Die Brauerei Sturm

Werbung der Brauerei Sturm (Sammlung Christian Boseckert)

Die Ketschengasse sah in ihrer langen Geschichte viele Geschäfte, die hoffnungsvoll gegründet und später wieder aufgegeben wurden. Das gleiche galt für die dort ansässigen Gastwirtschaften. Allein in der oberen Ketschengasse, von Markt bis zum Albertsplatz, gab es einst acht Speise- oder Bierwirtschaften. Die Bierlokale waren allerdings nicht über das ganze Jahr geöffnet, sondern sie konnten nur dann besucht werden, wenn Bier im Haus zum Verkauf vorhanden war. Gebraut wurde der Gerstensaft von den Hausbesitzern, wenn sie eine Brau- und Schankgerechtigkeit aufweisen konnten.

Die Sturm´sche Bierwirtschaft in der Ketschengasse 15, mit dem Sturmsbrunnen im Vordergrund (Zeichnung: Emil Maurer)

Die frühere Coburger Brauerei Sturm ist aus einer solchen Bierstube in der Ketschengasse entstanden. Der Firmengründer Anton Sturm, wurde im Jahre 1809 in Coburg im Hause Obere Salvatorgasse Nr. 4 geboren und heiratete 1833 Johanna Christiane Friederike Obenauf, deren Vater ein angesehener Bürger und Seilermeister in der Ketschengasse (Haus Nr. 15) war. Dieses Gebäude besaß damals eine solche Brau- und Schankgerechtigkeit. Um das Brauen und den Betrieb der Schenke kümmerte sich nach seiner Heirat ausschließlich der junge Ehemann Anton Sturm, welcher hauptberuflich das Handwerk eines Webers ausübte. Damals wurde in einem der städtischen Brauhäuser die Würze für das Bier gebraut, die dann in Holzbutten in die Keller der einzelnen Bierlokale getragen wurde. Dort setzten die Hausbrauer Hefe der Bierwürze zu, was zu einer Vergärung führte. Nach vollendeter Reife entstand daraus ein schmackhaftes Bier. Ein solches braute auch Anton Sturm. Die Einheimischen konnten es in seiner Bierwirtschaft in der Ketschengasse und ab 1840 auch im Sommer, im sogenannten „Sturmsgarten“ zwischen der heutigen Alexandrinenstraße und der Hohen Straße trinken. Der Garten besaß auch einige Keller, wo Sturm sein Bier gut lagern konnte. Nachdem auch viele Wirte Interesse am Sturmsbier zeigten, wurde im Jahre 1873 nach viele Schwierigkeiten die heute noch bestehende Brauerei-Anlage an der Callenberger Straße gebaut. Sturms Plan, die Brauerei am Glockenberg, anstelle seines Kellerbiergartens zu errichten, scheiterte an den Einsprüchen der Nachbarn und der herzoglichen Regierung. Wenige Monate nach der erfolgreichen Aufnahme der Bierproduktion im neuen Gebäude am Bärenhölzchen, starb Anton Sturm am 3. Januar 1874 im Alter von 64 Jahren an Herzversagen.

Die Brauereigebäude in der Callenberger Straße (Quelle: ehemaliges Firmenarchiv Sturmsbrauerei)

Seine drei Söhne Georg, Samuel und Gotthold übernahmen fortan die Geschäftsführung und den Betrieb von Gaststätte und Gartenlokal. 1891 wurde die Kellergartenwirtschaft verkauft, um aus dem Erlös für die Brauerei neueste Technik anschaffen zu können. Die Lokalität in Ketschengasse bestand bis in die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts fort und wurde von den beiden unverheirateten Töchtern Anton Sturms, Emma und Wilhelmine, weitergeführt. Der Volksmund gab der beliebten Gastwirtschaft fortan an den Spitznamen „Sturms Tanten“. Die Brauerei indes entwickelte sich erfolgreich weiter. Um 1910 konnte bereits eine jährliche Bierproduktion von 25.000 Hektolitern erreicht werden. Die Absatzgebiete lagen vor allem im Thüringer Raum. 1908 übernahm Anton Sturm jun. die Brauerei. Als er zu Anfang des Ersten Weltkrieges an der Westfront fiel, ging die Brauerei an eine Erbengemeinschaft. Geschäftsführer wurde sodann der Kommerzienrat Julius Schiller, der seit 1897 in der Brauerei arbeitete und mit einer geborenen Sturm verehelicht war. 1923 wandelte er das Unternehmen von einer als OHG geführten Personengesellschaft in eine Kapitalgesellschaft als AG um. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gelang es Schiller, das Unternehmen erfolgreich durch die schwierige wirtschaftliche Situation der 1920er Jahre zu führen. Der Krieg und die nachfolgende Teilung Deutschlands brachten der Brauerei wirtschaftliche Nachteile. So verlor man durch die Grenzziehung ca. 75 % seiner Kunden. Doch gelang es dem neuen Brauereichef Walter Steinhäuser, der zuvor als Buchhalter in dem Betrieb gearbeitet hatte, diese Schwierigkeiten zu überwinden. Notwendige Investitionen wurden durch die Aufstockung von Kapital finanziert und als Folge daraus mit dem Coburger Kaufmann Carl Puff einen neuen Großaktionär in die Aktiengesellschaft aufzunehmen. 1975 trat mit Friedrich Puff der letzte Brauerei-Vorstand sein Amt an. Unter seiner Führung entwickelte sich die Brauerei zu einem mittelständischen Unternehmen mit rund 50 Mitarbeiten und einem jährlich Bierausstoß von 45.000 Hektolitern.

Werbung der Brauerei Sturm (Sammlung Christian Boseckert)

Das Ende der Selbstständigkeit erfolgte 2001 mit dem Tode Friedrich Puffs, welcher im August 2001 im Alter von 58 Jahren seinen Tod in einem Gärbottich fand. Bereits am 1. November 2001 wurde die Firma an die Kulmbacher Brauerei verkauft. Der Name Sturm ist allerdings noch heute allgegenwärtig in Coburg. Sei es der Sturmsbrunnen in der Ketschengasse oder die Sturmstreppe am Glockenberg – beides erinnert an dieses große Coburger Unternehmen.

Text: Christian Boseckert

Bildnachweise:
Bild 2: Die Sturm´sche Bierwirtschaft in der Ketschengasse 15, mit dem Sturmsbrunnen im Vordergrund (Zeichnung: Emil Maurer)
Bild 3: Die Brauereigebäude in der Callenberger Straße (Quelle: ehemaliges Firmenarchiv Sturmsbrauerei)
Bild 1 und 4: Werbung der Brauerei Sturm (Sammlung Christian Boseckert)

Blitzlicht: Vor 25 Jahren

Verehrte Damen und Herren,
Wenn wir am 24.August dieses Jahres mit Stolz das 150jährige Jubiläum unserer Brauerei feiern können, so wollen wir jedoch nicht vergessen, all denen zu danken, die diese Feier mit verdient und ermöglicht haben.

So begrüßte Hans Schöpf, Geschäftsführer der Brauerei St.Scheidmantel KG, Coburg seine Mitarbeiter, Kunden und Freunde am 150jährigem Jubiläum der Brauerei auf dem Brauereihof in Cortendorf im August 1984.

Die Ära der Brauerei begann am 19.August 1849, als der aus Dietersdorf stammende Gastwirt und Metzgermeister Joh. Heinrich Scheidmantel das ehemalige Floßwirtshaus, den Hausbraubetrieb und ausgedehnte Liegenschaften des Johann Höhn abkaufte. 1880 übernahm sein Sohn Stephan Scheidmantel den kleinen Betrieb und baute als Kaufmann den elterlichen Betrieb zu einem industriellen Brauereibetrieb aus. Gegen 1890 enstand  der Neubau des Brauereibetriebs Scheidmantel, wie wir ihn heute noch kennen: das dreistöckige Brauereigebäude mit Mälzerei und Kühlschiff, Eishaus und -keller und Fässerablage.

Nach dem ersten Weltkrieg übernahm Heinrich Scheidmantel die Brauerei. Unter ihm wird erstmals das “Scheidmantel-Pilsner” gebraut. 1946 verstarb Heinrich und seine Frau Marie übernahm in einer wirtschaftlich schwierigen Lage (das Absatzgebiet Thüringen gibt es nicht mehr) die Brauerei. 1948 heiratete Max Dietzel die Tochter Nelly Scheidmantel und leitete  gemeinsam mit Marie Scheidmantel (gestorben 1968) die Geschicke des Unternehmens. Max Dietzel baute das Unternehmen in den 50ziger Jahren wieder auf. Unter seiner Leitung wurde u.a. ein neuer Flaschenkeller errichtet und das Sudhaus,so wie man es heute kennt, neu gebaut. 1980 verstarb Max Dietzel. Die Geschäfte führte bereits zuvor bis 1992 Hans Schöpf, Gabriele und Holger Prase übernahmen im Anschluß, bis die Brauerei 2002 an die Kulmbacher Brauerei veräußert wurde. Die Marke “Scheidmantel” wird unter dem Label “Coburger Brauerei” weitergeführt.

Leider können wir uns nicht mehr an einem 175jährigem Jubiläum erfreuen, eine eigenständige Coburger Brauerei (Coburg Stadt) gibt es nicht mehr.

Die Wagnersbrauerei

Coburg war einst eine sehr bedeutende Bierstadt. Darüber geben Artikel von Gerd Bieler, Patrick Aigner und Norbert Niermann über die Geschichte der Vereinsbrauerei sowie den zahlreichen Fotodokumentationen über die Coburger Hofbräu und der Brauerei Scheidmantel reichhaltig Auskunft. Der folgende Beitrag über die Wagnersbrauerei soll nun ein weiteres Mosaiksteinchen dafür sein, wie bedeutsam das Coburger Bier in früheren Zeiten war.

Die Geschichte dieser Brauerei begann bereits im Jahre 1770 im Hause Judengasse Nr. 11 (heute befindet sich dort der PLUS-Markt). In diesem Jahr erwarb die Familie Wagner das Anwesen und eröffnete dort eine Bäckerei. 20 Jahre später verlieh Herzog Ernst Friedrich von Sachsen-Coburg-Saalfeld der Familie die Brau- und Schankgerechtigkeit. Es war zur damaligen Zeit nichts ungewöhnliches das Bäcker im Nebenberuf auch Brauer waren, denn brauen konnte man nur in der kalten Jahreszeit. Konservierungsmittel waren noch völlig unbekannt und so schlug der Gerstensaft bei warmen Temperaturen immer ganz schnell um.

Der Ursprung der Bierbrauerei Wagner in der Judengasse Nr. 11 (Foto: Christian Boseckert)

Der Ursprung der Bierbrauerei Wagner in der Judengasse Nr. 11 (Foto: Christian Boseckert)

Unter dem Bäckermeister Nikolaus Wagner (1789-1858) erlebten die Bäckerei und auch die Brauerei ihren ersten Höhepunkt. Insgesamt zehn Gesellen und 18 Dienstboten beschäftigte er in dieser Zeit. Zusammen mit seiner Ehefrau Ernestine hatte Wagner drei Söhne und eine Tochter.
Der Erstgeborene Sohn Peter Wagner führte die Bäckerei in der Judengasse weiter. Sie sollte dort noch bis 1965 existieren.
Der zweite Sohn Friedrich (geboren 1830) sollte die Brauerei übernehmen. Er genoss daher eine Ausbildung im Büttnerhandwerk und als Bierbrauer im elterlichen Betrieb. Im Jahre 1853 erwarb sein Vater Nikolaus das Anwesen Herrngasse Nr. 5. Dort existierte zu jener Zeit ein Gasthaus „Zur Rose“ mit Braugerechtigkeit. Nach dem Tode von Nikolaus Wagner im Jahre 1858 erhielt nun Friedrich Wagner dieses Grundstück im Erbgang. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde die Bierproduktion von der Juden- in die Herrngasse verlegt.

Das Gasthaus war schon 1853 von Friedrich Wagner bewirtschaftet worden. Dies belegt die Gründungurkunde des Coburger Vereins „Concordia“ der 1856/57 in den Räumen des Gasthauses „Zur Rose“ gegründet wurde. Mit dem ererbten Gebäude hatte Wagner nun große Pläne. 1859 baute er sich in das Haus eine Malzdarre ein. Er wollte wohl seine Brauerei weiter ausbauen. Das dafür notwendige Wasser bezog er aus dem Rückertbrunnen. Doch waren die räumlichen Verhältnisse in der Herrngasse recht beengt, sodass Wagner sich gezwungen sah, außerhalb der Stadt eine neue Brauerei errichten zu lassen.

Das ehemalige Gasthaus "Zur Rose" in der Herrngasse. (Foto: Christian Boseckert)

Das ehemalige Gasthaus "Zur Rose" in der Herrngasse. (Foto: Christian Boseckert)

Im Jahre 1863 erwarb er daher einige Grundstücke am Fuße des Judenberges. Dort begannen im Jahr darauf die ersten Arbeiten zum Bau einer Brauerei und einer Brauereigaststätte. Umfangreiche Unterlagen sind dazu im Stadtarchiv Coburg vorhanden. Es wird dabei von einem Neubau eines Bierkellers und eines Lagerhauses, dem Aufbau eines Stockwerkes auf ein Wirtschaftsgebäude im Neuen Weg, einem Anbau am Wohnhaus im Neuen Weg und von dem Einbau einer Braupfanne im Keller am Neuen Weg berichtet. 1874 installierte man in die Wagnersbrauerei eine Dampfkesselanlage. Die Brauerei trug einst die Adresse Judenberg Nr. 2 und befand sich direkt an der Stelle der sogenannten Judenbergunterführung, gegenüber des Böhm´schen Privatkindergartens. Diese Unterführung gab es 1863 noch nicht. Die Bahnschienen verliefen noch ebenerdig zur Straße hin, sodass man nur einen einfachen Bahnübergang überqueren brauchte. Da es auch noch keine Stadtautobahn gab, war dort genügend Platz für eine Brauerei.

Die ehemalige Brauereigaststätte Wagner im Neuen Weg Nr. 1 (Foto im Besitz der Familie Catterfeld)

Die Brauereigaststätte hingegen befand sich genau auf der anderen Straßenseite der heutigen Unterführung Richtung Neuer Weg. Sie wurde ebenfalls, wie das Gasthaus „Zur Rose“ in der Herrngasse in den folgenden Jahrzehnten von der Familie Wagner bewirtschaftet. Zu dieser Zeit war der Konkurrenzdruck immens groß. Besonders die Gründung der Vereinsbrauerei am Hahnweg im Jahre 1871 veränderte die Situation der bis dahin bestehenden Braubetriebe. Friedrich Wagner sah sein Unternehmen darin gefährdet. Um dem entgegen zu steuern wollte Wagner selbst, mit einigen Braukollegen eine Brauerei, ähnlich der Vereinsbrauerei gründen. Und er gewann auch zwei Bierbrauer, die bei dieser Sache mitmachten: Carl-August Flinzberg und Karl Müller. Flinzberg hatte seinen Betrieb in der Judengasse Nr. 19 (heute Gaststätte Rizzibräu), Müller betrieb eine Gastwirtschaft und eine Brauerei in der Metzgergasse Nr. 9 (ehemals Gaststätte „Zur Goldenen Krone“).

1875 erwarben diese drei die Gebäude der früheren Ernst Fischer´schen Färberei und Wollwarendruckerei in der Badergasse Nr. 8 (heute steht dort der Baderhof). Dort gründeten sie die „Genossenschaftsbrauerei“. Leider blieb diese Unternehmung nicht von Erfolg gekrönt. Bereits 1885 musste die Brauerei Konkurs anmelden. Das Gelände übernahm die Kreditkasse des Spar- und Hülfevereins Coburg. Von diesem Misserfolg erholte sich die Wagnersbrauerei und deren Besitzer Friedrich Wagner nicht mehr. Er starb noch im selben Jahr im Alter von 55 Jahren.
Die Brauerei im Neuen Weg erbten nun dessen beide Söhne Ernst und Friedrich Wagner jun. Sie stellten im Jahre 1887 den Braubetrieb endgültig ein und verkauften 1893 Teile des Brauereigeländes an die Deutsche Reichsbahn, die das Gelände zum Ausbau ihres Streckennetzes am Coburger Hauptbahnhof benötigte. Allerdings sollten die ersten Arbeiten dort im Jahre 1911 beginnen. Im Zuge dieser Maßnahmen wurde die Brauerei abgebrochen, dass sie der neuen Judenbergunterführung im Wege stand.
Die Brauereigaststätte wurde unter dem Namen „Wagnersbrauerei“ noch bis in die Mitte der 1920er Jahre weitergeführt. Danach diente sie als Bierniederlage der Bamberger Hofbräu AG. Das Haus blieb bis 1899 im Besitz der Familie Wagner. Danach war eine Familie Catterfeld jahrelang Eigentümer des Hauses. Im Zuge des Ausbaus des Neuen Weges zur Stadtautobahn wurde die Brauereigaststätte im Jahre 1977 abgebrochen. Mit ihr verschwand die letzte Erinnerung an diese Coburger Brauerei. Lediglich einige Bierkeller haben sich von ihr noch bis in die Gegenwart erhalten.

Text: Christian Boseckert

Bildquellen:
Bild 1: Der Ursprung der Bierbrauerei Wagner in der Judengasse Nr. 11 (Foto: Christian Boseckert)
Bild 2: Das ehemalige Gasthaus “Zur Rose” in der Herrngasse. (Foto: Christian Boseckert)
Bild 3: Die ehemalige Brauereigaststätte Wagner im Neuen Weg Nr. 1 (Foto im Besitz der Familie Catterfeld).