Dr. Hans Berger

Zweimal sollte ihm der Nobelpreis für Medizin verliehen werden. 1936 scheiterte es, weil die politischen Verhältnisse dagegen sprachen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es zu spät. Professor Dr. Hans Berger starb am 1. Juni 1941 in Jena, nachdem er sich in einem Anfall von Schwermut das Leben nahm. Das Lebenswerk des in Coburg aufgewachsenen Psychiaters, Neurologen und Hirnforschers wurde erst nach seinem Tod in Fachkreisen anerkannt.
Dr. Hans Berger, der seit 1897 an der psychiatrischen Klink der Universität Jena arbeitete, entdeckte in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts die bioelektrischen Hirnströme und entwickelte ein Gerät, um diese Energie messen zu können. Er selbst nannte seine Erfindung „Elektrencephalogramm“. Heute ist dieses Gerät unter der Abkürzung „EEG“ bekannt.

Wohnhaus Bergers im Steinweg (Foto: Christian Boseckert, 2008)

Geboren wurde Hans Berger am 21. Mai 1873 im Wohnhaus seines Großvaters, des Dichters und Orientalisten Friedrich Rückert in Neuses bei Coburg. Sein Vater, Dr. Paul Friedrich Berger war Direktor des Coburger Landkrankenhauses, welches ich zu jener Zeit im ehemaligen Landratsamt in der Allee befand. Wohl aus diesem Grund lebte die Familie Berger auch seit den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts im nahe gelegenen Hause Steinweg Nr. 32. Nach dem Abitur, das Berger im Jahre 1892 am Gymnasium Casimirianum ablegte, verließ er Coburg, um in Berlin, Kiel und Jena zu studieren.
Zunächst wendete er sich der junge Mann der Astronomie und der Mathematik zu, wechselte aber bald zur Medizin über. 1897 begann Hans Berger als Assistent an der Psychiatrischen und Nervenklinik der Universität Jena. Sein zuständiger Oberarzt zu jener Zeit war der bekannte Nervenarzt und Philosoph Theodor Ziehen. 1901 habilitierte er sich mit einer Arbeit „Zur Lehre von der Blutzirkulation in der Schädelhöhle des Menschen, namentlich unter dem Einfluß von Medikamenten.“ Danach blieb Berger an dem Krankenhaus in Jena. Er rückte im Jahre 1912 zum Oberarzt und 1919 zum Direktor der Psychiatrischen Klinik und ordentlichen Professor auf. 1927/28 bekleidete er das Amt des Rektors der Jenaer Universität. Seine Rektoratsrede über die Lokalisation im Großhirn stellte eine Art wissenschaftliches Glaubensbekenntnis dar. Das Hauptaugenmerk des Mediziners galt allerdings der neurologischen Forschung.
Bereits 1902 begann er mit Experimenten an der Hirnrinde von Hunden und Katzen. Dabei suchte er immer nach Wegen, die Beziehung zwischen Körper und Seele durch physikalischen Methoden zu objektivieren. 1924 gelang es Berger nach zahlreichen Vorversuchen bei einem jungen Mann, dem ein Teil der Schädeldecke entfernt worden war, ständige elektrische Potentialschwankungen zu messen. Die Weiterentwicklung der Berger’schen Apparatur, die er selbst „Elektrencephalogramm“ nannte, erlaubte es bald, nicht nur an Schädellücken die Energiefelder des Gehirns aufzuspüren. 1927 war das Gerät in der Lage, am unversehrten Schädel und sogar an der Kopfhaut Aufzeichnungen der Hirnströme vorzunehmen.

Nach seinem Erfolg experimentierte Berger unermüdlich weiter, hatte Zweifel, begann wieder von neuem. Erst im Jahre 1929 publizierte er seine Entdeckung. Seine Arbeit trug den Titel „Über das Elektrenkephalogramm des Menschen“. Seine bahnbrechende Entdeckung fand viele Jahre keine Anwendung. Erst im Jahre 1934 stieß der englische Neurophysiologe Edgar Douglas Adrian auf die Arbeiten Bergers und erkannte die Tragweite der Entdeckung. Er gab dem Alpha-Grundrhythmus der hirnelektrischer Tätigkeit den Namen Berger-Rhythmus.

Gedenktafel auf der Rückseite des Wohnhauses Richtung ASCO (Foto: Christian Boseckert)

Heute ist das EEG eine unentbehrliche Hilfe bei der Diagnose von Anfallserkrankungen und zur Lokalisierung von Tumoren. Im Jahre 1938 wurde Hans Berger emeritiert. Nach Ausbruch des 2.Weltkrieges übertrug man ihm 1939 nochmals die Klinik in kommissarischer Leitung. Drei Jahre später starb er im Alter von 68 Jahren in Jena. Ihm zu Ehren enthüllte man während des 11. Deutschen Ärztetages im Jahre 1958 an seinem ehemaligen Coburger Wohnhaus im Steinweg Nr. 32 eine Gedenktafel. Bei der feierlichen Weihe war auch Hans Bergers Witwe anwesend. Sieben Jahre später benannte die Stadt Coburg eine Straße am Ketschendorfer Hang nach dem bedeutenden Mediziner. So ist der Name Dr. Hans Berger in der Vestestadt bis heute unvergessen geblieben.

Text:
Christian Boseckert

Bildquellen:
Bild 1: Dr. Hans Berger (Sammlung HG Coburg)
Bild 2: Wohnhaus Bergers im Steinweg (Foto: Christian Boseckert, 2008)
Bild 3: Gedenktafel auf der Rückseite des Wohnhauses Richtung ASCO (Foto: Christian Boseckert)

Freiherr Ferdinand Martin von Rast

Bildnis des Freiherrn von Rast (Fotosammlung Christian Boseckert)

Vielen werden die Begriffe „Raststraße“ und „Freiherr-von-Rast-Schule“ bekannt sein. Wer sich jedoch hinter dieser Person verbirgt, wissen nur wenigsten Coburger.

Der ursprüngliche Zuname des Freiherrn Ferdinand Martin von Rast lautete Liebmann. Dieser wurde am 28. Januar 1781 in Berlin als der Sohn eines reichen jüdischen Handelsherrn geboren. Ihm wurde eine vielseitige sorgfältige Erziehung zuteil, die ihn zur Leitung der Niederlassung des väterlichen Handelsunternehmens in Hamburg vorbereitete.
Als junger Mann unternahm er zahlreiche geschäftliche Reisen in Europa, lernte Land und Leute und dabei auch viele menschliche Schicksale kennen. Das war vielleicht bestimmend für sein späteres menschenfreundliches Wohltun.
Ein Schlüsseljahr in seinem Leben war bestimmt das Jahr 1805. Er erwarb zum einen in Hamburg das Bürgerrecht, zum anderen ließ er sich in Halle/ Saale evangelisch taufen. Nach der Schlacht von Jena und Auerstedt im Jahre 1806, die viele Menschen in Angst und Schrecken versetzte, zeigte er Organisationstalent und Besonnenheit. Er übersiedelte nach Prag, nahm seine großen Vorräte an Garn und seine reichlichen Geldmittel mit. Die Kontinentalsperre Kaiser Napoleon I. von Frankreich, die gegen den Handel mit Großbritannien gerichtet war, umging er durch Zufuhren über Triest im heutigen Italien. Bald beherrschte er den Garnmarkt in Böhmen und erwarb sich durch geschickte Spekulationen ein beträchtliches Vermögen. 1807 verlegte er seinen Wohnsitz nach Wien. Dort heiratete er Johanna Sonnefeld, die Tochter eines Hofrates. Das Paar bewohnte das Palais des Fürsten Esterhazi. Das große prunkvolle Gebäude hatte Ferdinand Martin Liebmann vorher käuflich erworben. Die Ehe wurde nach 12 Jahren geschieden. Mit Frauen hatte er trotz seines Vermögens kein Glück. Auch spätere eheliche Beziehungen scheiterten.
Als er ins gesetzte Alter kam, hatte er kein Verlangen mehr nach Frauen. 1837 löste er schließlich seinen Wiener Haushalt auf. Nicht nur mit seiner Familie, auch mit der Stadt Wien gab es Ärger, hatte er doch 26.000 Gulden Strafe wegen angeblich unrichtiger Angabe seines Vermögens zahlen müssen. Liebmann zog nach Florenz, kaufte einige Villen und Paläste und setzte seine Spekulationen fort. Seine Bestrebungen, in Wien und in Florenz für das Gemeinwohl tätig zu sein, scheiterten an der Gleichgültigkeit der maßgebenden Personen. 1828 kaufte er die Herrschaft Faal in der Steiermark mit Hammerwerken und Eisengruben. Bereits 1829 bereitete er seine Übersiedlung nach München vor. Dort äußerte er den Wunsch, eine Nationalbank unter seiner Leitung ins Leben zu rufen. Er kaufte das Wornzofische Palais das er aber an König Ludwig I. abtrat, als er hörte, dass dieser darauf ein Auge geworfen hatte. Dieser Verzicht zu Gunsten des Monarchen war vielleicht die Ursache, dass er dafür in den Bayerischen Adelsstand erhoben wurde. Der Titel Freiherr von Rast bezieht sich auf das Dorf Rast in der Herrschaft Faal. Freiherr von Rast hat mehrere Male Coburg besucht. Anlässlich eines Aufenthaltes im Jahre 1832 wurde er zum herzoglichen Kammerherrn ernannt.

Das Haus Bahnhofstraße 36 mit dem Rast-Relief (Foto: Christian Boseckert 2007)

Möglicherweise spielte dabei Geld auch eine Rolle. Seinen endgültigen Wohnsitz in Coburg nahm der Freiherr im Jahre 1859. Er hat zuletzt in keinem Palast, sondern in einer schlichten Wohnung in der Gymnasiumsgasse 6 gewohnt. Hier starb er am 14. Dezember 1863 im Alter von 82 Jahren. Sein Grab existiert nicht mehr, wohl aber sein Grabdenkmal im unteren Teil unseres Friedhofes in der Nähe des herzoglichen Mausoleums. Am 13. Juni 1861 errichtete Rast eine für Coburg bedeutungsvolle Stiftung, nämlich die sogenannte Freiherr-von-Rast´sche Stiftung. Der Hauptzweck der Stiftung war, Söhne armer Eltern, die Handwerker werden wollten, bei tüchtigen Lehrherrn unterzubringen und das Lehrgeld für sie zu bezahlen. Man kann sich heute kaum noch vorstellen, dass früher die Lehrlinge, bzw. deren Eltern, Lehrgeld in beträchtlicher Höhe an den Lehrherrn zahlen mussten. Daher wurde 1892 die in Verbindung mit der Baugewerkschule gegründete gewerbliche Fachschule durch Zuschüsse aus der Rast´schen Stiftung unterhalten.

Die Freiherr-von-Rast-Schule in der Kanalstraße (Fotosammlung Christian Boseckert)

Diese Schule wurde schließlich 1909 zur Rast´schen Gewerbeschule umgebildet. Aus ihr entwickelte sich die in der Kanalstraße befindliche Freiherr-von-Rast-Berufsschule. In der Stiftungsurkunde bestimmte Rast auch größere Zuwendungen für das im Jahre 1862 errichtete Landkrankenhaus in der Allee. In Legaten bedachte er die evangelische Kirche in Coburg, den israelitischen Frauenverein in München, die Gewerbewitwenkasse sowie den Frauenverein in Coburg. Für die jeweiligen Verwalter ergaben sich schwierige Aufgaben bei der Regelung der Stiftung, die sich fast 20 Jahre hinzogen, galt es doch, nicht nur die Ansprüche der Hinterbliebenen zu klären, sondern auch Außenstände in Österreich und Italien einzuziehen. Die Folgen zweier Weltkriege, der Inflation und der Währungsreform haben das Stiftungskapital arg zusammenschrumpfen lassen. Immerhin beträgt es noch gegenwärtig knapp 20.000 Euro. Die Zinsen werden als Prämien für fleißige Berufsschüler verwendet. Es war eine Ehrenpflicht für die Stadt Coburg, dem Stifter nicht nur zu danken, sondern ihn auch gebührend zu ehren. Der Magistrat verlieh ihm 1861 das Ehrenbürgerrecht der Stadt Coburg. Am 100. Geburtstag des Stifters gedachte die Stadt in besonderer Weise ihres Wohltäters. Am Hause Gymnasiumsgasse 6 wurde am 28. Januar 1881 eine Gedenktafel zu Ehren des Freiherrn von Rast in schwarzem Marmor enthüllt. Dieses Gebäude wurde 1967 zu Gunsten des Anbaus zum Casimirianum abgerissen. Die Tafel blieb erhalten und wurde an dem Neubau wieder angebracht. Auf einer der Ehrentafeln im Rathaus wurde des Wohltäters ehrend gedacht. An ihn erinnert ferner ein Reliefbild am Hause Bahnhofstraße 36 an der Ecke zur Raststraße, welche 1894 den Namen des Freiherrn erhielt. So blieb der Name des Freiherrn von Rast noch bis in unsere heutige Zeit den meisten Leuten präsent, was aufgrund der Wohltätigkeit des Freiherrn auch verdient ist.

Text:

Christian Boseckert

Fotos:
Bild 1: Bildnis des Freiherrn von Rast (Fotosammlung Christian Boseckert)
Bild 2: Das Haus Bahnhofstraße 36 mit dem Rast-Relief (Foto: Christian Boseckert 2007)
Bild 3: Die Freiherr-von-Rast-Schule in der Kanalstraße (Fotosammlung Christian Boseckert)

Coburger Oberbürgermeister – Ludwig Meyer

Ludwig Meyer (Fotosammlung Stadtarchiv Coburg aus dem Nachlaß Schneier)

Ludwig Meyer (Fotosammlung Stadtarchiv Coburg aus dem Nachlaß Schneier)

Er war der erste gewählte Oberbürgermeister von Coburg nach dem Zweiten Weltkrieg. Er war einer der bedeutendsten Kommunalpolitiker, die es nach 1945 in unserer Region gab. Trotzdem ist sein Name heute fast völlig vergessen. Oder wer kann sich noch an die Amtszeit des Oberbürgermeisters Ludwig Meyer erinnern?

Neustadt bei Coburg zu Ende des 19. Jahrhunderts (Sammlung Christian Boseckert)

Neustadt bei Coburg zu Ende des 19. Jahrhunderts (Sammlung Christian Boseckert)

Geboren wurde Ludwig Meyer als Sohn eines Handwerkers am 15. April 1886 in Neustadt bei Coburg. Nach dem Besuch der Volksschule ging er an die Neustadter Industrieschule und ließ sich dort zum Modellier ausbilden. Meyer war Schüler des bekannten Künstlers und Pädagogen Professor Max Derra, der schon den bedeutenden Karikaturisten und Zeichner Karl Arnold prägte. Nach der Beendigung der Schullaufbahn ging Meyer auf Wanderschaft und legte seinen Militärdienst ab. Er ließ sich danach in Coburg nieder und arbeite als Augeneinsetzer für Puppen.

Schon in der frühesten Jugend hatte er Kontakt zu den Arbeitermilieus. So führte sein Weg zur Sozialdemokratischen Partei, in der er bald Mitglied wurde. Aber erst in Coburg sollte er kommunalpolitisch aktiv werden. Bei den Coburger Stadtratswahlen von 1924 zog Meyer für SPD in das Gremium ein. So wurde er hautnah Zeuge des Aufstiegs des Nationalsozialismus in Coburg.
Nachdem die NSDAP im Jahre 1931 die Macht in Coburg endgültig an sich gerissen hat, war Ludwig Meyer immer größeren Anfeindungen ausgesetzt. Als schließlich im Jahre 1933 Hitler die Macht ergriff, waren Meyers Tage in Freiheit gezählt. Er und seine sozialdemokratischen Parteifreunde wurden aus dem Stadtrat entfernt und Meyer selbst in das Konzentrationslager Dachau gebracht, wo er einige Jahre interniert war. Nach seiner Freilassung war er aufgrund seiner Vergangenheit lange arbeitslos, so dass er in ärmlichen Verhältnissen leben musste.
Seine Stunde schlägt erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Auf der Suche nach unbelasteten Deutschen stieß die US-Militärregierung in Coburg auf Meyer. Sie ernannte ihn am 18. Mai 1945 zum Zweiten Bürgermeister von Coburg. Gleich nach Ende des Krieges betrieb er mit anderen die Gründung eines sozialdemokratischen Ortsvereins in Coburg an, der schließlich auch am 29. September 1945 unter seiner Mitwirkung entstand. Als am 19. Dezember 1945 der kommissarische Oberbürgermeister Bornhauser zurücktrat, ernannten die Amerikaner Ludwig Meyer zum neuen Stadtoberhaupt. Die Probleme die er vorfand waren katastrophal. Er beschrieb das später so: „Die gesamte militärische, zivile und juristische Gewalt lag in den Händen der Besatzungsmacht. Erst viel später gab man die Rechte nacheinander an die Zivilbevölkerung frei. Die Offiziere der Militärregierung waren unterschiedlich. Vernunft und Rachsucht lagen oft nahe beisammen, wenn auchder einsichtige Teil mit der Zeit überwog.“ Das größte Problem seiner Zeit war die Frage der Flüchtlinge. Nach Kriegsende drängten sich in Coburg an die 17.000 Flüchtlinge vor allem aus Schlesien und dem Sudetenland. Die Einwohnerzahl schnellte von rund 30.000 vor dem Zweiten Weltkrieg vorübergehend auf 50.000 hoch, womit Coburg in punkto Überbelegung nach München und Nürnberg den dritten Platz einnahm. Wohnraum war dadurch zur Mangelware geworden. Es ist vollkommen klar, dass die ersten Schritte in ein geregeltes Nachkriegsdasein unter derartigen Bedingungen nur in Maßnahmen zur Behebung der schlimmsten Not bestehen konnten. Das hieß konkret, das Alteingesessene und Neubürger zusammenrücken mussten. Die Flüchtlinge wurden in bereits belegte Privatwohnungen, Baracken und Kasernen untergebracht. Ein weiteres Problem das Meyer bewältigen musste war die Lebensmittelversorgung der „alten“ und „neuen“ Coburger.

Meyers letztes Wohnhaus in der Mohrenstraße 36 (Foto: Christian Boseckert)

Meyers letztes Wohnhaus in der Mohrenstraße 36 (Foto: Christian Boseckert)

Aber auf der anderen Seite gab es aber auch Fortschritte. Im Januar 1946 erschien mit der NEUEN PRESSE erstmal wieder eine Zeitung in Coburg. Auch die Demokratisierung machte weitere Fortschritte. So fand am 26. Mai 1946 die erste Wahl zum Coburger Stadtrat nach dem Ende des Krieges statt. Zwar lag die Wahlbeteiligung bei 94%, aber waren Flüchtlinge und ehemalige NSDAP-Mitglieder nicht wahlberechtigt, sodass nur eine Minderheit zur Wahl gehen durfte. In Zahlen waren das 16.000 Wahlberechtigte Coburger, bei einer Einwohnerzahl von 46.000. Der neue Stadtrat wählte schließlich Ludwig Meyer zum Oberbürgermeister. Eine OB-Wahl gab es damals noch nicht. Aufgrund seiner guten Kontakte berief ihn der bayerische Ministerpräsident Hoegner in die bayerische Landesversammlung, dem Vorgängergremium des bayerischen Landtages. Es hatte sich auch München herumgesprochen das Meyer alles versuchte, das Nazi-Image seiner Stadt zu entkräften. Dies tat er zum Beispiel mit der Gründung einer Internationalen Volksakademie in Coburg. Bei der ersten Landtagswahl in Bayern, im Dezember 1946, wurde er als Abgeordneter der SPD in das Landesparlament direkt gewählt. Meyer blieb eine Legislaturperiode im Amt und schied 1950 aus.
Als im Jahre 1948 die Coburger Bevölkerung erstmals die Möglichkeit hatte, den Oberbürgermeister direkt zu bestimmen, stellte sich Meyer als Kandidat der SPD zur Wahl. Er unterlag allerdings seinem Gegenkandidaten Dr. Walter Langer von der FDP. So endete am 30.06.1948 die Amtszeit Meyers als Oberbürgermeister. Er nahm allerdings sein Stadtratsmandat, das er errungen hatte, an. Als es im Jahre 1952 darum ging einen neuen Stadtrat zu bestimmen, stellte er sich nicht mehr zur Wahl und zog sich von der politischen Bühne zurück. Nach langer, schwerer Krankheit starb Ludwig Meyer am 11. August 1957 im Alter von 71 Jahren in Coburg. In einem Nachruf war über ihn zu lesen, dass er sich immer treu geblieben sei und sich immer wie der einfacher Mann aus dem Volk gefühlt habe. Sein Vermächtnis als Oberbürgermeister war es doch, das er in vielen Fällen die Voraussetzungen dafür schuf, dass in den späteren Jahren der Wiederaufbau in der Stadt so erfolgreich durchgeführt werden konnte.

Text: Christian Boseckert

Coburger Künstler – Die Theatermaler Brückner

Die Gebrüder Brückner (Fotosammlung HG Coburg)

Vom Bäckergesellen zum Professor und Hofrat – die ungewöhnliche Karriere eines außergewöhnlichen Talents. Der in geborene Theatermaler Max Brückner ist gemeinsam mit seinem Bruder Gotthold der gefragteste Bühnenbildner an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert in Deutschland. Zu den Auftraggebern der Malerfamilie gehören zum Beispiel Richard Wagner und König Ludwig II. von Bayern.
Die Malerfamilie der Brückner weist seit 1700 eine lange Reihe von Tünchermeistern und Malern auf. Das Salzburger Land ist das Heimatland der urgroßmütterlichen Ahnen der Brückner, die ihre Heimat wegen ihres evangelischen Glaubens verlassen mussten. Heinrich Brückner, der Vater von Max Brückner, wurde 1805 in Coburg geboren und starb hier im Jahre 1892. 1833 trat er in den Dienst des Coburger Hoftheaters, wo er jahrelang als Theatermaschinist, als Chorsänger und auch als Theatermaler tätig war. Er wird in den Akten des Hoftheaters als ein talentierter Künstler bezeichnet, dessen Hauptleistung die von ihm im Jahre 1854 gemalte Einrichtung des „Thannhäuser“ darstellt. Es bedeutete nach dem Misserfolg Richard Wagners in Dresden im Jahre 1845 ein Wagnis, wenn Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha die Oper sowohl in Coburg als auch in Gotha aufführen ließ.
Großen Anteil am Erfolg in beiden Theatern hatten die Ausstattung und die Dekoration von Heinrich Brückner. Dieser vererbte seine künstlerische Begabung an seine beiden Söhne Max und Gotthold.

Das Wohnhaus der Familie Brückner in der Ketschengasse (Foto: Christian Boseckert, 2006)

Das Wohnhaus der Familie Brückner in der Ketschengasse (Foto: Christian Boseckert, 2006)

Max Brückner, der schon am 14. März 1836 in Coburg im Hause Ketschengasse 14 geboren wurde, besuchte bis zu seinem 14. Lebensjahr die Ratsschule hinter der Moritzkirche. Schon als Junge hegte er den Wunsch, Landschaftsmaler zu werden, aber sein Vater, der auf dem Standpunkt stand, ein Handwerk habe immer festen Boden, gab in die Lehre bei einem Coburger Bäckermeister. Aber die Lust und Liebe zur Malerei waren schließlich stärker als der Gehorsam gegen die Eltern. Um seinen Vater umzustimmen, half Max ihm in seiner Freizeit eifrig bei den Malerarbeiten für die „Stumme von Portici“. Das brachte dem jungen Brückner auch Lob und finanzielle Anerkennung des damaligen Theaterintendanten von Wangenheim ein.
Endlich konnte der 18jährige junge Maler zur Ausbildung als Landschaftsmaler nach München fahren. Die ersten Bilder von einer Studienreise nach Tirol erwarb Herzog Ernst II. Nach zwei Jahren kehrte der junge Brückner nach Coburg zurück und arbeitete kurze Zeit im Atelier seines Vaters. Eines Tages erbat Intendant von Wangenheim von Max Brückner eine Studienmappe, um sie dem Herzog vorzulegen. Dieser wurde von da an ein väterlicher Freund des jungen Malers und legte ihm nahe, sich nicht nur der Landschaftsmalerei, sondern auch der Theatermalerei zu widmen. Dem Herzog war bekannt, dass die englische Bühnenbildkunst der deutschen weit überlegen war und schickte deshalb im Jahre 1858 den jungen Künstler nach London, wo er auf Anordnung des Prinzgemahls Albert Zutritt zu allen Ateliers und Bühnen hatte.

Nach Beendigung seiner Londoner Studien kam Brückner für ein Jahr nach Berlin zu dem Theatermaler Gropius, bei dem er das letzte Rüstzeug für sein späteres Schaffen erwarb. Im Jahre 1862 malte der junge Künstler in Köln die Ausstattung für den „Faust“ mit so großem Erfolg, dass man ihn dort fest anstellen wollte. Das verhinderte Herzog Ernst II. und gewann Max Brückner für seine Bühnen in Coburg und Gotha. Dieser erhielt im Jahre 1865 den Titel „Hofmaler“. Was aber noch wichtiger war, der Hofmaler hatte freie Hand für künstlerisches Schaffen auch an auswärtigen Bühnen. Die Folge davon war, dass Max Brückner zusammen mit seinem Bruder Gotthold in der Rodacher Straße 11 (jetzt Omnibus-Gevers) Anfang der 1870er Jahre ein Atelier für künstlerische Bühnengestaltung gründete.

Die Brückner´schen Theaterwerkstätten in der Rodacher Straße (Foto: Christian Boseckert, 2007)

Die Brückner´schen Theaterwerkstätten in der Rodacher Straße (Foto: Christian Boseckert, 2007)

Das Jahr 1874 war ein Markstein im Schaffen der Gebrüder Brückner. So traf am 1. Dezember Richard Wagner mit seiner Ehefrau Cosima in Coburg ein und suchte die damals schon berühmten Künstler Brückner auf. Er und seine Gattin Cosima waren begeistert von den bereits fertig gestellten Dekorationen für den „Ring der Nibelungen“. Wagner sagte dazu:

Ihr sollt mir ganz neue Skizzen zum „Ring“ entwerfen, in denen Ihr Euern Intentionen frei folgen könnt, denn Ihr versteht mich und ich bedarf Euer.

Nach dem Tode Wagners im Jahre 1883 waren Max und Gotthold Brückner nach jahrelang Helfer und Berater der Frau Cosima in Bayreuth. So ist nicht zuletzt dem Drängen von Max Brückner zu verdanken, dass die Festspiele in Bayreuth nach Wagners Tod fortgesetzt wurden.
Aus der Coburger Werkstätte gingen außerdem noch rund 40 Jahre lang die Dekorationen nach Bayreuth, aber auch in allen anderen namhaften Theatern auf der Welt z. B. nach New York, Zürich oder St. Petersburg waren die Brückner´schen Kunstwerke zu bestaunen. Die Dekorationen waren historische Treue und trugen allen Regiemöglichkeiten der Kulissenbühne Rechnung. Das Publikum war begeistert von den Bühnenbildern der Gebrüder Brückner.

Die Weltruf genießende Bühnenmalerei von Max und Gotthold Brückner hat dem Namen Coburg seinerzeit große Ehre verschafft. Das Schicksal wollte es, dass den fast 80jährigen Max Brückner das Augenlicht verließ. Er starb am 2. Mai 1919 und fand auf dem Friedhof von Coburg in einer Gruft seine letzte Ruhestätte.
Der acht Jahre jüngere Bruder Gotthold Brückner (geboren am 1. April 1844) war nicht minder begabt wie sein Bruder Max. Er studierte in Weimar und an der Wiener Akademie der Bildenden Künste. Im gemeinsamen Atelier ergänzten sich beide Brüder in hervorragender Weise. Bei einem Jagdunfall war Gotthold Brückner schwer verletzt worden und starb an dessen Folgen am 11. November 1892. Heute erinnert an diese bedeutende Künstlerfamilie eine Gedenktafel an deren Wohnhaus in der Ketschengasse.

Text: Christian Boseckert

Bildquellen:
Bild 1: Die Gebrüder Brückner (Fotosammlung HG Coburg)
Bild 2: Das Wohnhaus der Familie Brückner in der Ketschengasse (Foto: Christian Boseckert, 2006)
Bild 3: Die Brückner´schen Theaterwerkstätten in der Rodacher Straße (Foto: Christian Boseckert, 2007)

Coburger Oberbürgermeister – Dr. Eugen Bornhauser

Professor Eugen Bornhauser (Foto aus dem Nachlass Walter Schneier, im Besitz des Stadtarchivs Coburg)

Nach der Entlassung von Alfred Sauerteig aus dem öffentlichen Dienst ernannte die US-Militärregierung den Gewerbeschullehrer Eugen Bornhauser am 12. Mai 1945 zum kommissarischen Oberbürgermeister. Warum gerade Bornhauser dieses Amt erhielt ist leicht zu erklären. Zum einem genoss er das Vertrauen der amerikanischen Besatzungsmacht. Er war in der Zeit des Dritten Reiches nie der NSDAP beigetreten und trat auch nicht politisch in Erscheinung. Zum anderen hatten viele Coburger Bürger ihn darum gebeten, diese schwierige Aufgabe zu übernehmen. Da stellt sich die Frage was für eine Persönlichkeit Professor Bornhauser war?
Eugen Bornhauser wurde am 31. Juli 1887 in Waldshut-Tiengen, an der deutsch-schweizerischen Grenze gelegen, geboren. Nach dem Besuch der Volksschule und des Gymnasiums studierte er in Karlsruhe auf Lehramt und bestand im Jahre 1908 das Staatsexamen als Gewerbeschullehrer. 1910 folgte er den Ruf des Gewerbeschuldirektors Fritz Dürr nach Coburg zu kommen und dort an dessen Anstalt zu unterrichten. Kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges promovierte er im Studienbereich Staatswissenschaft an der Universität Erlangen. Seine Doktorarbeit hatte den Titel: „Die Verfassungsgeschichte von Coburg“.

Die Freiherr-von-Rast-Schule in der Kanalstraße (Fotosammlung Christian Boseckert)

Anscheinend hatte Eugen Bornhauser seine neue Heimat bereits tief ins Herz geschlossen. Von nun an widmete sich Bornhauser mit seiner ganzen Kraft dem Ausbau der Gewerbeschule mit dem Erfolg, dass die Schule im Jahre 1937 ein eigenes Gebäude in der Kanalstraße bekam. Aber auch die persönliche Anerkennung seiner Dienste blieb nicht aus. 1920 wurde er zum Gewerbeoberlehrer befördert. Aufgrund dieser Arbeit besaß er ein hohes Ansehen in der Coburger Bevölkerung. Als schließlich im Mai 1945 ein neuer kommissarischer Oberbürgermeister gesucht wurde, fiel die Wahl auf Bornhauser. Er wusste, dass er keine leichte Aufgabe übernehmen würde, doch setzte er sich dafür ein, dass viele Härten für die Coburger Bevölkerung gemildert worden sind. So verbesserte sich in seiner Amtszeit die Versorgungslage mit Lebensmitteln. Während im Mai 1945 nach der Lebensmittelzuteilung nur 5,6 kg Brot, 800 Gramm Fleisch und 400 Gramm Fett pro Kopf zur Verfügung standen, erhöhte sich der Anteil pro Person im August 1945 auf: 10 kg Brot; 1,4 kg Fleisch und 400 Gramm Butter. Dazu sollten noch 10 kg Kartoffeln, drei Liter Milch, 62,5 Gramm Käse und 12 Gramm Quark kommen. Gleichzeitig wurde in der Ära Bornhauser durch die Amerikaner zweimal die Ausgangssperre für die Coburger Bevölkerung, die es seit dem Kriegsende gab, reduziert.
Zunehmend begann auch die Demokratisierung. Durch Unterstützung der Amerikaner wurden neue Parteien gegründet und ein Stadtausschuss als Vorläufer eines noch zu wählenden Stadtrates gebildet. Aber auch mit Problemen hatte Eugen Bornhauser zu kämpfen. So wurde aufgrund der einsetzenden Entnazifizierungsmaßnahmen ca. 85% der 328 Beschäftigten der Stadtverwaltung entlassen. Einen solchen Aderlaß konnte man nicht ohne weiteres kompensieren. Außerdem stellte die Frage der ehemaligen Zwangsarbeiter, die vorwiegend aus Polen und der Sowjetunion kamen ein großes Problem dar. Sie stahlen Kleidung und Tiere am helllichten Tage und töteten sogar Menschen. So schreibt der Kürschnermeister Max Krahl in sein Tagebuch: „15. Mai 1945: Immer wieder Raub, Mord und Totschlag der Polen an die Zivilbevölkerung“. Selbst die US-Militärpolizei konnte lange Zeit dem nicht Einhalt gebieten. Erst als die Fremdarbeiter wieder in ihre Heimat verbracht worden sind, konnte dieses Problem gelöst werden.

Wohnhaus von Professor Eugen Bornhauser am Festungsberg (Foto: Christian Boseckert)

Wohnhaus von Professor Eugen Bornhauser am Festungsberg (Foto: Christian Boseckert)

Mit der Zeit war wohl die US-Militärregierung mit der Amtsführung von Eugen Bornhauser unzufrieden. Um seiner Entlassung zuvor zukommen, erklärte er am 19. Dezember 1945 seinen Rücktritt vom Amt des kommissarischen Oberbürgermeisters. Der im Jahre 1946 gewählte, erste Coburger Stadtrat nach dem Krieg, würdigte Bornhausers Leistungen für die Stadt ausdrücklich. Eugen Bornhauser zog sich mit seinem Rücktritt aus der aktiven Politik zurück und arbeite wieder im Schuldienst. 1947 wurde er, inzwischen zum Professor ernannt, Nachfolger seines Mentors Fritz Dürr Direktor der Gewerbeschule, die unter ihm später in Berufsschule umbenannt wurde. Im Jahre 1952 wurde er nach 42jähriger Tätigkeit im Coburger Schuldienst pensioniert. Er hatte auch in seiner fünfjährigen Amtszeit als Berufsschuldirektor in dieser schwierigen Zeit außerordentliches geleistet. Es sei auch erwähnt, das Professor Bornhauser sich in verschiedenen Positionen zum Wohle der Allgemeinheit betätigt hat. So war er von 1945 bis 1947 Vorsitzender der Coburger Landesstiftung, gehörte der Niederfüllbacher Stiftung als deren Mitglied an, war von 1946 bis 1953 Vorsitzender der Gesellschaft für Musikfreunde und beteiligte sich maßgeblich an der Wiederbegründung der Loge „Zur Fränkischen Krone“, die während der Nazizeit verboten wurde. Seinen Ruhestand konnte Eugen Bornhauser leider nicht mehr genießen. Nach langer schwerer Krankheit starb er am 07. November 1957 im Alter von 70 Jahren in Coburg.

Text: Christian Boseckert

Bildquellen:
Bild 1: Professor Eugen Bornhauser (Foto aus dem Nachlass Walter Schneier, im Besitz des Stadtarchivs Coburg)
Bild 2: Die Freiherr-von-Rast-Schule in der Kanalstraße (Fotosammlung Christian Boseckert)
Bild 3: Wohnhaus von Professor Eugen Bornhauser am Festungsberg (Foto: Christian Boseckert)

Coburger Oberbürgermeister – Alfred Sauerteig

Alfred Sauerteig (Aus dem Nachlass Walter Schneier, Standort Stadtarchiv Coburg)

Seine Amtszeit als kommissarischer Oberbürgermeister von Coburg dauerte gerade mal 32 Tage. Trotzdem war Alfred Sauerteig einer der angesehensten Kommunalpolitiker Coburgs. Das lag vor allem daran, dass er die Stadt vor einer möglichen Zerstörung durch amerikanische Truppen im April 1945 bewahrte, indem er rechtzeitig die Kapitulationsbedingungen der Amerikaner akzeptierte und unterzeichnete. Diese Rettung vergaßen ihm die Coburger nie.

Wer war dieser Alfred Sauerteig eigentlich? Er wurde am 15.10.1877 in Unterwohlsbach bei Rödental als Sohn des Landwirts Nikol Sauerteig geboren. Er verlebte seine Jugend bei den Großeltern in Oeslau (heute ist Oeslau ein Stadtteil von Rödental) und besuchte dort auch die Volksschule. Später erfolgte der Wechsel an das Coburger Gymnasium. Nach seiner Schulausbildung wurde Sauerteig Justizanwärter beim Amtsgericht in Coburg. Im Jahre 1905 wechselte er zur Coburger Stadtverwaltung über und wurde dort Stadtschreiber und stellvertretender Leiter des Polizeiamtes. Es schien als stände Alfred Sauerteig eine glanzvolle Karriere bevor, doch der Erste Weltkrieg beendete das berufliche Vorankommen erstmal. Er wurde eingezogen und kam 1918 als Leutnant der Infanterie, dekoriert mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse, zurück nach Coburg. Dort konnte er wieder in der Stadtverwaltung wirken.

Neben dieser Tätigkeit begann er kommunalpolitisch tätig zu werden. So saß Sauerteig von 1919 bis 1921 für die linksliberale Deutsche Demokratische Partei (DDP) im Coburger Stadtrat. Außerdem setzte sich der spätere Stadtamtmann bei zahlreichen Vereinen und Verbänden für das Wohl der Allgemeinheit ein. Alfred Sauerteig war Vorstand der gemeinnützigen Spitalkasse, wirkte jahrzehntelang im Vorstand der angesehenen Turngenossenschaft, gehörte zu den aktiven Mitgliedern des Thüringischen-Gemeindebeamten-Verbandes und war seit 1922 Vorsitzender des Spar- und Hülfevereins, der später von der heutigen Hypovereinsbank übernommen wurde. Bei allen großen Veranstaltungen der Stadt Coburg ist er organisatorisch tätig gewesen. Auch als Historiker machte sich Sauerteig einen Namen, obwohl er sich selber nie als ein solcher bezeichnete. Sein bekanntestes Werk ist die „Coburger Zeitungsgeschichte“ in dem Sauerteig alle Coburger Zeitungen und Zeitschriften von 1715 bis 1948 wissenschaftlich aufarbeitete.Während der Zeit des Dritten Reiches führte er trotz großflächiger Säuberungen des Beamtenapparates das Coburger Personalamt, dem er schon zu Zeiten der Weimarer Republik vorstand, weiter, da er nicht ersetzt werden konnte. Im Jahre 1937 trat Sauerteig in die NSDAP ein, was ihm am Ende des Zweiten Weltkrieges zum Verhängnis werden sollte. Zwischen 1937 und 1945 tritt kaum in Erscheinung.

Erst im April 1945 sollte er aus dem Dunkel hervortreten. Am 07. April 1945 befragte ihn der NS-Oberbürgermeister Greim ob er bereit sei, ihn zu vertreten. Sauerteig erklärte darauf hin, dass er die Stadt Coburg in dieser Zeit nicht im Stich lassen wolle, waren doch die amerikanischen Truppen schon auf dem Vormarsch Richtung Coburg. Als sich Greim am Abend des 09. April nach Bayreuth absetzte, wurde Sauerteig kommissarischer Oberbürgermeister. Der Stadtamtmann fand eine hoffnungslose Situation vor. Die Stadt musste einige Luftangriffe seitens der Amerikaner ertragen und an einer Verteidigung war aufgrund der wenigen Waffen nicht zu denken. Trotz des Führerbefehls die Stadt „bis zum letzten Mann“ zu verteidigen, entschloss sich Sauerteig zur Kapitulation.

Wehrmachtsparlamentär Oberleutnant Adolf Müller (Mitte) erläutert Stadtamtmann Alfred Sauerteig (links fast verdeckt neben Müller) die von den Amerikanern diktierten Kapitulationsbedingungen (Fotosammlung Stadtarchiv Coburg)

Am 11. April 1945 zogen die amerikanischen Truppen in Coburg ein. Gegen 12 Uhr des gleichen Tages unterzeichnete Alfred Sauerteig in der Regimentsstube des Coburger Rathauses die Kapitulation der Stadt. Die Amerikaner setzten ihn sogleich zum kommissarischen Oberbürgermeister ein. Doch als seine Mitgliedschaft in der Nationalsozialistischen Partei bekannt wurde, enthob die US-Militärregierung am 11. Mai 1945 Alfred Sauerteig seines Amtes und schickte ihn nach 50jähriger Tätigkeit bei der Stadt Coburg in den Ruhestand. Es sei noch zu erwähnen das Sauerteig es war, der den Coburger Mohr als Stadtwappen wieder einführte, nachdem dieser von Nationalsozialisten durch ein neues Wappen abgeschafft wurde.

Trotz dieses Rückschlages genoss der ehemalige kommissarische Oberbürgermeister den Rückhalt und das Wohlwollen der Coburger Bevölkerung. Bei der ersten Stadtratswahl nach dem Kriege, im Jahre 1946, zog er in dieses Gremium ein und wirkte dort unter anderem im Verwaltungssenat. Zuletzt gehörte er der Fraktion des Coburger Volksbundes, dem Vorgänger der Freien Wähler, an. 1960 zog er sich aus der aktiven Politik zurück.

Sauerteigs Wohnhaus in der Löwenstraße (Foto: Christian Boseckert, 2007)

Sauerteigs Wohnhaus in der Löwenstraße (Foto: Christian Boseckert, 2007)

Seinen wohlverdienten Ruhestand konnte Alfred Sauerteig allerdings nicht mehr genießen. Er starb am Neujahrstag 1961 im Alter von 83 Jahren in Coburg. In seinem Arbeitszimmer hing jahrzehntelang eine Glasmalerei mit einem Zitat aus Goethes Faust. Dort war zu lesen: „O glaube mir der manche tausend Jahre an dieser harten Speise kaut, dass von der Wiege bis zur Bahre kein Mensch den alten Sauerteig verdaut.“ Vielleicht charakterisiert dieses Zitat Alfred Sauerteig am besten. Aufgrund seiner Verdienste um die Stadt Coburg benannte man im Jahre 1987 den kleinen Park vor dem Portikusbau des Ernst-Alexandrinenbades in Alfred-Sauerteig-Anlage um. Dort ist auch eine Gedenktafel aufgestellt, die an diesen bedeutenden Kommunalpolitiker erinnert soll.

Text: Christian Boseckert

Fotoquellen:
Bild 1: Alfred Sauerteig (Aus dem Nachlass Walter Schneier, Standort Stadtarchiv Coburg)
Bild 2: Wehrmachtsparlamentär Oberleutnant Adolf Müller (Mitte) erläutert Stadtamtmann Alfred Sauerteig (links fast verdeckt neben Müller) die von den Amerikanern diktierten Kapitulationsbedingungen (Fotosammlung Stadtarchiv Coburg)
Bild 3: Sauerteigs Wohnhaus in der Löwenstraße (Foto: Christian Boseckert, 2007)