Die Entstehungsgeschichte des Sintflutbrunnens
In diesem Blogeintrag soll es um die Entstehungsgeschichte des Coburger Sintflutbrunnens gehen, dessen Schöpfer der gebürtige Coburger Ferdinand Lepcke (die Geschichte von Lepcke ist >>>hier zu finden) war. Dieser wurde am 23. März 1866 im Hause Leopoldstraße Nr. 27 als Sohn des Restaurateurs Ernst Lepcke geboren und starb bereits im Alter von 43 Jahren am 12. März 1909 in Berlin an den Folgen einer Lungenentzündung.
Lepcke verlebte also seine früheste Jugendzeit in der Leopoldstraße. Schon in jungen Jahren besuchter er die Kunstakademie in Berlin und war dort Schüler des Bildhauers Fritz Schaper von dem viele Denkmäler in Deutschland stammen. Ferdinand Lepcke wurde bald ein bekannter Künstler seiner Zeit und schuf zahlreiche Broncestatuen, Grabdenkmäler, Marmorbüsten und Denkmäler bedeutender Männer. Bereits im Alter von 25 Jahren erhielt er einen Staatspreis und wurde 1903 zum Professor ernannt. Ein Jahr vorher entstand auf Kosten des preußischen Staates für die Stadt Bromberg in Westpreußen (heute Bydgoszcz in Westpolen) der „Sintflutbrunnen“, das Original des Coburger Sintflutbrunnens.
Im gleichen Jahr 1902 machte Ferdinand Lepcke seiner Heimatstadt Coburg, mit der er sich besonders durch seine Zugehörigkeit zur Künstlerzunft St. Lukas verbunden fühlte, das Angebot, ihr das Gipsmodell dieses Brunnens unentgeltlich zu überlassen. Daran hatte Lepcke insgesamt zwei Jahre gearbeitet.
Nach langem Hin und Her lehnte der Coburger Stadtrat am 2. Dezember 1904 das Anerbieten Lepckes mit der Begründung ab, dass Coburg keinen geeigneten Platz hätte. In den Zeitungen war man darüber empört. Aber der Künstler ließ nicht locker. Schon am 20. Dezember 1904 antwortete er dem Oberbürgermeister Gustav Hirschfeld und machte dabei den Vorschlag, dass die Stadt ein einfaches Museum bauen solle, für das er Abgüsse von zahlreichen seiner von ihm geschaffenen Plastiken stiften würde. Das Auffinden eines geeigneten Platzes musste er aber immer noch dem Coburger Stadtrat überlassen. Einen Fingerzeig gab der Plan des Baues einer Gewerbeschule. Man erwog jetzt, den Brunnen irgendwie vor der geplanten Schule aufzustellen. Aber der Bau lag noch in weiter Ferne. Man überlegte weiter und kam auf die Idee, dass die Veste ein geeigneter Ort sei. Aber hier ergaben sich unüberwindliche Schwierigkeiten.
Inzwischen war der Gedanke aufgetaucht, nicht das Gipsmodell, sondern einen Bronceguss des Brunnens aufzustellen. Am 20. März 1905 schrieb Lepcke an Oberbürgermeister Hirschfeld, dass ein Bronceguss 30.000 Goldmark kosten würde. Er schlug gleichzeitig eine Sammlung unter den Bürgern vor und erklärte sich bereits das Modell noch ein Jahr aufzuheben, bis das Geld zusammengekommen sei. Da wurde Mitte des Jahres 1905 ein Coburger Bürger, der Baumeister Max Frommann, aktiv. Wahrscheinlich nach privater Fühlungnahme mit dem Herzoglichen Staatsministerium schlug er als Standort für den Sintflutbrunnen die Zollbauerswiese an der Ketschendorfer Straße vor. Er garantierte 20.000 Goldmark, die er selbst durch eine Sammlung aufzubringen gedachte. Den Rest von 10.000 Goldmark sollte die Stadt zusteuern. Bereits am 17. Juli 1905 bewilligte der Coburger Stadtrat diesen Betrag unter Voraussetzung, dass die Zollbauerswiese von der Herzoglichen Domäne unentgeltlich zur Verfügung gestellt würde. Das Herzogliche Staatsministerium gab am 29. Juli 1905 seine Zustimmung zur unentgeltlichen Überlassung der Zollbauerswiese mit der Auflage, dass das Gelände unbebaut bleiben sollte. Die entsprechenden Verträge zwischen der Stadt, dem Ministerium sowie mit Lepcke kamen zustande. Dieser nahm an dem Modell geringfügige Änderungen vor und sicherte sich das geistige Eigentum. Für den Guss des Brunnens, den die Firma Gladenbeck in Berlin ausführen sollte, waren jedoch Monate erforderlich.
Inzwischen hatte Frommann die 20.000 Goldmark zusammengebracht. Die Spender waren betuchte Coburger Bürger, darunter auch einige Bewohner der nahe gelegenen Alexandrinenstraße. Die israelitische Kultusgemeinde, die ihre Gottesdienste damals in der St. Nikolauskapelle abhielt, gab einen Sonderbeitrag.
Der Sintflutbrunnen, dessen Aufstellung man Ende 1906 erwartete, sollte an den Regierungsantritt des Herzogs Carl Eduard am 23. Juli 1905 erinnern. Zu diesem Zweck wollte die Stadt Coburg eine Plakette an dem Brunnen anbringen. Damit war das Ministerium nicht einverstanden und machte den Vorschlag, den Brunnen Carl-Eduard-Brunnen und den Platz Carl-Eduard-Platz zu nennen. Der Brunnenname könnte sich jedoch nicht durchsetzen.
Die Einweihung des Brunnens fand am 15. November 1906 um 11.45 Uhr statt. Der Herzog mit seiner Gemahlin fuhr im Automobil vor. Das erregte damals großes Aufsehen. Zur Einleitung der Feier spielte die Stadtkapelle „Schutzgeist alles Schönen“ von Mozart. Oberbürgermeister Hirschfeld hielt die Weiherede. Den Schluss der Feier, zu der solche Bürger der Stadt eingeladen waren, die irgendwie ein Ehrenamt besaßen, bildete Beethovens Hymne „Die Himmel rühmen“. Lepcke erhielt vom Herzog das Ritterkreuz 1. Klasse, der Direktor der Gießerei den gleichen Orden in der 2. Klasse und aus dem Baumeister Max Frommann wurde ein herzoglicher Baurat.
Nach dem Bau des Kongreßhauses 1962 wurde der Sintflutbrunnen von der Mitte des Rosengartens an seinen heutigen Platz, den südlichen Rosengarten, versetzt.
Text: Christian Boseckert
Bildquelle:
Bild 1: Der Sintflutbrunnen (Sammlung S.Peter), Bild 2 und 3: © S.Peter
Coburger Künstler – Der Bildhauer Prof. Otto Poertzel

Der Brunnen der Gastwirtschaft Fischerei von Otto Pörtzel, heute am Ausstellungspavillon des Kunstvereins am Hofgarten befindlich (Foto: © S.Peter)
Als die einst beliebte Gaststätte „Fischerei“ in der Webergasse und mit ihr die Klause „St. Lucas“ um 1980 der Stadtsanierung in diesem Bereich weichen musste, blieb ein Zeuge übrig, eine seltsame Brunnenfigur, die ein Mitglied der Künstlerzunft St. Lucas, der Professor Otto Pörtzel, schuf. Die Figur stellt einen Schweinekopf mit menschlichen Zügen dar, aus dessen Maul klares Wasser floss. Möglicherweise hat sich der Künstler dabei einen Scherz erlaubt und bei der Gestaltung an irgendein Vorbild gedacht. Im Jahre 1940 versiegte der Brunnen. Inzwischen hat dieser einen würdigen Platz am Ausstellungspavillon des Kunstvereins im Hofgarten gefunden.
Otto Pörtzel hat seine Begabung von seinem Vater Gustav Wilhelm geerbt, der in Scheibe / Thüringen (heutiges Scheibe-Alsbach) in einer Porzellanfabrik als Modelleur tätig war. Geboren wurde Otto Pörtzel am 24. Oktober 1876 in dem thüringischen Waldort, besuchte nach einer Bildhauerlehre drei Jahre die Sonneberger Industrieschule, welche im Gebäude des heutigen Deutschen Spielzeugmuseums untergebracht war und arbeitete danach im Atelier Stellmacher in Gotha.
Im Jahre 1900 ließ er sich in Coburg als selbstständiger Bildhauer nieder, ergänzte aber sein Können noch durch ausgedehnte Reisen in Italien und durch Studien an der Königlich-Bayrischen Akademie der Bildenden Künste in München, wo er u.a. bei Adolf von Hildebrand lernte. In der bayrischen Landeshauptstadt unterhielt Pörtzel, neben seinem Atelier in Coburg am Ernstplatz 1, eine eigene Werkstätte.
In der Vestestadt lebte er allerdings weiterhin, bis zu seinen Tod am 17. Januar 1963. In der Hügelstraße 8 baute er sich ein Künstlerheim, in dem er seine Werke schuf.
Mit den Künstlern Coburgs, besonders aber mit denen der Zunft St. Lucas, verband ihn enge Freundschaft. Otto Pörtzel war ein Mitbegründer des Coburger Kunstvereins, Ehrenvorsitzender des Schutzverbandes bildender Künstler, Vorsitzender der Prüfungskommission für das künstlerische Handwerk und viele Jahre Vorsteher der Künstlerzunft St. Lucas. In dem Hause Pörtzels versammelte sich immer eine außergewöhnliche Gesellschaft. Wenn Besucher kamen, so trafen sie dort in Gips, Stein und Bronze den Kaiser Wilhelm II. in Großadmiralsuniform, Kaiser Haile Selassie von Abessinien, den Zaren Ferdinand von Bulgarien, das Coburger Herzogspaar Carl Eduard und Viktoria Adelheid sowie eine Reihe damals prominenter Persönlichkeiten.
Unter der Schar der Schöpfungen Pörtzels befand sich auch die anmutige modellierte Figur der Hofschauspielerin Hilde Knoth vom Coburger Hoftheater. Knoth war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Liebling des Coburger Theaterpublikums. In Coburg wollten deshalb nach der Einweihung des Ernst-Alexandrinen-Volksbades im Jahre 1907 die Gerüchte nicht verstummen, dass die Schauspielerin dem Bildhauer für die graziöse nackte Gestalt auf dem Giebel des Portikusbaues Modell gestanden habe. Man war eben damals sehr prüde in Coburg. Als Professor Pörtzel an seinem 80. Geburtstag im Jahre 1956 darauf angesprochen wurde, soll er lächelnd geantwortet haben: Sie war eine bildhübsche junge Frau“. Das Geheimnis aber, nahm Pörtzel mit ins Grab.
Der Künstler war zeitlebens ein keramischer Bildhauer, konnte aber auch mit Bronze und Marmor umgehen. Eine Reihe von Krieger- und Grabdenkmälern außerhalb von Coburg, bzw. auf dem Coburger Friedhof am Glockenberg geben davon Kunde. Zahlreiche Plastiken für die keramische Industrie gingen aus seinem Atelier hervor. Sein Ruf war in ganz Europa verbreitet. Auf den Weltausstellungen in St. Louis / USA im Jahre 1904, und Brüssel im Jahre 1910 war er mit Großplastiken vertreten. Die zahlreichen Kinderplastiken sind ihm besonders gut gelungen. Sie vermitteln dem Betrachter Freude. Der Gesichtsausdruck der Kinder entspricht ihrer jeweiligen Tätigkeit. Erinnert sei hier an die ehemalige Rosenschau und an den Aufgang zum alten Union-Theater am Hahnweg, wo Pörtzels Kinderfiguren aufgestellt waren. Bei der Darstellung von Menschen legte der Künstler großen Wert auf eine originale Wiedergabe. Ein Beispiel dafür ist die Büste der Herzogin Alexandrine, die in der Alfred-Sauerteig-Anlage vor dem ehemaligen Ernst-Alexandrinen-Volksbad steht. Auszeichnungen, Orden und der ihm im Jahre 1913 verliehene Titel Professor blieben nicht aus. Seit 1911 übte Pörtzel seine künstlerische Tätigkeit freiberuflich aus. Die Folgen zweier Weltkriege allerdings, die sein erarbeitetes Vermögen und seine Alterssicherung aufzehrten, zwangen ihn, noch im hohen Alter tätig zu sein. Professor Pörtzel wurde 86 Jahre alt.
Text: Christian Boseckert
Bildquellen:
Bild 1: Der Brunnen der Gastwirtschaft Fischerei von Otto Pörtzel, heute am Ausstellungspavillon des Kunstvereins am Hofgarten befindlich (Foto: © S.Peter)
Bild 2: Professor Otto Poertzel (Fotosammlung Christian Boseckert)
Bild 3: “Die Badende” von Otto Pörtzel auf dem Dach des Portikusbaues. (Foto: © S.Peter)
150 Jahre St. Augustinkirche
In diesem Jahr konnte die katholische Pfarrkirche St. Augustin ihr 150jähriges Jubiläum begehen. Mit ihrer Einweihung im Jahre 1860 markierte die katholische Kirche symbolisch ihre Präsenz in Coburg nach über 300 Jahren.
Die ersten Katholiken siedelten sich bereits zu Anfang des 19. Jahrhunderts hier wieder an. Einer der ersten war der Kaufmann Johannes Zangerle. In seinem Haus in der Ketschengasse aber auch vermutlich in seinem Gartenhaus am Plattenäcker, welches wie eine Kapelle aussah, fanden die ersten Gottesdienste statt. Der Name der späteren Ausflugsgaststätte „Kapelle“ rührt von diesem Zangerle´schen Gartenhaus her, welches 1945 durch den Artilleriebeschuss der Amerikaner zerstört wurde.
Bereits 1806 erhielt die kleine katholische Gemeinde mit der Nikolauskapelle auch ein eigenes Gotteshaus. Durch den Zuzug von immer mehr Katholiken nach Coburg wurde die Kapelle nach 50 Jahren zu klein. Unter der Förderung des Prinzen August von Sachsen-Coburg-Kohary, einem Spross der katholischen Linie des Herzogshauses, ging man schließlich in den 1850er Jahren daran, eine komplett neue katholische Kirche zu bauen.
Mit dem Bau wurde der herzogliche Baurat Vincenz Fischer-Birnbaum betraut. Anfangs gab Diskussionen darüber, wo nun die neue Kirche stehen soll. Als mögliche Standorte galten die Zollbauerswiese (heute befindet sich dort der Rosengarten) oder die Gegend um den Rittersteich. Schließlich entschied man sich die Kirche am Fuße des Festungsberges zu errichten.
Die Bauarbeiten begannen im Jahre 1855 und dauerten fünf Jahre an. Den Bau der Kirche hat der britische Fotograf Francis Bedford auf einen der ersten Fotografien von Coburg 1857 festgehalten. Die Einweihung fand schließlich am 28. August 1860 im Beisein des Bamberger Erzbischofs Michael von Deinlein statt. Zu Ehren von Prinz August erkor man den Heiligen Augustinus von Hippo zum Patron der neugotisch gestalteten Kirche. Der erste Pfarrer von St. Augustin bezog noch im selben Jahr das Wohnhaus des Hofmalermeisters Halter in der Festungsstraße, welches heute noch als Pfarramt dient.
Mit der Einweihung der Kirche hatte nicht nur die katholische Gemeinde ein neues spirituelles Zentrum erhalten, sondern auch die katholische Linie des Hauses Sachsen-Coburg eine Grablege für sich gefunden. Prinz August hatte diese Krypta für sich und seine Nachfahren extra auf seine Kosten anlegen lassen. Er war auch der erste, der nach seinem Tod im Jahre 1881 dort beigesetzt wurde. Ihm folgten seine Frau Clementine und deren gemeinsame Kinder, darunter der bulgarische Zar Ferdinand I., nach.
Die letzte Beisetzung fand 1967 statt, als die Herzogin Dorothea von Schleswig-Holstein, eine Enkeltochter Prinz Augusts hier zu Grabe getragen wurde. Neben Kirche und Pfarrhaus besitzt die katholische Gemeinde heute ein eigenes Pfarrzentrum an der Oberen Klinge, welches den Mittelpunkt der Pfarrei darstellt.
Text: Christian Boseckert
Bildquellen:
Bild 1 und 3: Die St. Augustinkirche im Jahre 2010 (Fotos: Christian Boseckert)
Bild 2: Bild vom Bau der Kirche aus dem Jahre 1857 (Foto: Francis Bedford, Sammlung Chr. Boseckert)
Bild 4: Krypta in der St. Augustinkirche (Foto: © S.Peter 2009, 2010)
Der Turner und Wandersmann Emil Rädlein
Besucht man den westlichen Teil des Coburger Hauptfriedhofs, findet sich auf dem Weg zum herzoglichen Mausoleum eine stattliche Anzahl von großen Grabstätten und Gedenksteinen. Hier sind vor allem verdienstvolle Bürger der Vestestadt beerdigt worden. Einer von ihnen, Emil Rädlein, hat viele Jahre in zwei bedeutenden Coburger Vereinen eine maßgebende Rolle gespielt.
Beide Vereine, der Thüringerwald-Verein und die Coburger Turngenossenschaft haben zusammen über 1000 Mitglieder. Aber wer von diesen und den heutigen Coburgern kann Genaueres über Emil Rädlein wissen, der schon vor fast hundert Jahren seine letzte Wanderung angetreten hat. Wer war also Emil Rädlein?
Er wurde am 5. Januar 1855 als Sohn eines Schneidermeisters in Coburg, im Hause Steingasse Nr. 14 (heute Musikhaus Kiederle) geboren. Seine unbeschwerte Jugendzeit rings um die Moritzkirche beschrieb er in einem seiner vielen Aufsätze. Nach dem Besuch der Bürgerknabenschule, die seinerzeit noch in der alten Ratsschule, ganz in der Nähe seines Wohnhauses, ansässig war, bereitete er sich im Coburger Ernst-Albert-Lehrerseminar auf seinen künftigen Beruf vor. Nach seiner Ausbildung war er ein Jahr in Greiz/ Thüringen tätig. Doch bereits im Jahre 1874 kehrte nach Coburg zurück, wo er fast fünf Jahrzehnte als Lehrer wirkte.
Schon als junger Pädagoge verschrieb er sich dem Turnsport und wurde schon 1874 Mitglied der Coburger Turngenossenschaft. Das Amt eines 1. und 2. Turnwarts bekleidete er 24 Jahre von 1877 bis 1901. Im Jahre 1883 bestand er das Turnlehrerexamen in Berlin. Von 1909 bis 1919 übernahm er die Leitung der Turngenossenschaft, deren erfahrener Turnfahrtenführer er fast 48 Jahre war. Die turnerischen Leistungen der Turngenossenschaft, der heutigen Coburger Turnerschaft, sind seinem Fleiß, seinem Können und seiner Schaffenskraft zu verdanken. Emil Rädlein war der Schöpfer zahlreicher Turnerreigen, ein Gebiet des Turnsports, das besonders bei Schauturnen um 1900 gepflegt wurde.
Das Lied „Wohlauf die Luft“ (besser bekannt als das Frankenlied) gestaltete Rädlein durch turnerische Schrittfiguren zu einem „Scheffelreigen“. Der Dichter Viktor von Scheffel begrüßte die Bearbeitung des Liedes und dankte mit seinem Bildnis und einem Vierzeiler. Die Turngenossenschaft ehrte ihren „Rad“, wie er im Volksmund genannt wurde, durch die Ernennung zum Ehrenmitglied, Ehrenturnwart und Ehrensprechwart. Auch die Stadt Coburg zeigte ihre Anerkennung. Sie übertrug Rädlein im Jahre 1915 die Leitung des städtischen Schulturnes.
In den letzten Jahren seines Lebens wandte sich Emil Rädlein zunehmend dem Wandern zu. Dazu trug wesentlich die Gründung des Thüringerwald-Vereins im Jahre 1907 bei, zu dessen 1. Vorsitzenden er sofort gewählt wurde. Er selbst bezeichnete sich gerne als „Coburger Wandersmann“. Mit seinen Turngenossen und den Freunden vom Thüringerwald-Verein erwanderte er nicht nur die engere Coburger Heimat, sondern auch Südthüringen, den Frankenwald, den Fränkischen Jura und die Hassberge. In seinem zweibändigen Wanderbuch „Im Umkreis der fränkischen Krone“ hat er einen Teil seiner Wanderungen in fesselnder Weise beschrieben. Darin liest man nicht nur den genauen Verlauf der Wanderungen, sondern erfährt etwas über Natur und Heimat, sowie über Kunstdenkmäler kennen. Gleichzeitig gewinnt man ein gewisses Verständnis für Volkskunst und Volkstum. Diese Kenntnisse vermittelte er seinen Wanderkollegen auch wenn sie unterwegs waren. In seinen Beschreibungen sind oft auch Dichterworte eingestreut, die die jeweiligen Stimmungen wiedergeben.
Auch hatte Emil Rädlein immer bei seinen Wanderungen ein Skizzenbuch dabei. Er konnte sehen und das Geschehene zeichnen: Hier einen Torturm, dort eine alte Mühle, oder eine schöne Kirche. Viele Motive, die er und seine Tochter Änni (eine heute noch bekannte Coburger Kunstmalerin) geschaut haben, findet man in seinem Wanderbuch. Erstaunlich aus heutiger Sicht ist der Umfang der Rädlein´schen Wanderungen. Sie umfassten zwischen 30 und 50 km. Dabei ging es oft schon früh um 4 Uhr los. Man wanderte um 1900 auf autofreien und nicht geteerten Straßen und kam schnell vorwärts. Klampfen und Gitarren beflügelten dabei mit flotten Wanderweisen die Schritte. Aber nicht nur seinen Wandergefährten war Emil Rädlein ein vorbildlicher Führer, er war auch jederzeit bereit, den Touristen seiner Heimatstadt die Umgebung in Wort und Schrift sowie mit Rat und Tat zu zeigen und zu beschreiben.
Am 8. Februar 1925 starb Emil Rädlein im Alter von 70 Jahren. Er wohnte zuletzt in einer Villa in der Unteren Klinge in Coburg. Ihm zu Ehren errichteten seine Wanderfreunde am Muppberg in Neustadt bei Coburg einen Gedenkstein, den sogenannten Rädleinstein. Darüber hinaus ehrt der Thüringerwald-Verein ihren langjährigen 1. Vorsitzenden jährlich im Mai mit einer Emil-Rädlein-Gedächtnis-Wanderung. Der Gedenkstein auf dem Coburger Friedhof stifteten sowohl der Thüringerwald-Verein, als auch die Turngenossenschaft als bleibende Erinnerung an einer der bedeutendsten Coburger Persönlichkeiten.
Text: Christian Boseckert
Bildquellen:
Bild 1: Gedenkstein Rädleins auf dem Coburger Hauptfriedhof (Foto: © S.Peter, 2009, 2010)
Bild 2: Emil Rädlein (Fotosammlung Stadtarchiv Coburg)
Orte der Veränderung – Die Kreuzung in der Bahnhofstraße
Ein Ort stetiger Veränderung war der Kreuzungsbereich zwischen Bahnhof- und Seifartshofstraße, in welchem auch die Hintere Kreuzgasse und die Hindenburgstraße mündete. Aus diesem Grunde blicken wir 100 Jahre zurück und vergleichen die Situation der Kreuzung von damals mit der von heute.
Einen Platz an dieser Stelle gab es bereits in der Frühen Neuzeit. 1858 erhielt das Areal den Namen „Heiligkreuzplatz“. Erst 1875 verschwand dieser Namen zugunsten der Bezeichnung „Bahnhofstraße“. Die hier zu sehende Aufnahme dieses Platzes stammt aus der Zeit um 1900. Der Fotograf blickte dabei gen Osten, Richtung Festungsberg und der Veste Coburg. Diese war zu jener Zeit noch nicht vom Architekten Bodo Ebhardt umgebaut worden, sodass auch der Rote Turm hier auf diesem Foto fehlt. Die Bauarbeiten an der Burg begannen im Jahre 1909.
Auf der rechten Bildseite fällt sofort ein großes dreistöckiges Gebäude auf, welches die Abzweigung des Seifartshofes von der Bahnhofstraße weg erahnen lässt. Dieses Haus entstand um 1875 für den Handelsgärtner Wilhelm Kurth. Schon bald darauf zog in die Erdgeschoss-Räume des Gebäudes eine Gaststätte ein. Sie trug anfangs den Namen „Bayerische Bierstube“. Als im Jahre 1904 der Gastronom Johann Scheler das Anwesen käuflich erwarb, erfolgte die Umbenennung des Lokals in „Altdeutsche Bierstube“. In diesem Hause eröffnete Scheler in der Folgezeit auch eines der ersten Coburger Kinos. Allerdings fiel der „Scheler´sche Kinematograph“ im Jahre 1913 einem Brand zum Opfer. Danach fanden hier keine Filmvorführungen mehr statt. Der Gaststätte tat dies keinen Abbruch. Sie wurde noch lange von der Familie Scheler weitergeführt.
Neben dem Gasthaus sehen wir ein kleines zweistöckiges Wohnhaus, welches schon im 18. Jahrhundert dort stand. Es handelte sich dabei um ein altes Töpferhaus, dessen Ursprünge sich bis ins Jahr 1604 zurückverfolgen lassen. Im Heiligkreuz lebten damals zahlreiche Coburger Töpfer, man kann sogar hier von einem Zentrum des Töpferhandwerks sprechen. Zum Zeitpunkt der Fotoaufnahme gehörte dem Kaufmann Wilhelm Stüpfert das Anwesen. Stüpfert, dessen Vorfahren selber Töpfer waren, betrieb dort ein kleines Lebensmittelgeschäft. Es existierte bis 1919 und wich schließlich einer Metzgerei, die von dem Fleischermeister Georg Eckardt betrieben wurde.
Im Anschluss an diesem Gebäude sehen wir Neubauten der 1860er Jahre, die auch heute noch stehen. Auf der anderen Straßenseite erblicken wir das Haus der Bahnhofs-Apotheke. Dieses wurde im Jahre 1882 anstelle einer alten Nagelschmiede von der Baufirma Wetter & Gräfe für den Landwirt Georg Weiß errichtet. Ursprünglich war dies ein reines Wohnhaus. Erst 1928 zog nach einem Umbau des Erdgeschosses hier die Bahnhofs-Apotheke ein, die bis heute dort zu finden ist.

Die Kreuzung in der Bahnhofstraße - Die derzeitige Situation im Jahre 2010 (Foto: Christian Boseckert)
100 Jahre später hat sich das Bild gewandelt. Das Gebäude der Bahnhofs-Apotheke steht ebenso noch wie die Neubauten in der Bahnhofstraße. Das Töpferhaus hingegen wurde 1979 zugunsten eines Neubaus abgerissen, der auf dem aktuellen Foto zu sehen ist. Zuletzt war in dem alten Gebäude das Fotogeschäft Lehmair ansässig. In den Neubau zog schließlich das Papierwarengeschäft Wittmann ein, das dort bis Anfang der 1990er Jahre existierte. Daneben eröffnete zur selben Zeit ein Eiscafe seine Pforten. Bereits 1978 verschwand die ehemalige Gaststätte „Altdeutsche Bierstube“ die zuletzt unter dem Namen „Mönchshof“ bekannt war. Das Haus stand einer Verbreiterung der Hindenburgstraße im Weg, die zur Westtangente ausgebaut werden sollte. Um 1900 gab es diese Straße noch nicht. Erst mit der Einweihung der neuen Coburger Hauptpost im Jahre 1931 wurde die Hindenburgstraße zunächst als Sackgasse und schließlich nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer viel befahrenen Straße ausgebaut.
Durch den Abbruch entstand ein weiträumiger Platz, der vor allem vom sogenannten „Berger-Block“ (linke Seite des Bildes) und dem Neubau Hindenburgstraße Nr. 12 (rechte Bildseite) geprägt ist. Trotz der hohen Verkehrsdichte findet sich auf diesem Platz sehr viel grün – Bäume und Hecken.
Längst verschwunden ist auch der Kiosk, der an der Einmündung der Seifartshof- in die Bahnhofsstraße stand. Ihn gab es schon nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr. An seiner Stelle errichtete die Stadt eine Uhr, die ebenfalls schon längst verschwunden ist. Die Kreuzung in der Bahnhofstraße wird wohl ein Ort der Veränderung bleiben. Das ist die Erkenntnis, die man ziehen muss.
Text: Christian Boseckert
Bildquellen:
Bild 1: Die Situation um 1900 (Sammlung: Christian Boseckert)
Bild 2: Die derzeitige Situation im Jahre 2010 (Foto: Christian Boseckert)












