende hinaus, versiegte aber nach dem Abriss des kleinen Judentores im Jahre 1899 allmählich und wurde schließlich wegen Gesundheitsschädlichkeit des Wassers zugemauert. Die kurze Straße vom Judentor zum Ernstplatz wurde erst im Jahre 1883 „Am Viktoriabrunnen“ getauft.

Ein weiterer Brunnen von dem wir nur die Existenz kennen befand sich vor dem Hause Judengasse Nr.28 (ehemals Papierwarengeschäft Steinert) im Einmündungsbereich Webergasse/Walkmühlgasse/Judengasse. Dieser Pumpbrunnen könnte auf den „Säumarkt“ zurückzuführen sein, der hier einige Jahre stattgefunden hat, bevor er in die untere Ketschengasse zog. Wann diese Anlage entfernt wurde ist noch unbekannt. Deshalb verlangt dies noch weitere Forschungen.

Die letzte Brunnenanlage, ebenfalls ein Pumpbrunnen in der Judengasse befand sich vor dem Wirtsgarten der Gaststätte Bauer. Auf einigen Abbildungen ist er noch deutlich erkennbar.

Der Pumpbrunnen vor dem ehemaligen Biergarten der Gaststätte Bauer (Fotosammlung Christian Boseckert)

Die ersten Pumpbrunnen kamen Anfang des 18. Jahrhunderts auf und ersetzten die Ziehbrunnen. Ursprünglich waren diese aus Holz. Erst ab 1880 waren die Pumpbrunnen ganz aus Eisen. Das Exemplar bei der Gaststätte Bauer musste 1948 dem wachsenden Verkehr weichen. Nur ein metallener Verschluss auf dem Bürgersteig vor dem Biergarten erinnert noch an seinen Standort.

So haben wir in einer nur kurzen Strecke bereits vier Brunnenanlagen kennen gelernt, die aber alle nicht mehr vorhanden. Wir dürfen uns dabei über diese Anzahl nicht wundern. Brunnen waren für das Überleben der Menschen wichtig, denn diese spendeten das kostbare Wasser. Ein Umstand den die „Wasserleitung-Generation“ heute nicht mehr nachvollziehen kann. Und so war es nicht ungewöhnlich, dass in einer Straße mehrere Brunnen existierten, siehe heute noch die Ketschengasse.

Text:
Christian Boseckert

Fotoquellen:
Bild 1: Am Viktoriabrunnen um 1900 (Fotosammlung Christian Boseckert)
Bild 2: Der Pumpbrunnen vor dem ehemaligen Biergarten der Gaststätte Bauer (Fotosammlung Christian Boseckert)

Veränderungen – Die Nordseite des Johann-Strauß-Platzes

Städtische Landschaften sind einem permanenten Wechsel unterworfen. Straßen werden erweitert, Häuser abgerissen und neue Gebäude wieder aufgebaut. Einige Orte der Veränderung werden in den kommenden Wochen hier an dieser Stelle zu sehen sein.

Blick in die Leopoldstraße 1965, Foto: Karl-Ulrich Pachale, Archiv der Historischen Gesellschaft Coburg

Erste Station auf der Reise durch die Coburger Innenstadt ist der Johann-Strauß-Platz, der seit 1986 diesen Namen trägt. Die Aufnahme zeigt die Nordseite des Platzes, wie er im Jahre 1965 aussah. Der Blick fällt dabei auf das markante Gebäude in der Bildmitte. In diesem Haus war einst das Coburger Stadtgefängnis untergebracht. Errichtet wurde dieser Komplex zwischen 1838 und 1840.
Ursprünglich diente das Gebäude als herzogliches Waschhaus und war demnach auch im herzoglichen Besitz. Keine 20 Jahre später, hatte die Coburger Landesregierung ein Auge auf das Grundstück geworfen. Grund hierfür waren die katastrophalen Zustände im Coburger Justizwesen. Das Gerichtsgebäude am Marktplatz (das heutige Stadthaus) brach aus allen Nähten und das Stadtgefängnis in der Fronveste am Ernstplatz war dermaßen marode, das es für Gefangene ein leichtes war, daraus zu entkommen. Ein neues Gebäude musste deshalb her. Der Coburger Landtag erwarb deshalb am 17. Juli 1858 für 15.000 Gulden aus herzogliche Waschhaus im Stetzenbach, welches sich nach Meinung der Landesregierung als Gefängnis und als Tagungslokal für das Schwurgericht eignete. Nach den damaligen Unterlagen zu schließen, wurde der Kauf aber recht überstürzt vollzogen, denn es stellte sich bald heraus, dass der bauliche Zustand nur bedingt den Anforderungen entsprach und für die Untersuchungsgefangenen zudem ein Anbau erforderlich wurde. Deshalb konnte das Gefängnis erst im Juli 1861 seiner Bestimmung übergeben werden.
Der Volksmund bezeichnete diese Anstalt als „Hotel Mayer“ oder „Villa Mayer“. Dieser Name rührt von dem früheren Gefängnisinspektor August Christian Mayer (1858-1933) her, der hier seiner Tätigkeit nachging. Andere Inspektoren standen ebenfalls Namenspate für das Stadtgefängnis in der seit 1850 erwähnten Leopoldstraße.

Hundert Jahre später war das Gebäude völlig abgewirtschaftet, der Anbau wegen Baufälligkeit sogar polizeilich gesperrt. Erst 1968 ordnete das bayerische Justizministerium die sofortige Schließung der Anstalt wegen Baufälligkeit an. Das Schwurgericht war bereits 1921 vor das Ketschentor, ins ehemalige herzogliche Ministerium, gezogen. In den darauf folgenden Jahren stand das Stadtgefängnis leer und verfiel zusehends. Ein Höhepunkt in der Geschichte des Hauses stellt nochmal das Jahr 1978 dar, als im ehemaligen Schwurgerichtssaal Szenen des Rainer-Werner- Fassbinder-Films „Die Ehe der Maria Braun“ gedreht wurden.

Johann-Strauß-Platz 1994, Foto: Karl-Ulrich Pachale, Archiv der Historischen Gesellschaft Coburg

Im November 1980 erfolgte schließlich der Abbruch des Gebäudes. Auf dem Grundstück entstanden schließlich Anwohnerparkplätze und Besucherparkplätze des Kunstvereins. Auf dem jüngeren Foto sind diese Parkplätze recht gut zu erkennen.
Das abgerissene Stadtgefängnis gibt uns heute den Blick auf dessen Nachbarhaus Leopoldstraße 55 frei, das im Jahre 1569 zum ersten Mal erwähnt wurde. Bei diesem Gebäude handelte sich wohl ein einfaches Tagelöhner-Wohnhaus, das 1683 wie folgt beschrieben wurde: Ein Mittelbau mit zwei Stockwerken, zwei Stuben und einem Keller. 1711 brannte dieses Gebäude ab, so dass das heutige Aussehen des Hauses wohl auf einen Neubau aus der Zeit nach dieser Feuersbrunst zurückgeht. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts war hier eine Schreinerei ansässig, welche einer Familie Weidmann gehörte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm der Schreinermeister Heinrich Baier das Unternehmen, der es bis in die 1970er Jahre weiterführte. Ihm folgte sein Kollege Horst Dunker nach, der den Schreinerbetrieb bis in die 1980er Jahre hinein fortführte. Im Zuge der in den letzten Jahren dort einsetzenden Altstadtsanierung wurde das Rückgebäude der Leopoldstraße 55, hier auf dem Foto an dem weißen Außenputz zu sehen, im Jahre 2006 abgerissen. Mit den Sanierungsmaßnahmen erfolgte auch die Umgestaltung des dortigen Areals.

Es sei vielleicht zum Schluss noch erwähnt, das es zwischen dem Stadtgefängnis und dem Anwesen Leopoldstraße 55 eine Auffahrt zur früheren Stadtgärtnerei gab, die unterhalb des Hofgartens für einige Jahrzehnte dort zu finden war. Der Schotterweg wurde in den letzten Jahren geteert und auf dem ehemaligen Gärtnereigelände entstanden eine öffentliche Gartenanlage und ein Freilufttheater. Auf dem jüngeren Foto, welches 1994 gefertigt wurde, lässt sich noch die vorherige Situation des Areals erahnen. Nachdem die Stadtgärtnerei auf den Glockenberg verzog, verwilderte das Grundstück unterhalb des Kunstvereins. Auch das gehört in der Zwischenzeit der Vergangenheit an. Es bleibt abzuwarten, wie sich das Gelände nördlich des Johann-Strauß-Platzes in der Zunkunft sich weiter entwickeln wird.

Text:
Christian Boseckert

Bildquellen:

Bild 1: Darstellung der Situation im Jahre 1965
Bild 2: Darstellung der Situation im Jahre 1994

(Beide Fotos: Karl-Ulrich Pachale, Archiv der Historischen Gesellschaft Coburg)

Die Ursprünge des Hofgartens

kleiner Rosengarten, Foto: © S.Peter

kleiner Rosengarten, Foto: © S.Peter

Mit Recht sind die Coburger stolz auf ihren Hofgarten, ist er doch eine Zierde und ein Erholungsgebiet, wie wir sie nicht oft in Deutschland finden. Über dessen Geschichte, ist dem normalen Coburger jedoch wenig bekannt. Die Ursprünge des Hofgartens gehen auf das Ende des 17. Jahrhunderts zurück, als 1680 mit dem Einzug des Herzogs Albrecht III. Coburg wieder zu einer Residenzstadt wurde. Albrecht III. war sehr daran gelegen Coburg zu einer Residenzstadt auszubauen, der aber zu Anfang ein fürstlicher Park, wie viele andere deutschen Kleinstaaten ihn schon hatten, fehlte. Deshalb beauftragte der Herzog den Architekten Justinus Bieler aus Saalfeld einen Hofgarten zu schaffen, denn die vorhandene Grünanlage beim Ballhaus am Schlossplatz (heute stehen dort die Arkaden), reichte den repräsentativen Ansprüchen eines Fürsten in der Barockzeit nicht mehr aus.
Bieler hatte bereits Erfahrung mit Parkanlagen gesammelt, da er schon vorher bereits einige kleine Fürstenhöfe in Thüringen verschönert hatte. Nun ging er mit vollem Elan an die neue Aufgabe heran, sodass bereits 1680 der Plan zur Anlegung eines Hofgartens entstanden ist. Die Urzelle des Coburger Hofgartens war der Probstacker, der sich bereits im herzoglichen Besitz befand und sich im Süden von der Leopoldstraße bis hinauf zum heutigen Herzog-Alfred-Brunnen erstreckte. Sein Name leitete sich von der, einst hinter der Moritzkirche befindlichen Propstei des Benediktinerklosters Saalfeld ab, die auch Eigentümerin des nahe gelegenen Probstgrundes war. Nach der Reformation ging in Coburg der kirchliche Besitz in landesherrliches bzw. städtisches Eigentum über. Das ganze Gebiet des Ur-Hofgartens teilte Bieler dem Zeitgeschmack entsprechend rechtwinklig und im Stil eines italienischen Hanggartens terrassenförmig ein.

Die beiden Pavillions bildeten den nördlichen Abschluss des alten Hofgartens, Foto: © S.Peter

Die beiden Pavillions bildeten den nördlichen Abschluss des alten Hofgartens, Foto: © S.Peter

Der Park sollte sportlichen, ästhetischen und praktischen Zwecken dienen, so legte er im nördlichsten Teil auf Höhe des jetzigen Herzog-Alfred-Brunnens und ein Stück davor den „oberen Baumgarten“ an, in dem Bieler auch zwei Pavillons vorsah, die aber erst 1754 gebaut und als „Lustbäulein und Theehäuser“ Verwendung fanden. Davor lag der dreigeteilte Park, indem von oben nach unten sich die „Schieß- und Exerzierplätze“ und dann weiter nach Süden sich ein breites Mittelfeld anschloss, welches als „Lust- und Blumenquartier“ bezeichnet wurde. Dieser Teil war von Parallelwegen und einem Mittelweg durchzogen, der am Ende von einem „herrschaftlichen Lustgebäude“, welches sich ungefähr auf Höhe der heutigen Zinnenmauer befand, abgeschlossen war. Links und rechts von diesem Gebäude rundeten vermutlich Pavillons das Gesamtkunstwerk ab. Der Mittelweg stand allerdings nicht im Bezug zum Zugang, denn dieser erfolgte über einen von Südwesten heranführenden Weg, der seitlich zur linken Baumallee führte oder zunächst parallel zur südlichen Gartenmauer, dann in der Hauptachse abknickend zum „Lustgebäude“. Dieser Verlauf entspricht dem heutigen breiten Weg an der Reithalle vorbei in Richtung Kleiner Rosengarten und Großem Kinderspielplatz. An das Mittelfeld grenzten rechts und links quadratische Felder an, die der „Heranzucht von Küchengewächsen“ und als Blumenbeete dienten. An den beiden äußersten Seiten befanden sich zwei einreihige Baumalleen, die den Park nach Westen und Osten begrenzten.

Das heutige Hofgärtnerhaus bildete das südliche Ende des ursprünglichen Hofgartens, Foto: © S.Peter

Das heutige Hofgärtnerhaus bildete das südliche Ende des ursprünglichen Hofgartens, Foto: © S.Peter

Der heutige Kleine Rosengarten war der südlichste Teil dieses Hofgartens, welcher in vier Grünflächen aufgeteilt war. Dort grenzte das Hofgärtnerhaus, welches heute noch in etwas veränderter Form steht, den Park nach Süden ab. Ein weiteres Relikt aus dieser Zeit ist der “Lustbrunnen”, welcher an der Zinnenmauer des Kleinen Rosengartens angelehnt ist. Er bot wahrscheinlich der Hofgesellschaft Herzog Albrechts III. beim Lustwandeln einen erfrischenden Trunk an. Begrenzt wurde dieser von einer zwei Meter hohen Mauer, deren Reste heute noch u.a. bei den Grundstücken Park 3 und 3a, sowie beim Hofgärtnerhaus noch zu sehen sind. Das bedeutete, dass nur die herzogliche Familie Zutritt zum Park hatte und das gemeine Volk außen vor blieb.Diese Mauer wurde bei der Erweiterung des Hofgartens von 1856/57 zum größten Teil entfernt, als man daran ging den Hofgarten der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wann nun der Hofgarten genau angelegt wurde ist allerdings nicht aus den Akten ersichtlich, lediglich erwähnen diese, dass die für den Bau notwendigen Abmessungen im März 1682 stattfanden. Von den Bäumen der ersten Zeit waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch einige Exemplare vorhanden. Auf einer alten Abbildung kann man erkennen, dass sie im Schnitt gehalten wurden, dass also die erste Anlage im Rokokostil ausgeführt wurde. Leider haben sich aus der Zeit danach nur wenige Belege und Akten über das Aussehen und den Geschehnissen im und um den Hofgarten herum erhalten. Dies änderte sich erst als 1816/17 Herzog Ernst I. von Sachsen-Coburg-Saalfeld für seine Eltern das Hofgartenmausoleum errichten ließ. Doch das ist eine andere Geschichte.

Text: Christian Boseckert (mit freundlicher Genehmigung)

Weitere Bilder zum Hofgarten gibt es in den herbstlichen Impressionen >>> hier <<<.