Geschichten aus Noservicestan

Heute möchte ich eine kleine Geschichte erzählen. Die Handlung ist überspitzt und rein fiktiv, Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, Unternehmen oder Ländern sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

Alles beginnt in dem kleinen fernen Stadtstaat Noservicestan. Der kleiner Heimwerker Beppo Brzzk benötigt ein Ausgussbecken für seine Werkstatt. Ein paar Klicks im Internetz bei einer Auktionsplattform zeigen ihm an, dass es verschiedene Becken zu günstigen Preisen online gibt. Beppo möchte jedoch zunächst die lokale Wirtschaft unterstüzen, das haben die Brzzks schon immer gemacht und  so macht sich Beppo auf den Weg in den größten Heimwerkermarkt des Landes vor den Toren der Stadt.
Als er den großen Markt betritt, kennt er den Weg zur Sanitärabteilung und sucht nach dem Ausgussbecken. Leider kann er in den hohen Regalen keines finden und begibt sich zum nächst gelegenen Infoschalter und wartet geduldig auf den nächsten Mitarbeiter. Und er hat Glück. Eine Mitarbeiterin tritt hinter den Tresen und ist ansprechbereit. Beppo fragt sofort nach dem Ausgussbecken und wird herb enttäuscht. “Das ist die Elektro-Abteilung, fragen Sie am Service-Schalter bei Sanitär nach!” wird er schroff abgefertigt. Der kleine Heimwerker sieht sich um. Schräg gegenüber baumelt in großen Lettern das Wort “Sanitär” von der Decke, doch weit und breit ist kein Service-Tresen zu sehen. Der nächste Service-Punkt ist bei “Farben”.
“Das kann doch nicht sein!” Etwas wütend geht Beppo Richtung Ausgang, schon überlegend, ob er den Laden nicht auf der Stelle verlassen solle. Dann begibt er sich aber Richtung Haupt-Info, denn er hat ja den Weg extra hierher gemacht, um seinen Wunschgegenstand käuflich zu erwerben. Und das sollte doch in diesem Heimwerkermarkt möglich sein, der doch im Kanal NoServTV, dem Fernsehkanal von Noservicstan ausgiebig mit seiner Auswahl und dem Service wirbt. Beppo geht manchmal der Jingle des Werbespots fast nicht mehr aus dem Kopf.
An der Haupt-Info angekommen sind 4-5 Mitarbeiter beschäftigt, extrem beschäftigt auszusehen. Leere Eimer auf einer Palette werden von rechts nach links und wieder von links nach rechts geschichtet. Ein anderer blättert in einem Ordner wild durch Rechnungen und die anderen schauen gespannt zu.
Beppo räuspert sich. “Ähmm, wo kann man sich sich hier über den Service beschweren?”
“Welchen Service?” fragt ein hagerer Mann, der komplett in den Farben der Corporate Identity des Heimwerkermarktes gekleidet ist.
“Genau DAS meine ich!” gibt Beppo zu verstehen. “Ich wollte ein Ausgussbecken kaufen. Aber scheinbar will hier niemand etwas verkaufen, was der Kunde nicht selbst findet. An dem einen Service-Schalter fühlt man sich nicht zuständig und schickt mich zu einem Info-Schalter, den es gar nicht gibt, den für Sanitär!”
“Hmmm, ähhh ja, das stimmt. Aber Ausgussbecken haben wir meist sowieso nicht vorrätig, nur auf Bestellung. Aber ich frage in der Abteilung mal nach, ob vielleicht noch etwas aus Lager ist –  Kalle, ja, haben wir Ausgussbecken vorrätig? Ja, ich schicke den Kunden mal vorbei – Hören Sie, gehen Sie bitte in Gang Nummer 1024, Herr Kalle Wirsch wird Ihnen dann weiterhelfen.”
“Danke schön!” Mit etwas besserer Laune macht sich Beppo nun auf den Weg zu Gang 1024. “Endlich mal jemand, der auch was verkaufen will und sich kümmert” denkt Beppo. Als er im Gang 1024 ankommt, sieht er sich um – leer. Niemand. Nun gut, ein paar Minuten warten schadet sicherlich nicht. Beppo geht ein bisschen auf und ab und sieht sich dabei nach einem Mitarbeiter des Hauses (in den Corporate Identity Farben gekleidet) um. Nichts passiert. Beppo prüft nochmals die Gang-Nummer – 1024 – passt. Aber es erscheint niemand. Beppo sieht sich weiter um. Niemand kommt. Nach ein paar weiteren Minuten wird es unserem kleinen Heimwerker zu bunt. Wütend und enttäuscht geht er Richtung Ausgang, setzt sich in sein Fahrzeug und macht sich auf den weiten Weg nach Hause.
Beppo Brzzk hat sich entgegen der Familientradition fest vorgenommen, sein Ausgussbecken nun im Internetz zu bestellen. Kein Umherfahren, günstiger Preis, das Paket wird sogar nach Hause geliefert – was will man mehr. Und er hat sich geschworen, künftig viel mehr auf die Dienste im WeltWeitenWeb zurückzugreifen. Denn weniger Service als Vor-Ort wird er wohl dort kaum bekommen, meint Beppo.