Veränderungen – Die Ecke Viktoriastraße / Judengasse

Die Ecke Viktoriastraße / Judengasse um 1900 (aus Christian Boseckert, Eine Straße erzählt Coburgs Geschichte, S. 57)

Ein Ort der Veränderung war auch lange Zeit die Ecke Viktoriastraße / Judengasse. Diese sollen hier im zweiten Teil der Reihe „Veränderungen“ näher beleuchtet werden. Die obere Aufnahme zeigt die Situation, wie sie sich um 1900 dargestellt hat. Im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen dabei vier Gebäude. Zuerst blicken wir auf das Haus am linken Bildrand. Es ist das Anwesen Judengasse 52a welches 1862 für den Zimmermeister Ferdinand Amberg errichtet wurde. Im Jahre 1890 eröffnete dort der Zahnarzt Heinrich Borneff ein Lebensmittelgeschäft, dessen Werbung an der Hausfassade noch zu erahnen ist. Ab 1909 führte die Familie Gräfenhain das Geschäft weiter, gab es aber 1924 an den Kaufmann Alfred Streng ab. Das Lebensmittelgeschäft Streng, seit 1956 an der EDEKA-Gruppe angeschlossen, dürfte den älteren Coburgern noch bekannt sein. Es existierte bis 1977 und wurde zum Schluss von der Tochter Strengs, Erika Kiesewetter, geführt.
Das nächste Gebäude galt lange als ein Verkehrshindernis, da es direkt in die Viktoriastraße hineinragte. Das in den 1830er Jahren erbaute Haus, beherbergte seit 1857 eine lithografische Anstalt mit angeschlossener Steindruckerei. Inhaber des Betriebes war der Lithograf Ludwig Eduard Beuchel, von seinen Bekannten auch „Graf Litho“ genannt. Ausgerechnet ihm passierte es, das eines Tages die herzogliche Kutsche auf schneller Fahrt, fast die Hausecke mitgenommen hätte. Daraufhin hatte Herzog Ernst II von Sachsen-Coburg und Gotha das Gebäude als ein „Scheißhaus“ bezeichnet. Beuchel war über diese Wortwahl des Monarchen sehr gekränkt. Die Druckerei selbst existierte bis 1899. Zum Zeitpunkt der Aufnahme beherbergte das Gebäude das Sanitätsgeschäft des Masseurs Peter Eichmüller. Dieses existierte bereits seit 1889.
Bei dem sich anschließenden Gebäude handelte es sich um einen Stadel, welcher der Bierbrauer- und Bäckerfamilie Flinzberg gehörte. Carl-August Flinzberg betrieb seit 1848 eine Bäckerei nebst Bierwirtschaft und Brauerei in der Judengasse 19. Die Lokalität wurde später unter dem Namen „Rizzi-Bräu“ einem größeren Publikum bekannt. In den 1870er Jahren baute Flinzberg in den Stadel eine Malzdarre ein. Das Bierbrauen selbst besorgte er in den städtischen Brauhäusern. Die Gründung einer eigenen Brauerei scheiterte. Nachdem Carl-August Flinzberg 1895 verstarb, vermieteten die Erben den Stadel an einen Kohlenhändler, der darin ein Kokslager einrichtete.
Das Gebäude ganz rechts gehörte zum Firmenkomplex der Samen- und Getreidegroßhandlung Mayer. Inhaber dieses Unternehmens war der von Ernst II geadelte Freiherr Jacob von Mayer. An ihm erinnert, aufgrund seiner großen Wohltätigkeit, eine Gedenktafel im Rathaus und die von-Mayer-Straße in Ketschendorf. Das hier zu sehende Lagerhaus erwarb Mayer 1870 vom Kaufmann Moritz Friedmann. Zum Firmenkomplex gehörte auch das Wohn- und Geschäftshaus Judengasse 43/45, Ställe und ein Kutschershaus (Judengasse 47). Als Jacob von Mayer 1901 starb, verkauften seine Erben stückweise die Gebäude. Das Lagerhaus auf dem Foto ging dabei in den Besitz des Kommerzienrats Julius Mai über, der die Samen- und Getreidegroßhandlung Mayers übernahm.

Die Ecke Viktoriastraße / Judengasse im Jahre 1996 (Foto: Karl-Ulrich Pachale)

100 Jahre später sieht die Situation dort ganz anders aus. Das Borneff´sche Haus wurde 1980 als Verkehrshindernis abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt. Das gleiche Schicksal erlitt auch das Beuchel´sche „Scheißhaus“. Es wich 1903, wie auch der Stadel Flinzberg, dem Bau eines Jugendstilhauses, welches der Architekt Otto Leheis plante. In dem neuen Wohnhaus eröffnete ein Hotelier namens Ludwig das Hotel „Coburger Hof“. Diesem war jedoch kein Erfolg beschieden. Kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs schloss das Hotel seine Pforten. In den folgenden Jahrzehnten diente das Gebäude als Privatklinik, Ämtergebäude der Stadtverwaltung, Anlaufstelle für die Hitlerjugend und nach 1945 als Parteizentrale der Kommunistischen Partei. Seit 1950 befindet sich die Löwen-Apotheke der Familie Luft in den Räumen des früheren Hotels. In den Obergeschossen haben sich Ärzte niedergelassen.
Das Sanitätsgeschäft Eichmüller, das dort einst seinen Sitz hatte, zog nach dem Abbruch des alten Gebäudes in das gegenüberliegende Jugendstilhaus Judengasse 54 um, wo Peter Eichmüller seinem Laden zusätzlich einen Friseur-Salon anschloss. Das Geschäft existierte dort bis 1956.
Das ehemalige Mayer´sche Lagerhaus wurde 1938 aufgeteilt und an zwei Interessenten verkauft. Einer davon, der Getreidehändler Ernst Wiehe, führte die Tradition des Hauses als Samengroßhandlung noch für Jahrzehnte weiter. Ein anderer Gebäudeteil gelangte in den Besitz des Spediteurs Alexander Jacobi (Nachfolger Jakob) im Sonntagsanger. Inzwischen wird dieser Teil von der Löwenapotheke und den Arztpraxen des Hauses Viktoriastraße 9 als Parkhaus genutzt. Es ist das einzige hier behandelte Gebäude, dass die letzten 100 Jahre stehen geblieben ist.

Text:
Christian Boseckert

Bildquellen:
Bild 1: Die Ecke Viktoriastraße / Judengasse um 1900 (aus Christian Boseckert, Eine Straße erzählt Coburgs Geschichte, S. 57)
Bild 2: Die Ecke Viktoriastraße / Judengasse im Jahre 1996 (Foto: Karl-Ulrich Pachale)

G’schichten aus der Spit Nummer 25

Das Haus Spitalgasse 25, Foto: Christian Boseckert

Es gab schon immer Bewohner in der Stadt, welche ihre persönlichen Erinnerungen einmal aufgeschrieben haben, um sie an ferne Interessierte weiter zu geben. So lebte in dem Haus Spitalgasse 25 eine gewisse Lina Hermann. Sie wurde 1865 geboren und zog dann mit ihren Eltern 1868 in das Hinterhaus vom Anwesen Spitalgasse 25 ein. Dieses große Haus ist durchgehend von der Spitalgasse bis zur Mauer. An der Front zur Spit gab es einmal das Wäschegeschäft Stube/Nachf., das später an die Fa. Nonnenmacher überging. Nach einer Drogeriekette sind nun nach erfolgreicher Renovierung des Vorderhauses Geschäfte für Junge Mode und Accessiores ansässig.
Interessant ist, dass sich in dem langgestreckten Anwesen ein Turnierhof befand, der aber leider im Laufe der Jahre verschwunden ist. Es waren Bogenhallen vorhanden, die aber gegen 1920 überbaut wurden. Bei dem Umbau damals wurde ein Stein mit der Jahreszahl 1446 gefunden, das Gebäude also sicher mit zu den ältesten Häusern von Coburg zu zählen ist.

Frl. Lina Hermann war nicht verheiratet und wohnte bis zu ihrem Tod 1946 in dem Haus. Ihre gesammten Erinnerungen an das Haus und die Umgegend hier wieder zu geben, wäre vermessen. Trotzdem will ich verschiedene Passagen ihrer Erinnerungen herausgreifen.
So beschreibt sie, was für ein Jubel herrschte, als zurückgekehrte Soldaten aus dem 70/71er Krieg durch die Spitalgasse marschierten und auf dem Markt empfangen wurden.
Um das Jahr 1908 wurde in dem Haus grundlegend umgebaut, was für die Bewohner eine große Belastung darstellte. Eine Wasserleitung war wenige Jahre zuvor schon im Haus eingerichtet worden. Was aber alle Bewohner sehr begrüßten, war der Anschluß des Hauses an die Kanalisation.
Wasser wurde von den Leuten mit Eimern und “Butten” von den Laufbrunnen in der Stadt geholt, die Beseitigung der Fäkalien besorgte die “Tonnenbatterie”, welche, pferdebespannt von Haus zu Haus zog und die Kübel entleerte… Und nun eine Kanalisation! Welch Fortschritt!!

Lina Hermann erinnert sich an den Abriss des “Gräfsblock” und als der Durchbruch zur Mohrenstraße geschaffen wurde. Ebenfalls hat sie Erinnerungen an das Restaurant Schaffner, welches mit Wirtsgarten unmittelbar dort stand, wo sich später an der Mauer die Hypobank niederließ.
Das Schaffner war damals, Ende der 1860er Jahre, ein sehr gutes Wein- und Bierlokal. Der Wirtsgarten des Schaffner lag etwa auf der Höhe der Webergasse, also tiefer als die Mauer und beherbergte mehrere kleine Gebäude. Das Lokal wurde gerne von Mitgliedern des Theater, Offizieren und Beamten besucht. Um 1873/74 wurde von dem jungen Schaffner dort umgebaut und erweitert, mit der Hoffnung, noch mehr Gäste im Lokal unter zu bringen. Leider waren dann die Räumlichkeiten zu groß, die Gemütlichkeit des Lokals ging verloren…! Mehr und mehr Gäste blieben nun fern und Schaffner kam in prekäre Situationen. Das Lokal wechselte mehrere male den Besitzer, so hatte es auch dann ein Griebel, der ursprünglich im Steinweg ein Lokal hatte. Der Volksmund bezeichnete nun das Lokal, welches eigentlich “Griebelei” heißen sollte, “Grübelei”.
Zu Schaffners Zeiten fanden dort alle möglichen Tanzveranstaltungen statt und das wurde späterhin immer häufiger. Das Niveau des Lokal sank immer mehr, bei den Maskenbällen soll es nicht immer fein zugegangen sein. Bei den früher viel öfteren Jahrmärkten kam viel fremdes Volk in die Stadt und besuchte die “Grübelei”.
So erinnert sich Lina Hermann an diese Vergnügungen dort sehr genau, lagen doch ihre Fenster zur Mauer hin. Sie berichtet das z. B. oft Tanzveranstaltungen am Sonntagmittag begannen und erst oftmals am frühen Montagmorgen endeten (eine Polizeistunde scheint es da nicht gegeben zu haben??). An Schlaf wäre bei dem gräßlichen Lärm, der aus dem Lokal tönte oftmals nicht zu denken gewesen!
Lina Hermann schreibt:

Immer nach den gleichen, kreischend gespielten Weisen, gab es abwechselnd Walzer, Polka, Rheinländer, letzteren mit Vorliebe und zwar dann immer nach der Melodie:” Siehste wohl da kümmt er, große Schritte nimmt er” usw.usw. was laut und misstönig mitgesungen wurde!

Scheint ja was los gewesen zu sein,in der Bude??
Prügeleien waren scheinbar dort an der Tagesordnung und wurden oftmals auf der Mauer ausgetragen…! Sogar Messerstechereien kamen vor und ein Verletzter soll damals mehrere Tage in Lebensgefahr geschwebt haben…! Ferner wird berichtet, dass eines Nachts ein völlig Betrunkener Gast der Grübelei dort auf der Mauer lauthals “Feuer,Feuer” rief. Daraufhin öffnete ein Hausbewohner des Hinterhauses ein Fenster und rief hinuter “Na, da woll’n wir mal das Feuer löschen!” und kippte den Inhalt eines “Behältnisses” auf den Schreihals, der scheinbar ernüchtert das Weite suchte…!
Später wurde die Grübelei abgerissen und das große Gebäude, das später die Hypobank aufnahm, dort errichtet. Das hohe Haus nahm aber den Bewohnern vom Hinterhaus viel Sonnenlicht weg!

Als der Turnierhof noch existierte, wurde er auch eine Zeit lang von der schlagenden Verbindung der Casimiriana des Gymnasiums genutzt,welche dort ihre Fechtveranstaltungen abhielten.
Über mehrere Unglücke in der Nachbarschaft kann Lina Hermann berichten. So hatte die Coburger Feuerwehr am alten noch stehenden Gräfsblock eine Übung angesagt. Zwei Feuerwehrleute standen auf der damals längsten Feuerleiter, die voll ausgefahren dort stand, als plötzlich die Feuerwehrleiter entzwei brach. Unter dem Aufschrei der Passanten stürzte einer der Wehrleute zu Boden und war sofort tot, der andere blieb mit der Kleidung an einer vorstehenden Dachrinne hängen und schwebte für eine Zeit zwischen Leben und Tot! Es muß in den 90er Jahren gewesen sein…!

Am 14.September 1913, nachts gegen 22.30 Uhr setzte ein schlimmes Ereigniss die ganze Umgebung dort in Schrecken und Entsetzen!
Lina Hermann erinnert sich:

Eine plötzlich unser ganzes Haus erschütternde Detonation war zu vernehmen und lautes donnerndes Grollen, so, als wenn etwas einstürzte, schloß sich an. Ich rannte zum Fenster und im gleichen Augenblick schrie ein Mann auf der Straße “Explosion,Feuer”… Wo war die Explosion?… In unserem Haus scheinbar nicht! Ich vermutete im gegenüber liegenden Kino, welches sich im Hypogebäude befand. Die Leute strömten in Panik aus dem Kino…! Eine Gasexplosion hatte weiter vorne auf der Mauer zum Judenturm hin ein ganzese Haus in die Luft gejagt! 13 Tode und eine Anzahl an Verletzten waren zu beklagen!… Schaurig war es in jener Nacht, als die Leichenwagen oder die Wagen vom Roten Kreuz unter unseren Fenstern vorbei fuhren und ihr trauriges Werk vollrichteten!

Im Jahr 1918, der erste Weltkrieg war zu Ende, wurde das Anwesen Spitalgasse an Nonnenmacher verkauft. Obwohl einige männliche Hausbewohner Soldaten waren, sind alle aus dem Krieg zurück gekommen.
An Umbauten war während des Krieges nicht zu denken… aber Lina Hermann freute sich dann doch… sie bekam nämlich elektrisches Licht!!! Der zweite große Fortschritt für die Dame… bis dahin nur Petroleum Lampen oder Kerzen… und Petroleum wurde während des Krieges immer weniger… auch Kerzenwachs wurde sorfältig gesammelt und z.T. wieder neue Kerzen gegossen…! Heute doch unvorstellbar!
Auch einen Blick in die Zukunft wagte Lina Hermann. Und schreibt sogar ein Datum dazu… das Jahr 2010!

Wie fremd wirken Lina Hermanns Worte heute auf uns, wenn sie schreibt:

Ein Tummelplatz für spielende Kinder war die Mauer und die Nägleinsgasse allemal.Wohl kommt hier gelegentlich ein Auto vorbei und die Kinder flüchten sich dann schnell in den nächsten Hauseingang.
Auch die Wehrmacht mit ihren Motorfahrzeugen sucht sogar öfters die winkelige Umgebung unseres Hauses für ihre Übungen aus!
Gar manchmal, wenn ich aus den Fenster sehe, muß ich denken, wie sich alles seit meiner Kinderzeit verändert hat. Neuerdings ist der alte Gräfsblock abgerissen worden und dort entsteht ein neues schöneres Gebäude. Wie mag ein ehemaliger Anwohner reagieren, wenn er heute , nach 70 jahren wieder zurück kommen mag und das veränderte Stadtbild in unserer Umgegend sieht? Heute stünde er auf dem “Platz der alten Garde” (heute vor dem Stadtcafe) er ginge die “Straße der SA” (heute die Mohrenstraße) hinuter. Dort waren zu meiner Jugendzeit noch heckengesäumte weite Wiesenflächen, Gärten und hin und wieder ein Scheune…. weiter unten in der Mohrenstraße ging ein Heckenweg zu den wenigen Häusern im Seifarthshof…..
Ob der Besucher unser Hinterhaus noch erkennen würde, das sich allerdings nur im Parterre verändert hat.
Aber unser Hinterhaus wird vielleicht auch verschwunden sein,wenn weitere 71 Jahre vergangen sind. Wir sind dann schon im nächsten Jahrtausend und schreiben das jahr 2010!

Am 9.September 1946 trug man Lina Hermann aus dem Haus…sie hatte ihr irdisches Dasein beendet!….Das Hinter- und Vorderhaus Spitalgasse 25 stehen immer noch und wir schreiben den 23.2.2010 – ein Dienstag.

Text: Gerd Bieler

Häuser der Ketschenvorstadt Teil 2

Das Haus Ketschengasse 32 (Foto Christian Boseckert, 2007)

Ein weiteres interessantes Gebäude in der Ketschengasse, ist das Haus Nr. 32. Noch heute strahlt seine barocke Fassade weit in die Straße hinein und ragt damit aus dem Häusermeer heraus. Seine erste Erwähnung hatte das Gebäude im Jahre 1497, als ein Erhard Barthelmeß als Eigentümer des Grundstücks genannt wird. Er empfing hier ein Lehen der Herren von Einberg, deren Stammsitz unweit der St. Marienkirche in Rödental (Stadtteil Einberg) lag. Wann jedoch das jetzige Haus errichtet wurde, lässt sich nicht sagen. Die moderne Bauforschung datiert die Entstehungszeit des Gebäudes auf das 17. Jahrhundert. Damals gehörte das Anwesen zwei Hutmacherfamilien. Beide können hier als Bauherren in Betracht kommen. Über die Handwerksbetriebe, die einst wohl hier ihren Sitz hatten, lässt sich nicht viel sagen 1784 erwarb der Nagelschmied Johann Matthes Weber das Grundstück und richtete wahrscheinlich dort auch eine Schmiede ein. Diese Schmiede muss bis 1853 bestanden haben. In diesem Jahr kam das Anwesen in den Besitz der Enkeltochter Webers, Elise Margaretha Eichhorn, über. Sie war mit einem Hofmusiker verheiratet und hatte zwei Söhne, die als Wunderkinder galten. Der Ältere der beiden Brüder, Ernst Eichhorn, trat bereits im Alter von sechs Jahren als Violinist vor Publikum auf. Seinen ersten Musikunterricht erhielt er seinerzeit von seinem Vater. Im Alter von acht Jahren unternahm er mit seinem Bruder Eduard Eichhorn Konzertreisen nach Leipzig, Berlin, Magdeburg, München, Wien, Stuttgart und St. Petersburg. Überall zollte das Publikum Respekt und Anerkennung für die Leistungen der beiden Brüder. Kein Wunder, dass Ernst Eichhorn schon frühzeitig eine Anstellung bei der Coburger Hofkapelle erhielt. Im Jahre 1838 war Eichhorn Mitbegründer des Musikvereins. Doch bereits im Alter von 22 Jahren starb der begabte Musiker. Eduard Eichhorn überlebte seinen Bruder um 53 Jahre und erhielt wie einst sein Bruder eine Stelle als Kammermusikus am Coburger Landestheater. 1858 erbte er auch das elterliche Haus in der Ketschengasse. Dieses blieb bis in die 1950er Jahre hinein, im Besitz der Familie Eichhorn. Das Ladengeschäft, welches sich im Erdgeschoss des Gebäudes befindet, hatte die Familie stets verpachtet. Ein Lebensmittelgeschäft, ein Obst- und Gemüsegeschäft, der “kleine Schaller” und zuletzt ein Sanitätsgeschäft waren in dem Hause ansässig.

Das Haus Ketschengasse 30 (Foto Christian Boseckert, 2007)

Eher in der Architektur zurückhaltend ist das Nachbarhaus Ketschengasse 30, welches erstmals 1529 erwähnt wurde. Das frühere Ratslehen beherbergte für mehrere Jahrzehnte die Gaststätte Fleischmann. Diese Lokalität wurde 1888 durch den Restaurateur Johann Knorr gegründet und entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einer beliebten Einkehrstätte am Rande des Säumarkts. Das Gebäude gehörte seit 1842 dem Kaufmann Heinrich Damnitz, der es in seiner heutigen Form im Jahre 1850 umbauen ließ. Es folgte 1857 die Familie Niezel als Hauseigentümer nach. In ihrer Zeit wurde die Ketschengasse Nr. 30 zu einem Wirtshaus. Es kann jedoch vermutet werden, dass dies nicht die erste Schankstätte in diesem Gebäude war. Zu Anfang des 18. Jahrhunderts findet sich unter den Hausbesitzern des hiesigen Grundstücks ein Weinschenk namens Johann Adam Solcher, der durchaus in dem Gebäude eine Weinstube hätte betreiben können.
Die Bezeichnung „Fleischmann“ indes stammt aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als der Gastronom Christian Fleischmann Haus und Gastwirtschaft käuflich erwarb. Die Fleischmann´schen Erben führten nach dem Zweiten Weltkrieg die Gaststätte bis Mitte der 1980er Jahre weiter. Danach erfolgte die Verpachtung und Umbenennung des Lokals in „Grill Schorsch“.

Text: Christian Boseckert

Die Geschichte des Fachwerkhauses Judengasse 12

Ansichten vom Hause Judengasse Nr. 12 aus dem Jahre 2007 (Text und alle Fotos: Christian Boseckert)

Die Judengasse ist eine vertraute Coburger Straße mit alten, schönen Häusern. Dabei unterscheidet sich die Bauweise in zwei Bereiche. Wie noch deutlich sehen ist, stehen bis zum Judentor die großen, mehrstöckigen Bürgerhäuser, während außerhalb der Stadtmauern in der Vorstadt, die meist zweistöckige Bebauung der nicht so reichen Coburger Bürger, vorherrscht. Obwohl viele Gebäude ein hohes Alter vorweisen können, findet sich in dieser langen Straße nur ein freigelegtes Fachwerkhaus. Es steht direkt am Judentor und trägt die Adresse Judengasse 12. Sofort fällt neben der wunderschön, im Jahre 1995 restaurierten Fassade ein zweistöckiger Fachwerkerker auf, den man sonst nur noch an einem Gebäude in der Steingasse findet. Welche Geschichte hat dieses mittelalterlich aussehende Haus, das einst an der Coburger Stadtmauer stand? Nun, die erste Erwähnung des Gebäudes findet sich bei dem Häuserforscher Ernst Cyriaci im Jahre 1454. Das Fachwerk ist allerdings jüngeren Datums. Durch Untersuchungen der Holzkonstruktion konnte festgestellt werden, dass dieser Fachwerkbau Ende des 16., Anfang des 17. Jahrhunderts entstanden ist. Das steinerne Erdgeschoss ist allerdings älter. Davon zeugt das spätmittelalterliche Eingangsportal das bis zum heutigen Tage unverändert erhalten geblieben ist. Nur die alte Türe wurde Ende der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts entfernt. Die beiden anderen Fenster zum Ladengeschäft stammen aus dem Jahr 1874. Doch noch mal zurück zum Fachwerk.

Erst im Jahre 1950 wurde dieses Meisterwerk der Zimmermannskunst bei einer Renovierung entdeckt. Unter der Leitung des renommierten Architekten Albert Freiberg wurde das Fachwerk schließlich freigelegt, nachdem es viele Jahre unter einer Putzschicht verschwunden war. Aus dieser Zeit haben sich die überdimensionierten Fenster der beiden oberen Stockwerke erhalten, die für Fachwerkhäuser viel zu groß sind. Ursprünglich entsprach die Fensterhöhe so, wie sie bei der Hahnmühle noch zu ersehen ist. Über 100 Jahre war das Haus im Besitz der Familien Roschlau / Schuster. Im Jahre 1758 kaufte Johann Heinrich Roschlau, seines Zeichens Mehlhändler, das Anwesen am Judentor. Als er 1773 starb, erbte seine Tochter Katherina Margaretha Johanna das Gebäude. Sie heiratete den Schreinermeister Johann Georg Schuster, der dort schließlich eine Schreinerei und Möbelwerkstatt eröffnete. Ihm folgte 1826 sein Sohn Alexander Philipp Friedrich Schuster, der nach den Adressbüchern bis 1875 das Unternehmen fortführte. Das Haus blieb danach auch weiterhin im Familienbesitz. Erst 1887 verkaufte Bernhard Schuster das Anwesen an den Kunstgärtner Anton Amberg, der im Jahre 1890 mit seinem Blumengeschäft in die Judengasse 12 einzog. Ab 1907 finden wir dort das Blumengeschäft Friedrich Hegendörfer, welches später dann in die Judengasse 11 umzog und dort bis zum Brand des Hauses im Jahre 1987 existierte.

In diesem Zusammenhang sei auf einen besonderen Hausbesitzer hingewiesen, nämlich Ernst Inbescheid. Dieser wurde 1875 in Coburg geboren und war ein bedeutender Volksschullehrer. Nach dem Besuch der Bürgerschule und des Ernst-Albert-Lehrerseminars kam er als Schulamtskandidat (sprich heute Referendar) an die Schule nach Grub am Forst, wo er im Schuljahr 1895/96 erste Erfahrung sammeln konnte. Von 1897 bis 1901 war er dann Festangestellter Lehrer an der Schule in Unterlauter. 1901 wechselte Inbescheid nach Coburg in die Lutherschule, wo er dort bis 1923 als Hauptlehrer wirkte. In diesem Jahr wurde er zum Schulleiter der Knabenabteilung der Lutherschule befördert. Dieses Amt sollte er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1939 behalten. Inbescheid ist es zu verdanken, dass er den Film für Unterrichtszwecke entdeckte. Er war der erste der das Lichtbild und den Schmalfilm in eine Coburger Schule eingeführt hatte. Somit war Ernst Inbescheid der Gründer der Coburger Schulbildstelle, die bis in die Gegenwart existiert. Er war auch deren erster Leiter. Seit 1919 findet man seinen Namen im Adressbuch als Besitzer das Hauses Judengasse 12. Doch er hat schon vorher darin gewohnt. 1944 starb Ernst Inbescheid im Alter von 69 Jahren. Sein Haus übernahm eine Erbengemeinschaft, bestehend aus seiner Frau und seinen Kindern. 1950 zahlte der Sohn, Walter Inbescheid die anderen Erben aus und wurde Alleineigentümer. Auch ihm ist es zu verdanken, das im Jahre 1950 diese Fachwerkfassade freigelegt wurde.

In dem Ladengeschäft wechselten zu jener Zeit häufig die Pächter. 1934 eröffnete Lina Kehl dort ein Damenputzgeschäft, welches später von ihrer Tochter Helene Kehl weitergeführt wurde. Es folgten das Fußpflegestudio Heidi Meinert und die Bäckerei Frank Weber. Heute ist in dem Haus ein Nudelrestaurant untergebracht, das typischerweise „Die Nudel“ heißt. An der Seite zur Mauer hin, hat der Restaurantbetreiber eine kleine Terrasse angelegt, wo man im Sommer verschiedene Nudelgerichte genießen kann. Ob der Wirt weiß, dass dem Haus einst die Braugerechtigkeit verliehen wurde? Das Gebäude Judengasse 12 ist aus heuiger Sicht gesehen, ein wichtiges Baudenkmal und ist mit seiner Fassade ein schöner Kontrastpunkt, der so facettenreichen Coburger Innenstadt.

Der Adamiberg

Das Jean-Paul-Häuschen (Fotosammlung Christian Boseckert)

Das Jean-Paul-Häuschen (Fotosammlung Christian Boseckert)

1727
Erstmalige Erwähnung eines Gartengrundstücks auf dem Gelände der beiden Gartenhäuser auf dem Adamiberg. Besitzerin ist die Tuchmacherswitwe Catharina Ketschenbach aus Coburg.

1741
Der Kaufmann Johann Andreas Adami erwirbt das Grundstück für 360 fl. Kauff- und 3 Specisthaler Gönnegeld. Er ist der Namenspate des Adamiberges, der vorher Kleiner Judenberg genannt wurde.

1775
Adamis Schwiegersohn, der Hoftrompeter Georg Gotthold Waldsachs eröffnet auf dem Grundstück den ersten Biergarten Coburgs.

1778
Georg Gotthold Waldsachs lässt in seinem Biergarten ein Gartenhäuschen, das spätere Jean-Paul-Häuschen, errichten.

1803 bis 1804
Der deutsche Schriftsteller Jean Paul schreibt hier seinen wohl bedeutendsten Roman „Flegeljahre“. Der Biergarten ist zu dieser Zeit noch bis ungefähr 1839 vorhanden.

1844
Albert Friedrich Schnür, Geheimer Oberfinanzrat, erwirbt das Gartengrundstück am Adamiberg von der Knopfmachermeisterswitwe Catharina Barbara Dietz.

Der Schnürs Pavillon (Fotosammlung Norbert Niermann)

Der Schnürs Pavillon (Fotosammlung Norbert Niermann)

1862
Der Geh. Oberfinanzrat Schnür erhält vom Herzogl. Sächs. Staatsministerium in Coburg die Zustimmung zum Bau eines Pavillons auf dem Adamiberg. Mit der Bauausführung betraut Schnür den Coburger Architekten Paul Gehrlicher. Es entsteht das heutige Ernst-Albertiner-Haus.

1866
Der Kreisgerichtsdirektor Georg Ottilius Schnür wird nach dem Tod seines Bruder Albert Friedrich neuer Eigentümer des Grundstücks. In dieser Zeit wird dessen Gartenhaus in der Bevölkerung „Schnür´s Pavillon“ genannt. Der Name verdeutlicht einen gewissen Bildungsanspruch des Coburger Großbürgertums, das hier einen gesellschaftlichen Mittelpunkt erhalten sollte.

1877
Protokolle des Kreisgerichtsdirektors Schnür beschreiben die Inneneinrichtung der beiden Gartenhäuser auf dem Adamiberg.
Ernst-Albertiner-Haus:
„Der Pavillon ist lediglich für gesellschaftliche Zwecke bestimmt; derselbe besteht aus einem großen Salon mit 6 großen Doppel-Logen-Fenstern und 2 kleineren Räumen, die jedoch nicht groß genug sind um darin wohnen zu können resp. dass ein Haushalt darin geführt werden kann, dagegen geht demselben ein Abort, ein Holzstall und eine Waschgelegenheit ab. Bezüglich der Heizvorschriften bemerke ich, dass der Pavillon im Saal einen weißen Porzellanofen enthält, der bloß zur Dekoration bestimmt ist.“
Jean-Paul-Häuschen:
“Das Jean-Paul-Haus in meinem Garten am Adamiberg ist nicht bewohnbar, weil keine Küche, kein Keller, kein Abtritt, kein Holzstall und keine Waschgelegenheit vorhanden ist um einen Haushalt darinnen zu führen. Berzüglich der Heizung bemerke ich, dass das Jean-Paul-Häuschen ein Zimmer mit einem Ofen hat. Aus eben diesem Grunde ist das Gebäude für mich nicht verkäuflich. Der Verkauf würde viel leichter zu realisieren sein, wenn dasselbe in der dermaligen Beschaffenheit bewohnbar wäre.”

1889
Der Coburger Theatermaler Professor Friedrich Lütkemeyer erwirbt beide Gartenhäuser von den Erben des Kreisgerichtsdirektors Schnür. Er nennt den Schnür´schen Pavillon sein „Tusculum“(Anmerk.: Tusculum war im Altertum und Mittelalter eine Stadt in Latium, südöstlich von Rom an den Albaner Bergen, in der Nähe des heutigen Frascati gelegen.) Im Untergeschoss, dem sogenannten „Sala terrena“ stellt Lütkemeyer drei allegorische Steinfiguren auf: den „Morgen“, „Mittag“ und „Abend“. Alle drei Figuren sind heute im Coburger Kunstverein am Hofgarten ausgestellt.

1912
Professor Lütkemeyer stirbt im Alter von 70 Jahren. Das Gartenhaus bleibt noch bis 1916 im Besitz seiner Familie.

1916
Die Niederfüllbacher Stiftung erkauft das Grundstück von der Erbengemeinschaft Lütkemeyer.

1917
Die Stadt Coburg erwirbt das Grundstück, nebst den beiden Gartenhäusern. Sie ist bis heute der Eigentümer des Areals. Die Gartenhäuser werden u.a. an den Betreiber der Coburger Schlachthofgaststätten, dem Metzgermeister Bernhard Pfab vermietet. Zeitgleich erfolgt der Umbau zu Wohnhäusern.

Nach 1945
Mehrere Flüchtlingsfamilien aus Schlesien und dem Sudetenland kommen in den Gartenhäusern unter. Während der “Schnürs Pavillon” bis 1974 von zwei Coburger Familien bewohnt wird, zieht in das Jean-Paul-Häuschen eine Pfadfindergruppe ein.

1975
Die Technische Vereinigung Coburgia zu Coburg mietet den “Schnürs Pavillon” von der Stadt und baut es im Inneren um. Noch im gleichen Jahr kann das erste „Coburgenhaus“ der Vereinigung seiner Bestimmung übergeben werden. Damit konnte die T.V. Coburgia als erste Corporation in Coburg auch ein eigenes Haus vorweisen.

2004
Die Schülerverbindung Ernesto-Albertina zu Coburg wird neuer Mieter des Pavillons, nachdem die T.V. Coburgia ihr neues Coburgenhaus in der Adamistraße bezogen hatten. Erneut findet eine umfassende Renovierung des Hauses statt. Gleichzeitig findet eine Umbenennung des Gebäudes in Ernst-Albertiner-Haus statt

Geschichten aus der Mohrenstraße – Von der Wohn- zur Geschäftsstraße

Die Mohrenstraße war am Anfang ihres Bestehens eine Wohnstraße des gehobenen Mittelstandes. So liest man in einem alten Adressbuch folgende Berufsbezeichnungen bzw. Titel: Bankdirektor, Arzt, Professor, Geheimrat, Schulrat, Baumeister, Rohrmöbelfabrikant, Bürgermeister, Rechnungs-rat, Kommerzienrat, Eisenbahnbetriebsinspektor usw. Genauso auffallend ist die Tatsache, das in der Mohrenstraße zahlreiche Privatiers wohnten. Das waren keine Rentner im heutigen Sinne, sondern gut situierte Leute, meist Witwen, die von den Zinsen ihres Kapitals lebten.

Während sich heute in fast allen Erdgeschossen der Gebäude in dieser Straße gewerbliche Betriebe und in vielen Etagen Büroräume befinden, zählt man am Ende des 19. Jahrhunderts nur fünf Ladengeschäfte. Diese sollen im Rahmen des Aufsatzes kurz vorgestellt werden.

Cafe & Konditorei Schubart (Sammlung Boseckert)

Cafe & Konditorei Schubart (Sammlung Boseckert)

Zu den ältesten eingesessenen und noch existierenden Firmen der Mohrenstraße gehört das Café und die Konditorei Schubart, welche am 15. August 1891 im Hause Nr. 11 vom gebürtigen Eisfelder Carl Schubart gegründet wurde. Schon bald stieg das Unternehmen zum Hoflieferanten auf. Das verliehene herzogliche Wappen ist heute noch über dem Eingang zum Café zu sehen.

Ältere Leser werden noch ein zweites Café kennen, welches in der Mohrenstraße existierte. In den Gebäuden Nr. 21 und 23 war die am 1. Mai 1893 gegründete Konditorei Schilling sesshaft, welche bis 1990 bestand. Der Begründer des Unternehmens, der Bäckermeister Hermann Schilling, hatte beim Bau des Hauses Mohrenstraße Nr. 23, im Jahre 1892, auf die Planung einer Backstube im Kellergeschoss bestanden.

Innenraum des Cafès Schilling (Sammlung Boseckert)

Gegenwärtig befinden sich im früheren Café Schilling, das Schreibwarengeschäft McPaper & Co sowie die Werkstatt des Juweliers Schwahn aus dem Nachbarhaus Nr. 25.
Um dieses Nachbarhaus soll es nun gehen. Im Jahre 1894 zog in das neu erbaute Gebäude das Wäschegeschäft von Clara Blüming ein, welches bereits zehn Jahre vorher schon gegründet worden war. Auch dieses Unternehmen gehörte zum Kreis der herzoglich sächsischen Hoflieferanten. In eine Annonce aus dem frühen 20. Jahrhundert warb man für seine feine Wäsche und seiner auserlesenen Herrenkonfektion. Das Geschäft konnte sich bis 1960 halten und wurde durch die Parfümerie und Drogerie Liedtke ersetzt.

Schräg gegenüber von Blüming lag das vierte alte Geschäft der Mohrenstraße. Im Hause Nr. 26 eröffnete im Jahre 1894 das Glas- und Porzellanwarengeschäft Alfred Henne, welches ebenfalls den Hoflieferantenstatus inne hatte. In der Wirtschaftskrise von 1929 ging dieses vornehme Geschäft zu Grunde. In die Räume zog schließlich der „Elektro-Trommer“ ein, bevor er in die Spitalgasse umzog. Heute beherbergt das Gebäude des Modegeschäft „Jeans-Reuter“ und einen chinesischen Schnellimbiss.

Etwas abseits lag das traditionsreiche Tapeten- und Linoleumgeschäft Volz in der Mohrenstraße Nr. 6. Bereits 1884 hatte die Firma Brockardt für den Kaufmann Ernst Volz ein Gebäude an dieser Straße errichtet. An der Seite zur Kanalstraße waren Lagergebäude angebaut, denn Volz betrieb auch einen regen Versandhandel. Der alte Verkaufsladen musste 1964 einem Neubau Platz machen, in dem das Tapetengeschäft Volz wieder einzog. Dort residierte das Unternehmen die letzten Jahre. Wirtschaftliche Zwänge führten schließlich 2005 zur Aufgabe des gut eingeführten Geschäftes.

Der Charakter der Mohrenstraße zu Beginn des 20. Jahrhunderts war noch als Wohnstraße geprägt. (Sammlung Boseckert)

Es sei gesagt, das die hier erwähnten fünf Geschäfte sinnbildlich für die Entwicklung der Mohrenstraße von der Wohn- zur Geschäftsstraße stehen. Blättert man im Adressbuch von 1928, so entdeckt man weitere Geschäfte, die noch die Vornehmheit der Straße verdeutlichen. Zur Abrundung des Aufsatzes seien sie hiermit erwähnt: Herrenschneider & Ausstatter E. Wiegand (Nr. 21, später Café Schilling), Hofbuchhandlung Albert Seitz (Nr. 27, später Goebel-Porzellanwarengeschäft), Nr. 31 (Optiker Müller), Weinstube Josef Fink (Nr. 16, heute Metzgerei Thein), Damenputzgeschäft Margarethe Einmahl (Nr. 20, heute Imbisskette „Subway“) und der Hofjuwelier Willi Ganssen im Haus Nr. 30 (heute Geschäftsstelle der Sparda-Bank)

Eines zeigt diese Auflistung jedoch auch, nämlich wie sehr sich die Geschäftswelt in der Mohrenstraße sich verändert hat. Die Jahre haben auch das Aussehen der einzelnen Häuser nachhaltig geprägt, meist nicht zu ihrem Vorteil. Eine Ahnung wie schön und kunstvoll die Außenfassaden der Geschäfte einst waren, geben uns noch die Anwesen Nr. 26 (Jeans-Reuter) und 27 (Wig-Wam). 1990/91 rekonstruierte man die Erdgeschossfassaden der Häuser Nr. 21 und 23, nach Aufgabe des Cafés Schilling nach altem Vorbild. Das gleiche geschah mit dem Parterre des Anwesens Nr. 33 (Bäckerei Fuchs / O2, ehemals Neue Presse). Es ist interessant, wie sich die Mohrenstraße in den nächsten Jahren noch entwickeln wird.

Text: Christian Boseckert