Blitzlicht: im März vor 50 Jahren
Wie sich die Bilder (oder sollte man besser sagen Themen) doch gleichen: im März vor 50 Jahren, also 1961, berät der Coburger Stadtrat über einen Parkplatz unter dem Schloßplatz. Übrigens, auch die Baugenehmigung des Kongreßhauses stammt vom März 1961.
Die Hutmacherfamilie Ehrlich
Die Geschichte der Hut- und Mützenfabrik Ehrlich begann bereits 1894 als der aus Römhild stammende Karl Ehrlich im Hause Judengasse 3 das oben genannte Unternehmen gründete. Nach dem Tod des Betriebsgründers übernahm seine Frau Clara 1906 das Geschäft, bis es schließlich in die Hände der beiden Söhne Hermann und Sally Ehrlich überging. Unter deren Leitung wurde die Fabrik zu einem prosperierenden Unternehmen mit Geschäftsverbindungen im gesamten süddeutschen Raum. Dies führte dazu, dass die Firma in immer größeren Betriebsräumen untergebracht werden musste. Nachdem man seit 1908 im Gebäude Judengasse 45 ansässig war, verlegten Hermann und Sally Ehrlich das Unternehmen in den Zinkenwehr, genauer gesagt ins Haus Nr. 39 (heute Sally-Ehrlich-Straße 10), wo die Hut- und Mützenfabrik bis zu deren Auflösung ansässig bleiben sollte.
Insgesamt hatte Karl Ehrlich vier Söhne, Neben Hermann und Sally waren dies Julius Ehrlich, der 1914 auf den Schlachtfeldern von Verdun fiel und Max Ehrlich, der 1919 in der Löwenstraße 17a eine Zahnarztpraxis eröffnete. Die Ehrlichs genossen bei der Coburger Bevölkerung hohes Ansehen. In den Notzeiten der Zwanziger Jahre half das Unternehmen arme, Not leidende Menschen wie das Coburger Volksblatt berichtete: „Die Hut- und Mützenfabrik Karl Ehrlich hat sich in liebenswürdiger Weise bereit erklärt, für verschiedene Kinder von Kriegsbeschädigten und –Hinterbliebenen Mützen kostenlos abzugeben. Die Firma hat sich durch diesen Akt edler Nächstenliebe den Dank vieler Coburger erworben.“ Die Familie Ehrlich waren durchaus liberale Juden und vollkommen in der Coburger Bevölkerung integriert.
Dies änderte sich nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 grundlegend. Hermann Ehrlichs Tochter Hilde, in deren Klasse auch die Tochter eines hohen Nazi-Funktionärs war, wurde in der Schule schikaniert und diskriminiert. Das ging sogar so weit, dass die Eltern Hilde erst in ein jüdisches Pensionat und dann nach England bringen müssen. Nach der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 wurden Hermann und Sally Ehrlich festgenommen und zusammen mit anderen Juden durch die Stadt getrieben. Hermann kam schließlich nach Hof ins Gefängnis, währenddessen die Coburger Polizei seinem Bruder Sally die Gewerbekarten entzog und damit auch die Hut- und Mützenfabrik schloss. Nur durch den Verkauf des Hauses und die Überweisung des Geldes auf ein Sperrkonto kommt Hermann Ehrlich wieder frei und darf Coburg Richtung England verlassen, wo ihn seine Tochter Hilde bereits erwartete

Die Gedenktafel am Hause Sally Ehrlichs erinnert noch heute an das Schicksal der Coburger Juden in der Zeit des Dritten Reiches (Foto © S.Peter)
Sally Ehrlich hingegen blieb in Coburg, da er darauf hoffte, später nachkommen zu können. Doch zu einem „Später“ kam es für ihn nicht mehr. Am 24. April 1942 wurde er als einer der letzten Coburger Juden deportiert und ins Konzentrationslager Majdanek gebracht, wo er ums Leben kam. Das gleiche Schicksal ereilte auch Max Ehrlich, der zwar 1937 nach Frankreich geflohen war, aber dort nach der Besetzung durch die Deutschen ins Konzentrationslager Gurs interniert wurde und ebenfalls ums Leben kam. Einzig Hermann Ehrlich überlebte den Holocaust zusammen mit seiner Tochter und seinem Sohn Carl, der bereits 1938 in die USA auswanderte. Als amerikanischer Besatzungssoldat kehrte Carl Ehrlich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nach Coburg zurück, wo er als Assistent des Militärgouverneurs die Aufgabe wahrnahm, die Voraussetzungen für eine zivile Verwaltung zu ergründen. Auf seine Initiative hin entschied der Coburger Stadtrat im Jahre 1946 einen Teil des Zinkenwehrs in Sally-Ehrlich-Straße umzubenennen. Am ehemaligen Wohnhaus der Familie wurde zeitgleich, ebenfalls auf Anregung Carl Ehrlichs eine Gedenktafel angebracht, die an das Schicksal seines Onkels und damit stellvertretend auch an das Schicksal der Coburger Juden im Dritten Reich erinnern sollte.
Text: Christian Boseckert
Bildquellen:
Bild 1: Hier im Hause Judengasse 3 gründete Karl Ehrlich 1896 seine Hut- und Mützenfabrik (Foto © S.Peter)
Bild 2: Das Fabrikgebäude der Familie Ehrlich im Zinkenwehr, heute Sally-Ehrlich-Straße (Foto © S.Peter)
Bild 3: Sally Ehrlich (1878-1942) (Fotosammlung Stadtarchiv Coburg)
Bild 4: Die Gedenktafel am Hause Sally Ehrlichs erinnert noch heute an das Schicksal der Coburger Juden in der Zeit des Dritten Reiches (Foto © S.Peter)
Ein Einbruch ins Herzogliche Mausoleum im Coburger Hofgarten
Der Hofgarten und sein Mausoleum sind gegenwärtig im Besitz der Stadt Coburg. Diese ist laut Vertrag von 1919 für ihre Erhaltung verpflichtet. Der Bausenat der Stadt hatte deshalb am 18. Mai 1983 einer Sanierung des Herzoglichen Mausoleums im Hofgarten zugestimmt, welche dann im Jahr darauf gründlich durchgeführt wurde.
Darauf soll aber hier nicht eingegangen werden. Jedoch sind einige geschichtliche Daten und Hinweise erforderlich, die das Fürstenpaar, welches dort begraben liegt, betreffen.

Das Herzogs-Paar Franz Friedrich Anton und Auguste Caroline Sophie (aus Bachmann/Aumann: Coburg und Europa (Schriftenreihe der Historischen Gesellschaft 11, Coburg 1997)
Das Mausoleum, dessen Architekt leider bis heute noch nicht festgestellt werden konnte, ließ Herzog Ernst I. von Sachsen-Coburg und Gotha in den Jahren 1816 und 1817 seinen Eltern Franz Friedrich Anton (gestorben 1806) und Auguste Caroline Sophie (gestorben 1831) errichten. Dieses Herzogspaar hatte vier Söhne und fünf Töchter, von denen allerdings ein Sohn und eine Tochter im Kindesalter verstorben sind. Durch eine geschickte Heiratspolitik des Herzogshauses entstanden Verbindungen zu fast allen Königshäusern Europas.
Am 9. Dezember 1817 wurde Franz Friedrich Anton und im November 1831 seine Gemahlin Auguste Caroline Sophie im Mausoleum beigesetzt. Aber schon neun Monate nach dem letzten Begräbnis, in der Nacht vom Samstag, den 18. August zum Sonntag, dem 19. August 1832, wurde die Gruft durch einen Einbruch geschändet. Ein morgendlicher Spaziergänger hörte laute Hilferufe aus dem Inneren des Mausoleums. Er stellte fest, dass die eiserne Gittertüre des Eingangs geschlossen, aber die Falltüre zur eigentlichen Gruft gewaltsam geöffnet war. Der Spaziergänger vermutete sofort, dass ein Mensch in böswilliger Absicht in die unterirdische Gruft eingebrochen war und sich aus seiner unheimlichen Lage nicht mehr befreien konnte. Kurzentschlossen eilte er zur Polizei, die den Einbrecher aus seinem grauenvollen Gefängnis herausholte, seine Personalien feststellte und ihn eingehend verhörte.
Der Einbrecher war der Schlossergeselle Andreas Stubenrauch aus Hofheim in Unterfranken. Dieser hatte sich am Samstagabend in verschiedenen Wirtshäusern Mut angetrunken, sich dann mit dem notwendigen Einbrecherwerkzeug versehen und dabei auch nicht Feuerzeug und Talglichter vergessen. Man musste zu jener Zeit noch mit Stahl, Feuerstein und Zündschwamm Licht machen. Der Weg zum Hofgartenmausoleum war damals nicht so bequem wie heutzutage. Die Arkaden mit den Treppenaufgängen und der Weg, der an der Reithalle vorbeiführt, waren noch nicht gebaut. An der Stelle des jetzigen mittleren und oberen Hofgartens lagen seinerzeit noch Privatgärten. Man konnte deshalb nur von der Festungsstraße, vorbei an den Zäunen verschiedener Gärten, zum Mausoleum gelangen.
Doch zurück zum Thema. In der Dämmerung schlich sich Stubenrauch zum Hofgarten-Mausoleum. Das Schloss der eisernen Gittertür konnte er mit seinen Schlüsseln und Dietrichen nicht öffnen. Die Stäbe des Gitters ließen aber oben so viel Platz, dass er hindurch kriechen konnte. Innen boten ihm die starken Eichenbohlen der Falltüre ein so starkes Hindernis, das er nur mit einem Brecheisen zu überwinden vermochte. Beim Schein des Talglichtes erblickte er in einer Tiefe von drei Metern die beiden Särge. Aber eine Treppe führte nicht hinab. Der Einbrecher glaubte sich helfen zu können. Er holte sich aus einem benachbarten Garten einen Pfahl. Beim Versuch, daran hinab zu gleiten, stürzte er in die Gruft. Es war ihm sofort klar, dass er mit Hilfe des etwas zu kurzen Pfahles nicht mehr heraus steigen konnte. Umgeben von den Schauern der Verwesung musste er die Nacht in der Gruft zubringen. Er gab aber seinen teuflischen Plan nicht auf und machte sich daran, den Sarg der Herzogin zu öffnen, den er im Schein seines Talglichtes von dem älteren Sarg des Herzogs unterscheiden konnte. Große Schwierigkeiten bereitete ihm das Öffnen des Sargdeckels. Es gelang ihm nur, diesen etwas zu heben. Aber was er gesucht hatte, fand er nicht. Die Leiche der Herzogin war nur mit einem schwarzen Samtkleid ohne jeglichen Schmuck bekleidet. Die grauenhafte Arbeit war umsonst gewesen. Schon der nächtliche Aufenthalt war für Stubenrauch eine Strafe. Man erzählte sich später in Coburg, dass das Haar des Einbrechers in der Schreckensnacht völlig ergraut wäre.
Stubenrauch, auf frischer Tat ertappt, legte ein offenes Geständnis ab und wurde 18 Monaten Zuchthaus verurteilt. Nach seiner Freilassung war er wiederholt straffällig. Im Jahre 1854 fand man in einem Waldstück bei Hofheim seine Leiche. Ein leerer Geldbeutel und eine leere Schnapsflasche waren seine ganze Habe. Er hatte sich selbst gerichtet. Der Gruftschänder endete als Selbstmörder. Damit war die Geschichte des ersten Einbruchs in das Herzogliche Mausoleums zu Ende gegangen. Doch 120 Jahre später, sollte sich dies noch einmal wiederholen, doch dass ist eine andere Geschichte.
Text: Christian Boseckert
Bildquellen:
Bild 1: Das Herzogliche Mausoleum im Hofgarten (Foto © S.Peter)
Bild 2: Das Herzogs-Paar Franz Friedrich Anton und Auguste Caroline Sophie (aus Bachmann/Aumann: Coburg und Europa (Schriftenreihe der Historischen Gesellschaft 11, Coburg 1997)
Bild 3: Das eiserne Tor des Mausoleum (Foto © S.Peter)
Die Biergärten am Festungsberg
Der Festungsberg ist heute eine feine Wohngegend. Die Bebauung begann dort ab 1860. Zahlreiche Villen zeigen uns noch gegenwärtig den Wohlstand ihrer früheren Besitzer. Was befand sich wohl früher auf diesem Areal? Es mag den Leser erstaunen, dass dort einmal drei Biergärten existierten. Über diese Einkehrstätten der Coburger soll dieser Blogeintrag berichten.
Der erste der drei Biergärten befand sich gleich neben der St. Augustinkirche, an der Stelle, wo sich heute das moderne katholische Gemeindezentrum und die Villa Anker (Obere Klinge Nr.1) befinden. Dieser Garten gehörte dem Bäckermeister und Bierwirt Johann Gottfried Fischer, der seinen Betrieb im Steinweg (Haus Nr. 43, heute Weltbasar Rückert) unterhielt. Fischer übernahm 1849 das Unternehmen und richtete daraufhin schließlich einen Biergarten auf seinem Grundstück am Festungsberg ein. 1870 schloss dieser Garten seine Pforten. Heinrich Langbein, der in den 1930er Jahren einen ersten Aufsatz zu diesem Thema schrieb, erinnerte sich, dass dort Gebäude in einfachster Weise vorhanden waren. Dazu gehörten ein Gartenhaus, einige offene Hütten und eine Sandkegelbahn. Die Gäste saßen auf langen Holzbänken an Tischen, die ungehobelt und nicht gestrichen waren. Das Bier wurde in Schlotterkrügen und billigen Gläsern ausgeschenkt. Wer etwas essen wollte, musste es sich seine Brotzeit selber mitbringen oder sich mit dem begnügen, was der Wirt an Wurst und Käse selbst anbot. Die weiblichen Gäste strickten im Sommer die Wollstrümpfe für den Winter und die Männer gingen dem Kegelsport auf der offenen Bahn nach. Liebespaare trafen sich hier ebenso wie die vornehmen Damen der Coburger Gesellschaft. Eine Ziehharmonika sorgte für Musik. Windlichter und Öllampen ließen den Biergarten auch am Abend in hellem Licht erscheinen.
So mag es vielleicht auch bei den beiden anderen Biergärten am Festungsberg zugegangen sein. Die nächste Einkehrmöglichkeit lag direkt hinter der St. Augustinkirche. Dort wo heute die Villa Festungsstraße Nr. 4 zu finden ist, lag bis 1867 der sogenannte „Casinogarten“. Er gehörte zu einer Gaststätte, die sich in dem späteren Logengebäude in der Theatergasse befand. Dieses Haus ist bei einem amerikanischen Luftangriff am Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört worden. Zu dem Biergarten gehörten neben einem festen Gasthaus wahrscheinlich auch eine überdachte Kegelbahn. Hier traf sich vornehmlich die bessere Gesellschaft, direkt nach ihrem sonntäglichen Spaziergang im Hofgarten. Eine Reklame in den frühen Coburger Adressbüchern belegt diese Annahme. Die Vermutung liegt hier nahe, dass es sich hierbei nicht nur um einen Biergarten, sondern auch um ein Ausflugslokal mit Kaffeeausschank handelte.
Ein ganzes Stück weiter an der Festungsstraße, dort wo sich jetzt die Häuser Nr. 9a und 9b befinden, war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Biergarten zu finden, der 1804 gegründet wurde. Dieser Garten gehörte dem Bäckermeister und Bierwirt Fritz Frommann, der seine Stadtwirtschaft im Steinweg Nr. 15 (heute Modehaus K&L Ruppert) hatte. Das Anwesen Frommanns erstreckte sich in der ganzen Breite von der Festungsstraße bis zur Bergstraße. Auch in dieser Kellerwirtschaft wurde das Bier nur in Schlotterkrügen ausgeschenkt. Nach 1871 wurde der Ausschank aufgegeben und das Grundstück parzelliert. Auf einem verkleinerten Areal an der Festungsstraße entstand dann schließlich ein neues Ausflugslokal, welches den Namen „Wilhelmshöhe“ trug. Möglicherweise diente das Schloss Wilhelmshöhe bei Kassel als Vorbild, wo der französische Kaiser Napoleon III. interniert war. Das Ausflugslokal sprach vor allem eine feinere Kundschaft an. So empfhal sie in einem Inserat aus dem Jahre 1882 ihre schönen Gartenanlagen, die Marmorkegelbahn, den Konzert- und Ballsaal, vorzügliche einheimische und fremde Biere, feine Weine und eine hervorragende Küche zu guten Preisen an. Trotz der Werbung konnte sich die „Wilhelmshöhe“ nicht lange halten. Bereits 1890 zog in das Gasthaus eine Molkereikuranstalt ein, in der in den Morgen- und Abendstunden frische Ziegenmilch verabreicht wurde. Gesundheitsfördernde Brunnen- und Heilwasser wurden dort ebenfalls angeboten. 1893 erfolgte der Abbruch sämtlicher Gebäude auf diesem Gelände. Es entstand das heutige Wohnhaus Festungsstraße 9b, in dem ein Knabenerziehungsinstitut einzog.
Aus heutiger Sicht ist es bedauerlich, dass sich keines dieser Gastronomiebetriebe halten konnte. Fehlt doch nach Ansicht vieler Coburger, dem Hofgarten so etwas wie eine Ausflugsgaststätte, in der man auch sein Bier trinken könnte.
Text: Christian Boseckert
Bildquellen:
Bild 1: Standort des Fischer-Biergartens in der Oberen Klinge (Foto: © S.Peter)
Bild 2: Standort des Casinogartens in der Festungsstraße (Foto: © S.Peter)
Bild 3: Standort des Frommann-Biergartens in der Festungsstraße (Foto: © S.Peter)
Spuren jüdischen Lebens in der Judengasse
Beschäftigt man sich mit der Geschichte des Mittelalters, so stellt man fest, dass Menschen jüdischen Glaubens oft verfolgt, ausgegrenzt und getötet worden sind. Der traurige Höhepunkt dieser Verfolgung sollte aber erst im 20.Jahrhundert sein. Darum soll es heute aber nicht gehen, sondern um die Lebensweise der jüdischgläubigen Menschen im Mittelalter, speziell in Coburg. Dabei darf man die äußeren Gegebenheiten, wie sie oben genannt werden, nicht außer Acht lassen.

Siedlungsplatz der Coburger Juden im Spätmittelalter bzw. Frühe Neuzeit (Zeichnung Christian Boseckert)
Die ersten Hinweise auf jüdisches Leben in Coburg findet man bereits Mitte des 13.Jahrhunderts. Wo sie damals in Coburg lebten, weiß man heute nicht mehr. Erst ab 1350 dürften sich die Juden den Bereich der unteren Judengasse angesiedelt haben. 1382 werden erstmals vier jüdische Haushalte erwähnt. 1418 sind es bereits neun jüdische Haushalte. Es scheint eine Zeit der Blüte und der Nichtverfolgung gewesen sein. 1393 wird erstmals eine Synagoge erwähnt, die man in der Nähe des Judentores suchen muss. Eine genaue Ortsangabe ist leider nicht möglich. In dieser Zeit entstand auch eines der frühesten Zeugnisse jüdischen Glaubens, ein Pentateuch (besteht aus den fünf Büchern Moses), dass 1395 in Coburg, in hebräischer Handschrift verfasst wurde. In diesem Buch ist auch eine Wehranlage illustriert, die vermutlich die Veste Coburg darstellt. Damit wäre es die älteste, bekannte Darstellung der Veste. Dieser Pentateuch befindet sich heute im Besitz des Britischen Museums in London. Entdeckt wurde diese Kostbarkeit 1979 von Frau Helen Gutman, einer ehemaligen Coburgerin, die wegen ihres jüdischen Glaubens in die USA emigrierte.
1413 erlaubt Markgraf Wilhelm von Meißen seinen jüdischen Untertanen in Coburg, die Anlegung eines Friedhofs. Dieser Friedhof lag zwischen der unteren Judengasse, der Walkmühlgasse und dem Hahnfluss. Beim Neubau des Hauses Judengasse 50 (heute Mutter-Kind-Cafe “Der kleine Muck” ) im Jahre 1896, entdeckte man dort menschliche Knochenreste und eine jüdische Grabplatte.
Aber bereits nach 1413 deutete sich bereits die nächste Judenverfolgung an. Der Chronist Karche berichtet “1422 wurde den Juden der Aufenthalt zu Coburg vom Bischof Johannes zu Würzburg verboten und den Christen aller Umgang mit ihnen untersagt. Zum Kennzeichen mussten die Juden ein rotes Schild an der Brust tragen.”
Und so dürften bis 1447 alle Juden aus Coburg vertrieben worden sein, da zu diesem Zeitpunkt in den Chroniken erwähnt wird, dass durch eine Verfügung des Herzogs Wilhelm von Sachsen die Coburger Synagoge in eine christliche Kirche umgewandelt werden soll. Mit einer großen Spende eines Coburger Bürgers konnte diese Umwandlung vollzogen und die neue Kirche der heiligen Maria geweiht werden. Wie lange diese Marienkirche existierte oder wann sie abgerissen wurde, wissen wir ebenfalls nicht.
Erst ab 1533 haben sich Juden wieder in Coburg angesiedelt. Im Jahre 1880 zählt man bereits 210, und im Jahre 1925 sogar 316 jüdische Glaubensangehörige. Seit 1873 gab es auch wieder eine Synagoge, die in der St. Nikolauskapelle untergebracht war. Ein jüdischer Friedhof wurde 1874 auf dem Gelände des neuen Friedhofs auf dem Glockenberg angelegt.
Heute ist all dies Geschichte, denn seit den Verfolgungen durch die Nationalsozialisten von 1933 bis 1945 gibt es keine jüdische Gemeinde in Coburg mehr. Übrig geblieben sind die oben genannten Fragmente, die die Stürme der Zeit überdauert haben. Und natürlich erinnern die Judengasse und das Judentor an das mittelalterliche Siedlungsgebiet an sie.
Text: Christian Boseckert
Bildquellen:
Bild 1: Siedlungsplatz der Coburger Juden im Spätmittelalter bzw. Frühe Neuzeit (Zeichnung Christian Boseckert)
Bild 2: Kapelle St.Nikolaus in der Ketschendorfer Straße (Foto: © S.Peter)
Bild 3: Inschrift über dem Eingang der St.Nikolaus Kapelle, Ps 118,20 (Foto: © S.Peter)











