Die Hutmacherfamilie Ehrlich
Die Geschichte der Hut- und Mützenfabrik Ehrlich begann bereits 1894 als der aus Römhild stammende Karl Ehrlich im Hause Judengasse 3 das oben genannte Unternehmen gründete. Nach dem Tod des Betriebsgründers übernahm seine Frau Clara 1906 das Geschäft, bis es schließlich in die Hände der beiden Söhne Hermann und Sally Ehrlich überging. Unter deren Leitung wurde die Fabrik zu einem prosperierenden Unternehmen mit Geschäftsverbindungen im gesamten süddeutschen Raum. Dies führte dazu, dass die Firma in immer größeren Betriebsräumen untergebracht werden musste. Nachdem man seit 1908 im Gebäude Judengasse 45 ansässig war, verlegten Hermann und Sally Ehrlich das Unternehmen in den Zinkenwehr, genauer gesagt ins Haus Nr. 39 (heute Sally-Ehrlich-Straße 10), wo die Hut- und Mützenfabrik bis zu deren Auflösung ansässig bleiben sollte.
Insgesamt hatte Karl Ehrlich vier Söhne, Neben Hermann und Sally waren dies Julius Ehrlich, der 1914 auf den Schlachtfeldern von Verdun fiel und Max Ehrlich, der 1919 in der Löwenstraße 17a eine Zahnarztpraxis eröffnete. Die Ehrlichs genossen bei der Coburger Bevölkerung hohes Ansehen. In den Notzeiten der Zwanziger Jahre half das Unternehmen arme, Not leidende Menschen wie das Coburger Volksblatt berichtete: „Die Hut- und Mützenfabrik Karl Ehrlich hat sich in liebenswürdiger Weise bereit erklärt, für verschiedene Kinder von Kriegsbeschädigten und –Hinterbliebenen Mützen kostenlos abzugeben. Die Firma hat sich durch diesen Akt edler Nächstenliebe den Dank vieler Coburger erworben.“ Die Familie Ehrlich waren durchaus liberale Juden und vollkommen in der Coburger Bevölkerung integriert.
Dies änderte sich nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 grundlegend. Hermann Ehrlichs Tochter Hilde, in deren Klasse auch die Tochter eines hohen Nazi-Funktionärs war, wurde in der Schule schikaniert und diskriminiert. Das ging sogar so weit, dass die Eltern Hilde erst in ein jüdisches Pensionat und dann nach England bringen müssen. Nach der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 wurden Hermann und Sally Ehrlich festgenommen und zusammen mit anderen Juden durch die Stadt getrieben. Hermann kam schließlich nach Hof ins Gefängnis, währenddessen die Coburger Polizei seinem Bruder Sally die Gewerbekarten entzog und damit auch die Hut- und Mützenfabrik schloss. Nur durch den Verkauf des Hauses und die Überweisung des Geldes auf ein Sperrkonto kommt Hermann Ehrlich wieder frei und darf Coburg Richtung England verlassen, wo ihn seine Tochter Hilde bereits erwartete

Die Gedenktafel am Hause Sally Ehrlichs erinnert noch heute an das Schicksal der Coburger Juden in der Zeit des Dritten Reiches (Foto © S.Peter)
Sally Ehrlich hingegen blieb in Coburg, da er darauf hoffte, später nachkommen zu können. Doch zu einem „Später“ kam es für ihn nicht mehr. Am 24. April 1942 wurde er als einer der letzten Coburger Juden deportiert und ins Konzentrationslager Majdanek gebracht, wo er ums Leben kam. Das gleiche Schicksal ereilte auch Max Ehrlich, der zwar 1937 nach Frankreich geflohen war, aber dort nach der Besetzung durch die Deutschen ins Konzentrationslager Gurs interniert wurde und ebenfalls ums Leben kam. Einzig Hermann Ehrlich überlebte den Holocaust zusammen mit seiner Tochter und seinem Sohn Carl, der bereits 1938 in die USA auswanderte. Als amerikanischer Besatzungssoldat kehrte Carl Ehrlich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nach Coburg zurück, wo er als Assistent des Militärgouverneurs die Aufgabe wahrnahm, die Voraussetzungen für eine zivile Verwaltung zu ergründen. Auf seine Initiative hin entschied der Coburger Stadtrat im Jahre 1946 einen Teil des Zinkenwehrs in Sally-Ehrlich-Straße umzubenennen. Am ehemaligen Wohnhaus der Familie wurde zeitgleich, ebenfalls auf Anregung Carl Ehrlichs eine Gedenktafel angebracht, die an das Schicksal seines Onkels und damit stellvertretend auch an das Schicksal der Coburger Juden im Dritten Reich erinnern sollte.
Text: Christian Boseckert
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Bild 1: Hier im Hause Judengasse 3 gründete Karl Ehrlich 1896 seine Hut- und Mützenfabrik (Foto © S.Peter)
Bild 2: Das Fabrikgebäude der Familie Ehrlich im Zinkenwehr, heute Sally-Ehrlich-Straße (Foto © S.Peter)
Bild 3: Sally Ehrlich (1878-1942) (Fotosammlung Stadtarchiv Coburg)
Bild 4: Die Gedenktafel am Hause Sally Ehrlichs erinnert noch heute an das Schicksal der Coburger Juden in der Zeit des Dritten Reiches (Foto © S.Peter)
Coburger Künstler – Der Bildhauer Prof. Otto Poertzel

Der Brunnen der Gastwirtschaft Fischerei von Otto Pörtzel, heute am Ausstellungspavillon des Kunstvereins am Hofgarten befindlich (Foto: © S.Peter)
Als die einst beliebte Gaststätte „Fischerei“ in der Webergasse und mit ihr die Klause „St. Lucas“ um 1980 der Stadtsanierung in diesem Bereich weichen musste, blieb ein Zeuge übrig, eine seltsame Brunnenfigur, die ein Mitglied der Künstlerzunft St. Lucas, der Professor Otto Pörtzel, schuf. Die Figur stellt einen Schweinekopf mit menschlichen Zügen dar, aus dessen Maul klares Wasser floss. Möglicherweise hat sich der Künstler dabei einen Scherz erlaubt und bei der Gestaltung an irgendein Vorbild gedacht. Im Jahre 1940 versiegte der Brunnen. Inzwischen hat dieser einen würdigen Platz am Ausstellungspavillon des Kunstvereins im Hofgarten gefunden.
Otto Pörtzel hat seine Begabung von seinem Vater Gustav Wilhelm geerbt, der in Scheibe / Thüringen (heutiges Scheibe-Alsbach) in einer Porzellanfabrik als Modelleur tätig war. Geboren wurde Otto Pörtzel am 24. Oktober 1876 in dem thüringischen Waldort, besuchte nach einer Bildhauerlehre drei Jahre die Sonneberger Industrieschule, welche im Gebäude des heutigen Deutschen Spielzeugmuseums untergebracht war und arbeitete danach im Atelier Stellmacher in Gotha.
Im Jahre 1900 ließ er sich in Coburg als selbstständiger Bildhauer nieder, ergänzte aber sein Können noch durch ausgedehnte Reisen in Italien und durch Studien an der Königlich-Bayrischen Akademie der Bildenden Künste in München, wo er u.a. bei Adolf von Hildebrand lernte. In der bayrischen Landeshauptstadt unterhielt Pörtzel, neben seinem Atelier in Coburg am Ernstplatz 1, eine eigene Werkstätte.
In der Vestestadt lebte er allerdings weiterhin, bis zu seinen Tod am 17. Januar 1963. In der Hügelstraße 8 baute er sich ein Künstlerheim, in dem er seine Werke schuf.
Mit den Künstlern Coburgs, besonders aber mit denen der Zunft St. Lucas, verband ihn enge Freundschaft. Otto Pörtzel war ein Mitbegründer des Coburger Kunstvereins, Ehrenvorsitzender des Schutzverbandes bildender Künstler, Vorsitzender der Prüfungskommission für das künstlerische Handwerk und viele Jahre Vorsteher der Künstlerzunft St. Lucas. In dem Hause Pörtzels versammelte sich immer eine außergewöhnliche Gesellschaft. Wenn Besucher kamen, so trafen sie dort in Gips, Stein und Bronze den Kaiser Wilhelm II. in Großadmiralsuniform, Kaiser Haile Selassie von Abessinien, den Zaren Ferdinand von Bulgarien, das Coburger Herzogspaar Carl Eduard und Viktoria Adelheid sowie eine Reihe damals prominenter Persönlichkeiten.
Unter der Schar der Schöpfungen Pörtzels befand sich auch die anmutige modellierte Figur der Hofschauspielerin Hilde Knoth vom Coburger Hoftheater. Knoth war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Liebling des Coburger Theaterpublikums. In Coburg wollten deshalb nach der Einweihung des Ernst-Alexandrinen-Volksbades im Jahre 1907 die Gerüchte nicht verstummen, dass die Schauspielerin dem Bildhauer für die graziöse nackte Gestalt auf dem Giebel des Portikusbaues Modell gestanden habe. Man war eben damals sehr prüde in Coburg. Als Professor Pörtzel an seinem 80. Geburtstag im Jahre 1956 darauf angesprochen wurde, soll er lächelnd geantwortet haben: Sie war eine bildhübsche junge Frau“. Das Geheimnis aber, nahm Pörtzel mit ins Grab.
Der Künstler war zeitlebens ein keramischer Bildhauer, konnte aber auch mit Bronze und Marmor umgehen. Eine Reihe von Krieger- und Grabdenkmälern außerhalb von Coburg, bzw. auf dem Coburger Friedhof am Glockenberg geben davon Kunde. Zahlreiche Plastiken für die keramische Industrie gingen aus seinem Atelier hervor. Sein Ruf war in ganz Europa verbreitet. Auf den Weltausstellungen in St. Louis / USA im Jahre 1904, und Brüssel im Jahre 1910 war er mit Großplastiken vertreten. Die zahlreichen Kinderplastiken sind ihm besonders gut gelungen. Sie vermitteln dem Betrachter Freude. Der Gesichtsausdruck der Kinder entspricht ihrer jeweiligen Tätigkeit. Erinnert sei hier an die ehemalige Rosenschau und an den Aufgang zum alten Union-Theater am Hahnweg, wo Pörtzels Kinderfiguren aufgestellt waren. Bei der Darstellung von Menschen legte der Künstler großen Wert auf eine originale Wiedergabe. Ein Beispiel dafür ist die Büste der Herzogin Alexandrine, die in der Alfred-Sauerteig-Anlage vor dem ehemaligen Ernst-Alexandrinen-Volksbad steht. Auszeichnungen, Orden und der ihm im Jahre 1913 verliehene Titel Professor blieben nicht aus. Seit 1911 übte Pörtzel seine künstlerische Tätigkeit freiberuflich aus. Die Folgen zweier Weltkriege allerdings, die sein erarbeitetes Vermögen und seine Alterssicherung aufzehrten, zwangen ihn, noch im hohen Alter tätig zu sein. Professor Pörtzel wurde 86 Jahre alt.
Text: Christian Boseckert
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Bild 1: Der Brunnen der Gastwirtschaft Fischerei von Otto Pörtzel, heute am Ausstellungspavillon des Kunstvereins am Hofgarten befindlich (Foto: © S.Peter)
Bild 2: Professor Otto Poertzel (Fotosammlung Christian Boseckert)
Bild 3: “Die Badende” von Otto Pörtzel auf dem Dach des Portikusbaues. (Foto: © S.Peter)
Der Turner und Wandersmann Emil Rädlein
Besucht man den westlichen Teil des Coburger Hauptfriedhofs, findet sich auf dem Weg zum herzoglichen Mausoleum eine stattliche Anzahl von großen Grabstätten und Gedenksteinen. Hier sind vor allem verdienstvolle Bürger der Vestestadt beerdigt worden. Einer von ihnen, Emil Rädlein, hat viele Jahre in zwei bedeutenden Coburger Vereinen eine maßgebende Rolle gespielt.
Beide Vereine, der Thüringerwald-Verein und die Coburger Turngenossenschaft haben zusammen über 1000 Mitglieder. Aber wer von diesen und den heutigen Coburgern kann Genaueres über Emil Rädlein wissen, der schon vor fast hundert Jahren seine letzte Wanderung angetreten hat. Wer war also Emil Rädlein?
Er wurde am 5. Januar 1855 als Sohn eines Schneidermeisters in Coburg, im Hause Steingasse Nr. 14 (heute Musikhaus Kiederle) geboren. Seine unbeschwerte Jugendzeit rings um die Moritzkirche beschrieb er in einem seiner vielen Aufsätze. Nach dem Besuch der Bürgerknabenschule, die seinerzeit noch in der alten Ratsschule, ganz in der Nähe seines Wohnhauses, ansässig war, bereitete er sich im Coburger Ernst-Albert-Lehrerseminar auf seinen künftigen Beruf vor. Nach seiner Ausbildung war er ein Jahr in Greiz/ Thüringen tätig. Doch bereits im Jahre 1874 kehrte nach Coburg zurück, wo er fast fünf Jahrzehnte als Lehrer wirkte.
Schon als junger Pädagoge verschrieb er sich dem Turnsport und wurde schon 1874 Mitglied der Coburger Turngenossenschaft. Das Amt eines 1. und 2. Turnwarts bekleidete er 24 Jahre von 1877 bis 1901. Im Jahre 1883 bestand er das Turnlehrerexamen in Berlin. Von 1909 bis 1919 übernahm er die Leitung der Turngenossenschaft, deren erfahrener Turnfahrtenführer er fast 48 Jahre war. Die turnerischen Leistungen der Turngenossenschaft, der heutigen Coburger Turnerschaft, sind seinem Fleiß, seinem Können und seiner Schaffenskraft zu verdanken. Emil Rädlein war der Schöpfer zahlreicher Turnerreigen, ein Gebiet des Turnsports, das besonders bei Schauturnen um 1900 gepflegt wurde.
Das Lied „Wohlauf die Luft“ (besser bekannt als das Frankenlied) gestaltete Rädlein durch turnerische Schrittfiguren zu einem „Scheffelreigen“. Der Dichter Viktor von Scheffel begrüßte die Bearbeitung des Liedes und dankte mit seinem Bildnis und einem Vierzeiler. Die Turngenossenschaft ehrte ihren „Rad“, wie er im Volksmund genannt wurde, durch die Ernennung zum Ehrenmitglied, Ehrenturnwart und Ehrensprechwart. Auch die Stadt Coburg zeigte ihre Anerkennung. Sie übertrug Rädlein im Jahre 1915 die Leitung des städtischen Schulturnes.
In den letzten Jahren seines Lebens wandte sich Emil Rädlein zunehmend dem Wandern zu. Dazu trug wesentlich die Gründung des Thüringerwald-Vereins im Jahre 1907 bei, zu dessen 1. Vorsitzenden er sofort gewählt wurde. Er selbst bezeichnete sich gerne als „Coburger Wandersmann“. Mit seinen Turngenossen und den Freunden vom Thüringerwald-Verein erwanderte er nicht nur die engere Coburger Heimat, sondern auch Südthüringen, den Frankenwald, den Fränkischen Jura und die Hassberge. In seinem zweibändigen Wanderbuch „Im Umkreis der fränkischen Krone“ hat er einen Teil seiner Wanderungen in fesselnder Weise beschrieben. Darin liest man nicht nur den genauen Verlauf der Wanderungen, sondern erfährt etwas über Natur und Heimat, sowie über Kunstdenkmäler kennen. Gleichzeitig gewinnt man ein gewisses Verständnis für Volkskunst und Volkstum. Diese Kenntnisse vermittelte er seinen Wanderkollegen auch wenn sie unterwegs waren. In seinen Beschreibungen sind oft auch Dichterworte eingestreut, die die jeweiligen Stimmungen wiedergeben.
Auch hatte Emil Rädlein immer bei seinen Wanderungen ein Skizzenbuch dabei. Er konnte sehen und das Geschehene zeichnen: Hier einen Torturm, dort eine alte Mühle, oder eine schöne Kirche. Viele Motive, die er und seine Tochter Änni (eine heute noch bekannte Coburger Kunstmalerin) geschaut haben, findet man in seinem Wanderbuch. Erstaunlich aus heutiger Sicht ist der Umfang der Rädlein´schen Wanderungen. Sie umfassten zwischen 30 und 50 km. Dabei ging es oft schon früh um 4 Uhr los. Man wanderte um 1900 auf autofreien und nicht geteerten Straßen und kam schnell vorwärts. Klampfen und Gitarren beflügelten dabei mit flotten Wanderweisen die Schritte. Aber nicht nur seinen Wandergefährten war Emil Rädlein ein vorbildlicher Führer, er war auch jederzeit bereit, den Touristen seiner Heimatstadt die Umgebung in Wort und Schrift sowie mit Rat und Tat zu zeigen und zu beschreiben.
Am 8. Februar 1925 starb Emil Rädlein im Alter von 70 Jahren. Er wohnte zuletzt in einer Villa in der Unteren Klinge in Coburg. Ihm zu Ehren errichteten seine Wanderfreunde am Muppberg in Neustadt bei Coburg einen Gedenkstein, den sogenannten Rädleinstein. Darüber hinaus ehrt der Thüringerwald-Verein ihren langjährigen 1. Vorsitzenden jährlich im Mai mit einer Emil-Rädlein-Gedächtnis-Wanderung. Der Gedenkstein auf dem Coburger Friedhof stifteten sowohl der Thüringerwald-Verein, als auch die Turngenossenschaft als bleibende Erinnerung an einer der bedeutendsten Coburger Persönlichkeiten.
Text: Christian Boseckert
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Bild 1: Gedenkstein Rädleins auf dem Coburger Hauptfriedhof (Foto: © S.Peter, 2009, 2010)
Bild 2: Emil Rädlein (Fotosammlung Stadtarchiv Coburg)
Der Nadlermeister und Handelsmann Johann Andreas Adami

Nach ihm sind in Coburg ein Berg und eine Straße benannt. Trotzdem weiß kaum jemand etwas über den Namensgeber dieser Fahrwege. Die Rede ist von Johann Andreas Adami. Dieser Blogeintrag will Licht in das Dunkel seines Lebens bringen und geht der Frage nach, warum im Westen der Stadt ein ganzes Areal nach ihm benannt wurde.
Johann Andreas Adami kam am 13. April 1692 in Coburg als Sohn des Nadlermeisters Hans Adami zur Welt. Er verbrachte seine Jugend im Hause Ketschengasse Nr. 19, wo sein Vater einen Handwerksbetrieb führte.

Die Familie Adami stammte ursprünglich aus Luckau in Sachsen, wanderte aber im Jahre 1680 nach Coburg aus.
Der Sohn Johann Andreas führte dort das Nadlergewerbe weiter und bildete sich zum Handelsmann (eine ältere Bezeichnung für einen Kaufmann) weiter. Diese Kombination von Handwerker und Kaufmann war nichts ungewöhnliches. Besonders dieses Gewerbe war eines der ersten, welches bereits im 18. Jahrhundert einer beginnenden Industrialisierung ausgesetzt war. Der Preis- und Konkurrenzdruck, der dadurch auf den Märkten entstand, ließ die Lebensbedingungen für die Nadler schwieriger werden. Um wettbewerbsfähig zu bleiben mussten sie ihre Preise anpassen – in vielen Fällen nach unten hin – oder ergriffen zusätzlich den Kaufmannsberuf, der zusätzliches Geld einbrachte.
Johann Andreas Adami übernahm schließlich 1727 den Betrieb von seinem Vater, der im gleichen Jahr gestorben war. Anscheinend war das Adami´sche Unternehmen zu jener Zeit wirtschaftlich sehr erfolgreich, denn der neue Betriebsinhaber ließ sogleich sein Wohnhaus in der Ketschengasse komplett abreißen und durch ein neues Gebäude ersetzen. Es handelt sich dabei um das Haus, was sich heute noch an dieser Stelle befindet. Aufgrund seines großen Vermögens, welches er durch seinen Betrieb gewann, war es ihm schließlich auch möglich im Jahre 1741 ein großes Gartengrundstück am Kleinen Judenberg, westlich von Coburg, zu erwerben. Die Geschichte dieses Kaufes hat der Chronist Karche in seinen Jahrbüchern niedergeschrieben. Er erzählt dabei die tragische Geschichte des Coburger Tuchmachermeisters Johann Georg Ketschenbach. Dieser war unterwegs von Naumburg zurück nach Coburg, wo er Wollwaren verkaufte. Während eines Aufenthaltes im Vogtland wurde dieses Geld von Unbekannten gestohlen. In dieser Situation sah sich Ketschenbach genötigt seinen Berggarten am Kleinen Judenberg zu verkaufen. Von diesem Ereignis erfuhr auch Johann Andreas Adami. Er setzte sich mit Ketschenbach in Verbindung und erwarb das Grundstück für 360 fl. Kauff- und drei Spechisthaler Gönnegeld. Der Garten am Kleinen Judenberg wurde fortan der Adamigarten genannt und umfasste das Gebiet des heutigen Schnürsgartens. Adami baute in seinem neuen Garten ein kleines Häuschen, das wohl ein Vorgängerbau des heutigen Jean-Paul-Hauses war. Noch neun Jahre sollte das Areal in Adamis Besitz bleiben.

1750 starb Adami während einer Kutschfahrt auf der Rückreise von Leipzig nach Coburg im kleinen Ort Judenbach bei Sonneberg, vermutlich an Herzversagen. Der knapp 58jährige wurde noch an dem gleichen Ort beerdigt. Das Erbe Adamis trat seine Ehefrau Catharina Maria und die gemeinsamen sechs Kinder an. Die Familie Adami bewohnte das Haus in der Ketschengasse noch bis in die 1770er Jahre hinein. Den Adamigarten erhielt im Erbgang die eine Tochter Adamis, Regina Maria, die den herzoglichen Hoftrompeter Georg Gotthold Waldsachs geheiratet hatte. Dieser gründete dort 1774 den ersten Coburger Biergarten Das ist jedoch eine andere Geschichte. Der Name des Adamigartens wurde jedoch in der Folgezeit auf den ganzen Berg übertragen. So wurde aus dem Kleinen Judenberg der Adamiberg. Diese erst mündliche Bezeichnung übernahm die Stadt Coburg im Jahre 1861 auch offiziell, als sie unterhalb des Berges die Adamistraße anlegte. Die Namensgebung blieb bis heute unverändert.
Text:
Christian Boseckert
Bildquellen:
Bild 1: Die Westseite des heutigen Adamibergs mit dem Schnürs Pavillion (Foto: Christian Boseckert, 2010)
Bild 2: Das Wohnhaus Adamis in der Ketschengasse Nr. 19, von ihm 1727 erbaut. (Foto: Christian Boseckert, 2010)
Bild 3: Die Südseite des heutigen Adamiberges (Foto: Christian Boseckert, 2010)
Der Gurken-Alex

Der Gurken-Alex bei einem Besuch der Gaststätte Zollhof in den 1950er Jahren (Sammlung Historische Gesellschaft Coburg)
Heuer jährt sich zum 50. Male der Todestag eines der berühmtesten Coburger Originale. Die Rede ist hier von Alexander Otto, den alle nur unter seinem Spitznamen „Gurken-Alex“ gekannt haben. Der „Gurken-Alex“ war seinerzeit eine stadtbekannte Persönlichkeit. Er fehlte auf keiner Kirchweih, es gab kaum ein Gasthaus, in dem er nicht ein Stammgast war und auf dem Coburger Schützenfest, dem Vogelschießen, war er nicht wegzudenken. Immer wenn in Coburg etwas feierliches geschah, war auch der „Gurken-Alex“ vor Ort.
Geboren wurde Alexander Otto am 26. August 1884 im Hause Steinweglein Nr. 1 in Coburg. Das Steinweglein ist die kleine Gasse die von der Ketschengasse (zwischen den Modegeschäften Faulhaber und Reuther) hinauf zum Gymnasium Casimirianum führt. In dem bescheidenen Häuschen sollte Otto sein ganzes Leben verbringen.
Nachdem er die Schule beendet hatte, begann er eine Lehre zum Buchbinder bei der Buchbinderei Heinrich Schade in der Judengasse. Diesem Beruf blieb er aber nicht lange treu. Womöglich trieb ihm die Arbeitslosigkeit dazu, mit 25 Jahren in das ambulante Gewerbe einzusteigen. Ab sofort wurde ein kleines Köfferchen, in dem er Schnürsenkel, Rasierklingen, Bonbons, Schokolade und vieles anderes mehr aufbewahrte sein Markenzeichen. Er selbst nannte den Koffer liebevoll „seinen Laden“. Damit zog er von Haus zu Haus um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.
Zeit seines Lebens blieb aber der „Gurken-Alex“ ein verarmter Mensch. Geheiratet und Kinder gezeugt hatte er nie. Wenn nun die Zeit der Kirchweihen und der Sommerfeste kam, vertauschte der „Gurken-Alex“ den Koffer mit einem Gurkenfass und pries die Gurken mit „Kümmerlinge, Kümmerlinge“ den Menschen an. Die Gurken stammten von der Neuseser Konservenfabrik Emmerling & Pfister, bei der Otto aber nicht angestellt war. Insgesamt trug ihm diese Tätigkeit den Spitznamen „Gurken-Alex“ ein.
Aber wirklich berühmt wurde er durch seine Gabe, phantasievolle und witzige Stegreifreden zu halten. So konnte man bei ihm viel über das kommende Wetter hören, da er „fast genau jedes Wetter“ fühlte. Er berichtete über sein Amt als Vorsitzender des „Preisskat-Kollegiums“ von Coburg und Umgebung und philosophierte über die „Weihnachtsfeenwunderkerze“, die eine starke Weiterverbreitung der Verdienstfestsetzung erfahren hat.“
Trotz seiner geringen Körpergröße und der stets zwei Nummern zu großen Bekleidung, die er trug, besaß er eine große Schlagfertigkeit, die ihn bei der Coburger Bevölkerung beliebt machten. Das brachte ihm sogar Auftritte auf diversen Faschingsveranstaltungen und sogar einer kleinen Rolle im Landestheater ein. Der Alex nahm dies mit Humor, obwohl seine Lebensverhältnisse von Jahr zu Jahr immer schwieriger wurden. Die schwierigen Zeiten wie die Weltwirtschaftskrise, der Zweite Weltkrieg und der schwierige Neuanfang nach 1945 taten ihr Übriges dazu.
In ärmlichen Verhältnissen starb der „Gurken-Alex“ am 23. März 1960 im Alter von 75 Jahren. An seiner Beerdigung drei Tage später nahmen zahlreiche Coburger teil. Der Zweite Bürgermeister Reichenbecher hielt sogar die Trauerrede.
Auch in den folgenden Jahren blieb der „Gurken-Alex“ unvergessen. Daher entschloss sich die Coburger Faschingsgesellschaft „Narhalla“ im Jahre 1984 dem Alex ein Denkmal zu errichten. Heraus kam ein Brunnen, der 1985 in der Herrngasse, vor dem Haus Nr. 13, eingeweiht wurde. Für den Brunnen kam seinerzeit eine Spendensumme von 55.000 DM zusammen. Auch das ist ein Beleg dafür, wie sehr der „Gurken-Alex“ in den Köpfen der Coburger hängen blieb.
Zu seinem 100. Geburtstag ließ ebenfalls die „Narhalla“ an seinem Geburts- und Sterbehaus im Steinweglein eine Gedenktafel anbringen. Auch sie erinnert an den „Gurken-Alex“ dem bekanntesten Coburger Original.
Text:
Christian Boseckert
Bildquellen:
Bild 1: Der Gurken-Alex bei einem Besuch der Gaststätte Zollhof in den 1950er Jahren (Sammlung Historische Gesellschaft Coburg)
Bild 2: Das Wohn- und Geburtshaus des Gurken-Alex im Steinweglein (Foto: Christian Boseckert, 2010)
Bild 3: Der Gurken-Alex-Brunnen in der Herrngasse (Foto: Christian Boseckert, 2010)
Bild 4: Die Gedenktafel am Hause des Gurken-Alex (Foto: Christian Boseckert, 2010)
Coburger Oberbürgermeister – Dr. Walter Langer
Als seinerzeit der dienstälteste Oberbürgermeister Bayerns, Dr. Walter Langer, am 30. April 1970 aus dem Amt schied, dankte ihm die Stadt mit der Verleihung des Ehrenbürgerrechtes. Damit erfuhr er die höchste Ehrung der Stadt Coburg. Sie traf einen Mann, der wie kein anderer die Coburger Geschichte der Nachkriegsjahrzehnte gestaltete und ihr seinen Stempel aufdrückte.
Dr. Walter Langer wurde am 2. Oktober 1892 in Crimmitschau in Sachsen geboren. Nach dem Abitur am Leipziger Thomas-Gymnasium nahm er als Kriegsfreiwilliger am Ersten Weltkrieg teil. Im Jahre 1922 promovierte er zum Doktor der Rechte und wurde Rechtsanwalt. Diese Tätigkeit übte er bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 aus. Danach wurde er zur Reichsluftwaffe eingezogen wo er als Major im Jagdgeschwader Udet seinen Dienst tat.
Nach Kriegsende wurde Langers Heimat von der Roten Armee besetzt, sodass er sich genötigt sah mit seiner zweiten Frau Maria diese zu verlassen. Beide flohen nach Coburg, der Heimat seiner Frau (Maria Langer war die Tochter des bekannten Coburger Theatermalers Friedrich Lütkemeyer), wo er wieder als Rechtsanwalt arbeitete. In den bald einsetzenden Entnazifizierungsverfahren wurde er als Verteidiger rasch stadtbekannt. Über die Freie Demokratische Partei kam er in die Kommunalpolitik. Schon bald war Dr. Langer dort einer der einflussreichsten Politiker und so bestimmte ihn die FDP, bei der ersten Coburger Oberbürgermeisterwahl nach dem Kriege, im Mai 1948, zum OB-Kandidaten. Langer betonte vor der Wahl die oppositionelle, offenbar auch auf coburgisches Selbstbewusstsein gegenüber Bayern setzende Haltung der FDP. So sagte er in einer Wahlveranstaltung: „ Die Opposition ist der Spiegel der Demokratie. Die CSU wäre noch schwärzer, noch bayerischer, wenn sie nicht Rücksicht nehmen müsste auf die unbequeme Opposition der FDP…“. Mit dieser Kombination aus Liberalismus, Nationalismus und Lokalpatriotismus gewann Langer die OB-Wahlen gegen den bisherigen Amtsinhaber Ludwig Meyer von der SPD.
Er trat am 01. Juli 1948 sein neues Amt an. Dass zehn Tage zuvor durch die Währungsreform die DM eingeführt wurde, sollte für Walter Langer ein großer Vorteil sein. Endlich konnten die Probleme gelöst werden unter denen die Coburger besonders zu Leiden hatten. Das war vor allem immer noch das Flüchtlings- bzw. Wohnungsproblem. Langer versuchte das Problem damit zu lösen, die Bautätigkeit in Coburg zu fördern. Dazu gründete er die Coburger Wohnbaugesellschaft, die in den Folgejahrzehnten zahlreiche Stadtrandsiedlungen in allen Himmelsrichtungen anlegte.
Schon im Jahre 1951 konnten die ersten 51 Neubauwohnungen am Schießstand fertig gestellt werden. Damit begann eine rege Bautätigkeit in der Ära Langer, die erst mit der Fertigstellung des so genannten „Demo“ am Hörnleinsgrund Ende der 1960er Jahre, ihr Ende fand.
Ein anderes Problem seinerzeit war die Frage der Arbeitslosigkeit. Im Jahre 1951 lag die Erwerbslosenquote in Coburg bei 15,7%. Langers Ziel war es deshalb auch vermehrt Industrie in Coburg anzusiedeln, was aufgrund der geographischen Situation der Stadt an der deutsch-deutschen Grenze sich als zunehmend schwierig darstellte. Zwar wurde auch hier eine Industrieförderungsgesellschaft gegründet, doch kannte man den Weggang namhafter Unternehmen wie Zeiss-Opta oder dem Vogel-Verlag nicht verhindern. Langers Kritiker nahmen dies zum Anlass den OB als industriefeindlich darzustellen. Doch der Wirtschaftsaufschwung der 1950er Jahre verhalf auch Coburg zu einer wesentlichen Verbesserung der Lage am Arbeitsmarkt.
Ein weiterer roter Faden, der sich durch die Amtszeit von Walter Langer sich zieht, ist der Bau von öffentlichen Gebäuden wie Kirchen, Verwaltungsgebäuden und Schulen gewesen. Mit der Bevölkerung wuchs auch die Schülerzahl und somit der Raumbedarf der Schulen. So wurden in den 1950er und 1960er Jahren zahlreiche neue Schulhäuser erbaut, und Vorhandene erweitert. Doch Langers „Lieblingsprojekt“ war jedoch der Bau eines Kongreßzentrums. Er wollte Coburg zu einer Kongressstadt machen und ging dabei nicht gerade zimperlich mit seinen Gegnern um, so dass er bald als „Adenauer von Coburg“ tituliert wurde. Trotz heftiger Proteste der Bevölkerung drückte er 1959 den Bau des Kongresshauses am Rosengarten durch den Coburger Stadtrat. Als das Gebäude 1962 eingeweiht wurde waren die Coburger eher schockiert als erfreut. Schon allein der Anblick des überdimensionierten Außenaufgangs zum hauseigenen Restaurant, der so genannten Elefantentreppe ließ die Leute nur so den Kopf schütteln. Das Kongresshaus blieb neben dem Wohngebiet Demo eines der umstrittensten Projekte die in der Ära Langer. Weitere Schwerpunkte in seiner Arbeit waren die Modernisierung und der Ausbau der Elektrizitäts-, Gas- und Wasserversorgung, die Förderung der Kultur, des Sports und des Fremdenverkehrs. Auch wurde unter Walter Langer das erste Städtische Alten- und Pflegeheim in der Neustadter Straße eröffnet.
Langers Führungsstil war für heutige Begriffe sehr autoritär, was ihn den oben genannten Titel „Adenauer von Coburg“ einbrachte. Sein langjähriger Stellvertreter Dr. Paul Haubner sagte mal über ihn: „Wie steht er vor unser alle Augen? Unendlich fleißig, zielstrebig, vital, nimmermüde, pünktlich, gewandt, aber auch mutig, Draufgänger, geschickter Verhandlungspartner. Zäh und unnachgiebig, beweglich, vorzüglicher Redner, liebenswürdiger Gastgeber, hervorragender Vertreter und Repräsentant der Stadt Coburg.“ Es sei vielleicht noch zu erwähnen, dass er wohl der reichste OB in Deutschland war, da er in seinem Arbeitszimmer im Rathaus einen echten van Gogh hängen hatte, der nach dem Ende von Langers Amtszeit der Stiftung Pommern, zurückgegeben wurde. Das Bild war ursprünglich Teil der Stettiner Gemäldesammlung. 22 Jahre kämpfte Dr. Walter Langer dafür die Stadt Coburg aus dem Not und dem Elend herauszuführen und diese zu einer lebensbejahenden, lebensmutigen Stadt zu machen. Aus heutiger Sicht muss man sagen dass es ihm das gelungen ist. Mit 78 Jahren schied Walter Langer im Jahre 1970 aus dem Amt des Oberbürgermeisters. Doch mit dem Verlust der Macht holte ihn das Alter ein. Am 22. Juli 1977 starb Dr. Walter Langer im Alter von 84 Jahren in Coburg. Zu recht stand in seiner Todesanzeige: „Er hat Krankheit und Siechtum seiner letzten Monate ohne zu klagen hingenommen, willensstark und selbstlos, wie er das ganze Leben war.“
Text:
Christian Boseckert
Bildquellen:
Bild 1: Oberbürgermeister Dr. Walter Langer (Fotosammlung Christian Boseckert)
Bild 2: Langers erster Wohnsitz, die von-Horst-Villa in der Festungsstraße (Foto: Christian Boseckert 2007)











