Der Zwiebelmarkt

Ansichtskarte vom Zwiebelmarkt um 1900 mit Markgeschehen von der Ketschengasse (Sammlung Christian Boseckert)
In diesen Tagen findet auf dem Coburger Marktplatz wieder einmal der alljährliche Zwiebelmarkt statt. Er gilt als der älteste und traditionsreichste Markt in der Vestestadt.
Wenn der Markt geöffnet hat, so bieten die hiesigen Bäcker ihren frisch zubereiteten Zwiebelkuchen an, zu dem sie auch einen Federweißen ausschenken. Diese Tradition stammt noch aus dem Mittelalter, als die Bäcker auch Bier und Wein, den sie zum Teil selbst hergestellt hatten, über die Straße verkauften. Aus dieser Tatsache heraus entwickelten sich viele Coburger Gaststätten wie beispielsweise die Loreley oder der „Goldene Hirsch“ in der Judengasse.
Doch kommen wir auf die Ursprünge des Zwiebelmarktes zurück. Am 20. März 1466, dem Palmsonntag, brach in der Steinweg-Vorstadt zwischen dem Spitaltor und der Heiligkreuzkirche ein Großfeuer aus, welches der Überlieferung nach über 200 Wohnhäuser in Schutt und Asche legte. Das Feuer brach seinerzeit im Hause Steinweg Nr. 5 (heute Sitz der Hypo-Vereinsbank) aus ungeklärten Umständen aus. Um den Wiederaufbau der Vorstadt schnell voranzutreiben, beschloss der Rat der Stadt Coburg dem damaligen Landesherrn, Herzog Wilhelm III von Sachsen, genannt der Tapfere, zu bitten, einen vierten Jahrmarkt zu genehmigen. Durch die Einnahmen sollte das Geld für den Wiederaufbau gewonnen werden. Wilhelm III bestätigte in einer Urkunde vom 17. April 1466 die Abhaltung von drei Jahrmärkten in Coburg und gewährt ihr „…aufdaß sich die Unsern von Coburg ihres vorgenannten Brandschadens desto besser wieder erholen…“ einen vierten Markt. Dieser sollte entweder vor oder nach dem Feiertag Mariä Geburt am 8. September stattfinden.
Dieses Jahr findet er nach dem erwähnten Feiertag statt. Aber anscheinend war dieser Zeitraum schon vorher als Markttag in Gebrauch, denn in der bereits erwähnten Urkunde von 1466 wird dies indirekt erwähnt.Während des 30jährigen Krieges viel der Zwiebelmarkt ab 1633 aus. Erst 1647 wurde er wieder veranstaltet, erstmals unter dem Namen „Zwiebelmarkt“. Später, so scheint es, muss sich der Markt auch in den oberen Teil der Ketschengasse verlagert haben. Es wird nämlich von unzähligen Säcken mit Zwiebeln berichtet, welche die Bürgersteige und Hauseingänge vom Markt bist fast zum Albertsplatz hin versperrten. Ein Durchkommen für Fahrzeuge war da kaum möglich. Feilgehalten wurden die Zwiebeln hauptsächlich von Gärtnern aus Bamberg, Schweinfurt und Hallstadt. Aus diesem Grund werden auch heute noch die Bamberger von den Coburgern als „Zwiebeltreter“ verspottet.
Coburg war allein deswegen ein wichtiger Handelspunkt, da nicht nur die Coburger ihren Jahresvorrat an Zwiebeln hier eindeckten, sondern auch die Thüringer, die in Scharen hier die Zwiebeln aufkauften. Für die Kinder gab es zum Zwiebelmarkt etwas ganz besonderes: Das Süßholz zum Lutschen. Daraus wird bis heute auch Lakritze hergestellt.
Der Zwiebelmarkt entwickelte sich bis 1945 zum bedeutendsten Jahrmarkt des Jahres. Ein Ereignis soll dies belegen. Am Zwiebelmarkttag des Jahres 1906 kam der deutsche Kaiser Wilhelm II nebst Kaiserin Auguste zur Taufe des Erbprinzen Johann Leopold von Sachsen-Coburg und Gotha in die Vestestadt. Man wollte dem Monarchen bei einer Stadtrundfahrt nicht zumuten, durch die beengte und zwiebelduftende Ketschengasse zu fahren und beabsichtigte deshalb den Markt kurzfristig auf den Ketschenanger zu verlegen. Ein heftiger Protest erfasste daraufhin die Vestestadt. Schließlich blieb der Markt an Ort und Stelle und dem Kaiser wurde ein volkstümliches Treiben vorenthalten. Ob es damals ein Kaiserwetter gab, berichten die Chroniken nicht. Denn, so will es die Tradition, muss es am Zwiebelmarkt regnen. Erst dann gibt es die sogenannte „Zwiebelbrüh“, eine Art Dauerregen, der vornehmlich in der ersten September-Hälfte niederging.
Schließlich sollten zwei Faktoren das Ende des alten Zwiebelmarktes besiegeln. Zum einen vertrieb die einsetzende Motorisierung der Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg den Markt aus der Ketschengasse und zum anderen verlor der Markt dadurch an Bedeutung, dass es möglich wurde, Zwiebeln das ganze Jahr über zu kaufen. So fand der letzte traditionelle Zwiebelmarkt im Jahre 1957 statt. Danach wurden alle Jahrmärkte auf den Gemüsemarkt und in den Unteren Bürglaß verbannt. Der Markt diente fortan vornehmlich als Auto-Parkplatz. Erst Anfang der 1980er Jahre kehrte der Zwiebelmarkt wieder zurück auf den Marktplatz. Dort ist er bis heute geblieben.
Seit wenigen Jahren erinnert man sich wieder an die Bedeutung des Zwiebelmarktes, welcher durch Werbemaßnahmen zumindest einen Teil seines alten Glanzes wieder erhalten soll. Wichtig scheint jedoch zu sein, dass der Zwiebelmarkt seine alten Traditionen trotz der Veränderungen der letzten 60 Jahre erhalten hat – und sei es auch nur das regnerische Wetter!
Text: Christian Boseckert
Bildquellen:
Ansichtskarte vom Zwiebelmarkt um 1900 mit Markgeschehen von der Ketschengasse (Sammlung Christian Boseckert)
Der Nadlermeister und Handelsmann Johann Andreas Adami

Nach ihm sind in Coburg ein Berg und eine Straße benannt. Trotzdem weiß kaum jemand etwas über den Namensgeber dieser Fahrwege. Die Rede ist von Johann Andreas Adami. Dieser Blogeintrag will Licht in das Dunkel seines Lebens bringen und geht der Frage nach, warum im Westen der Stadt ein ganzes Areal nach ihm benannt wurde.
Johann Andreas Adami kam am 13. April 1692 in Coburg als Sohn des Nadlermeisters Hans Adami zur Welt. Er verbrachte seine Jugend im Hause Ketschengasse Nr. 19, wo sein Vater einen Handwerksbetrieb führte.

Die Familie Adami stammte ursprünglich aus Luckau in Sachsen, wanderte aber im Jahre 1680 nach Coburg aus.
Der Sohn Johann Andreas führte dort das Nadlergewerbe weiter und bildete sich zum Handelsmann (eine ältere Bezeichnung für einen Kaufmann) weiter. Diese Kombination von Handwerker und Kaufmann war nichts ungewöhnliches. Besonders dieses Gewerbe war eines der ersten, welches bereits im 18. Jahrhundert einer beginnenden Industrialisierung ausgesetzt war. Der Preis- und Konkurrenzdruck, der dadurch auf den Märkten entstand, ließ die Lebensbedingungen für die Nadler schwieriger werden. Um wettbewerbsfähig zu bleiben mussten sie ihre Preise anpassen – in vielen Fällen nach unten hin – oder ergriffen zusätzlich den Kaufmannsberuf, der zusätzliches Geld einbrachte.
Johann Andreas Adami übernahm schließlich 1727 den Betrieb von seinem Vater, der im gleichen Jahr gestorben war. Anscheinend war das Adami´sche Unternehmen zu jener Zeit wirtschaftlich sehr erfolgreich, denn der neue Betriebsinhaber ließ sogleich sein Wohnhaus in der Ketschengasse komplett abreißen und durch ein neues Gebäude ersetzen. Es handelt sich dabei um das Haus, was sich heute noch an dieser Stelle befindet. Aufgrund seines großen Vermögens, welches er durch seinen Betrieb gewann, war es ihm schließlich auch möglich im Jahre 1741 ein großes Gartengrundstück am Kleinen Judenberg, westlich von Coburg, zu erwerben. Die Geschichte dieses Kaufes hat der Chronist Karche in seinen Jahrbüchern niedergeschrieben. Er erzählt dabei die tragische Geschichte des Coburger Tuchmachermeisters Johann Georg Ketschenbach. Dieser war unterwegs von Naumburg zurück nach Coburg, wo er Wollwaren verkaufte. Während eines Aufenthaltes im Vogtland wurde dieses Geld von Unbekannten gestohlen. In dieser Situation sah sich Ketschenbach genötigt seinen Berggarten am Kleinen Judenberg zu verkaufen. Von diesem Ereignis erfuhr auch Johann Andreas Adami. Er setzte sich mit Ketschenbach in Verbindung und erwarb das Grundstück für 360 fl. Kauff- und drei Spechisthaler Gönnegeld. Der Garten am Kleinen Judenberg wurde fortan der Adamigarten genannt und umfasste das Gebiet des heutigen Schnürsgartens. Adami baute in seinem neuen Garten ein kleines Häuschen, das wohl ein Vorgängerbau des heutigen Jean-Paul-Hauses war. Noch neun Jahre sollte das Areal in Adamis Besitz bleiben.

1750 starb Adami während einer Kutschfahrt auf der Rückreise von Leipzig nach Coburg im kleinen Ort Judenbach bei Sonneberg, vermutlich an Herzversagen. Der knapp 58jährige wurde noch an dem gleichen Ort beerdigt. Das Erbe Adamis trat seine Ehefrau Catharina Maria und die gemeinsamen sechs Kinder an. Die Familie Adami bewohnte das Haus in der Ketschengasse noch bis in die 1770er Jahre hinein. Den Adamigarten erhielt im Erbgang die eine Tochter Adamis, Regina Maria, die den herzoglichen Hoftrompeter Georg Gotthold Waldsachs geheiratet hatte. Dieser gründete dort 1774 den ersten Coburger Biergarten Das ist jedoch eine andere Geschichte. Der Name des Adamigartens wurde jedoch in der Folgezeit auf den ganzen Berg übertragen. So wurde aus dem Kleinen Judenberg der Adamiberg. Diese erst mündliche Bezeichnung übernahm die Stadt Coburg im Jahre 1861 auch offiziell, als sie unterhalb des Berges die Adamistraße anlegte. Die Namensgebung blieb bis heute unverändert.
Text:
Christian Boseckert
Bildquellen:
Bild 1: Die Westseite des heutigen Adamibergs mit dem Schnürs Pavillion (Foto: Christian Boseckert, 2010)
Bild 2: Das Wohnhaus Adamis in der Ketschengasse Nr. 19, von ihm 1727 erbaut. (Foto: Christian Boseckert, 2010)
Bild 3: Die Südseite des heutigen Adamiberges (Foto: Christian Boseckert, 2010)
Coburger Bankhäuser, Teil 2
Eines der markantesten Bankgebäude Coburgs ist der ehemalige Sitz der Coburger Bank am Theaterplatz. Es mag viele überraschen, dass dieses Grundstück erst vor knapp 200 Jahren bebaut wurde. Dennoch bietet es eine umfangreiche Geschichte, deren Inhalt Gegenstand des heutigen Blogeintrages sein wird.
Anstelle des ehemaligen Stadtgrabens am Spitaltor errichteten in den Jahren 1816/17 der Bauinspektor Johann Adam Koch und der Geheime Rat Johann Friedrich Carl von Griesheim eine großzügige Stadtvilla im Biedermeierstil. Das neue Gebäude war ein Doppelhaus mit einem Eingang an der Kleinen Mauer und einem Eingang in der Georgengasse. Diese Zweiteilung spiegelt sich heute noch an der Adresse des Hauses, die Theaterplatz Nr. 10 und 11 lautet, wieder. Beide Häuserteile sahen im Laufe des 19. Jahrhunderts vornehmer Besitzer. So finden sich für das Gebäude Theaterplatz Nr. 10 die Herzogin Luise von Sachsen-Coburg und Gotha (1824-25), die Frau Oberforstmeisterin Amalie von Wangenheim (1825-44) und der Justizrat Philipp Braun (1844-63) als Hauseigentümer erwähnt. Das Häuserteil Theaterplatz Nr. 11 blieb indes bis 1843 im Besitz der Familie von Griesheim und gelangte danach in den Besitz der Kaufmannswitwe Friederike Schöner (1844-71) und des Musikdirektors Carl Julius Abt (1871-89).
Der ursprüngliche Charakter des Gebäudes als reines repräsentatives Stadthaus ging schließlich im Jahre 1879 verloren. Damals erwarb der Restaurateur und Hoflieferant Theodor Herold das Anwesen Nr. 10 und richtete dort eine Weinhandlung mit eigenem Ausschank ein. Die Weinstube Herold, die vorher im Landestheater untergebracht war, galt als eine vornehme Einkehrmöglichkeit für Theaterbesucher und der vornehmen Coburger Bürgerschicht.
Die Weinstube existierte bis zum Tode Theodor Herolds im Jahre 1889. Das Haus kam daraufhin in den Besitz seines Sohnes Theodor Alphons Herold, der als Hotelier in Wien tätig war. Er erwarb 1889 noch das Nachbarhaus Nr. 11 und war damit der erste, dem der gesamte Häuserkomplex am Theaterplatz alleine gehörte.
Herold vermietete die Gebäude in der Folgezeit. So war auch um die Jahrhundertwende das amerikanische Konsulat für eine kurze Zeit in dem Haus untergebracht.
1904 verkaufte Herold die beiden Gebäude an den Architekten August Berger und an die Spar- und Vorschuss-Bank GmbH, einem Vorgänger-Institut der Coburger Bank. Damit begann die lange Geschichte des Gebäudes als Bankhaus. Das Bausubstanz des Gebäudes allerdings hatte mit den Jahren gelitten und entsprach nicht mehr den Vorstellungen eines repräsentativen Bankgebäudes. Auch verlangte das herzogliche Ministerium eine Neugestaltung des Hauses zur Aufwertung des Theaterplatzes. Grund hierfür war die Einweihung des Prinz-Josias-Denkmals im Jahre 1911. Aus diesen Gründen erwarb die Vereinsbank Coburg GmbH, wie die Spar- und Vorschussbank seit 1909 hieß, im Jahre 1910 den anderen Teil des Hauses und baute ihn zusammen mit ihrem Stammsitz zu einem repräsentativen Gebäude um. Aber auch dies war keine endgültige Lösung.
Schließlich erfolgte inmitten des Ersten Weltkrieges 1915 der Abbruch des Gebäudekomplexes. Die beiden Chemnitzer Architekten Alfred Zapp und Erich Basarke errichteten schließlich bis 1917 ein neuklassizistisches Bankgebäude. Zur Erinnerung an die teilweise recht schwierigen Verhältnisse während der Bauphase, wurde an der Ecke zur Georgengasse hin vom Bildhauer Bruno Ziegler ein Gedenkstein errichtet, der von einem Reiter bekrönt ist. Diesen Stein kann man noch heute am Gebäude sehen.
1934 wurde das Gebäude Sitz der Coburger Bank eGmbH, die aus einer Fusion zwischen der Vereinsbank und der Coburg-Gothaischen Bank AG entstand. Über 70 Jahre blieb dieses Kreditinstitut am Theaterplatz bestehen. Es erfolgten Umbauten im Inneren des Hauses und einige Veränderungen an der Hausfassade.
2006 schließlich fusionierte die Coburger Bank mit der VR-Bank Coburg-Rennsteig eG zur VR-Bank Coburg. In der Folgezeit wurde das Bankgebäude am Theaterplatz völlig umgebaut auch die Außenfassade erhielt durch die Vergrößerung der Schaufenster und der Entfernung der Eingangstreppe ein völlig neues Gesicht.
Heute befindet sich in dem Räumen eine Filiale der VR-Bank. So bleibt die seit 1904 andauernde Bankhaus-Tradition auch für die Zukunft erhalten.
Text: Christian Boseckert
Bild 1: Das Bankgebäude Theaterplatz 10/11 im Jahre 2010 (Foto: Christian Boseckert)
Bild 2: Der umgebaute Vorgängerbau der Vereinsbank Coburg mit dem Prinz-Josias Denkmal um 1913 (Sammlung Christian Boseckert)
Bild 3: Das Bankgebäude der Coburger Bank um 1930 (Sammlung Christian Boseckert)
Bild 4: Gedenkstein zur Errichtung des Gebäudes an der Ecke zur Georgengasse (Foto: Christian Boseckert, 2010)
Bild 5: Architektonische Impressionen (Foto: Christian Boseckert, 2010)
Das Café Herold
Der heutige Blogeintrag führt uns in die Bahnhofstraße. Dort, an der Ecke zur Seifartshofstraße, befindet sich mit dem Café Filou eines der schönsten Lokalitäten Coburgs. Auch das Haus mit seinem neuklassizistischen Stil und der davor liegende Biergarten tragen viel zu diesem Flair bei. Umso interessanter ist es die Geschichte des Hauses genauer unter die Lupe zu nehmen.
Noch um 1850 standen an dieser Stelle vier kleine Wohnhäuser, in denen Tagelöhner oder Handwerksknechte (Vorläufer der heutigen Gesellen) lebten. Diese Gebäude gehörten zur Seifartshofstraße, die damals schon als Feldweg existierte. Nur der Anfang dieser Weges war seinerzeit bebaut. Ansonsten säumten Äcker und Wiesen, welche von Coburger Bauern bewirtschaftet wurden, den Weg. Das gleiche gilt für die Bahnhofstraße, die man 1861 als neue Zufahrt zum Bahnhof anlegte. Durch den Bau dieser Straße wurden die dort angrenzenden Felder zum Bauland.
Einer der ersten, der dort ein Stück Land erwarb, war der Baumeister August-Friedrich Franke. Er erhielt das Kopfgrundstück zwischen der neuen Bahnhof- und der Seifartshofstraße, dort wo heute eben das Haus Bahnhofstraße 11 steht. Der gebürtige Saalfelder war in jener Zeit häufig als Baumeister in Coburg beschäftigt. So stammen aus seinen Entwürfen die u.a. Häuser Albertsplatz 6, Löwenstraße 13 sowie mehrere Anwesen in der Bahnhof- und Lossaustraße.
Für sich selbst und seine Familie errichtete er im Jahre 1867 das Wohnhaus Bahnhofstraße 11. Franke war somit Architekt und Bauherr in einer Person. Ursprünglich befand sich in dem Gebäude kein Geschäft. Dies änderte sich erst später. August-Friedrich Francke indes verlebte hier im Kreise seiner Familie seine schönsten Jahre. Er starb 1885 im Alter von 61 Jahren. Das Grundstück ging im Erbgang an seine Ehefrau Luise und nach deren Tod im Jahre 1909 an die gemeinsamen Kinder. Diese verkauften 1912 das Haus an den Konditormeister Albert Herold. Damit war der Grundstein für die gastronomische Nutzung des Hauses gelegt.
Herold baute das Erdgeschoss komplett um, errichtete an der Seite zur Seifartshofstraße einen neuen Backofen in Form eines Turmes und eröffnete neben einer Bäckerei auch ein Café. Der Vorgarten wurde zeitgleich zu einem Cafégarten umfunktioniert. 1924 erfolgte ein Sortimentwechsel hin zu einer Konditorei.
Albert Herold betrieb die Konditorei samt Café bis zu seinem Tod im Jahre 1945. Seine Witwe Kunigunde verpachtete daraufhin das Lokal. Erster Pächter war eine Familie Reinhardt. 1953 übernahm der Bäckermeister Max Treuner das Café und erhielt für dieses die volle Schanklizenz. Das bedeutete, dass dort auch Bier ausgeschenkt werden durfte. Unter dem Namen „Café Herold“ betrieb das Treuner das Geschäft noch bis in die 1970er Jahre hinein weiter.
Danach wurde das Café aufgegeben und das Lokal zu einer Speisegaststätte umgebaut. Vornehmlich gab es hier ein jugoslawisches und italienisches Spezialitätenrestaurant. 1983 fand sich hier die Pizzeria „Rimini“, die dann später in „Athena“ umbenannt wurde. Es ist zu bemerken, dass die Pächter dieser Gaststätten häufig wechselten. Dies änderte sich erst zu Anfang der 1990er Jahre. Nach einem erneuten Umbau eröffnete dort das Café Filou, dass sich zu einem beliebten Studenten- und Jugendtreff mauserte. Auch ältere Coburger genießen es, im Schatten des Biergartens zu sitzen und zu kleinen Speisen etwas zu trinken.
Text: Christian Boseckert
Bildquellen:
Foto 1: Das Café Filou, S.Peter 2010
Foto 2: Der Backofen-Anbau, Christian Boseckert, 2010
Ein scharfes Eck
Verkehrsprobleme hat es durch die Jahrhunderte schon immer gegeben und sind nicht erst in der Neuzeit durch den Autoverkehr entstanden. Nein, schon früher als man mit Pferden und Kutschen sich fortbewegte hat es diese Art von Problemen gegeben. Eines dieser Verkehrsprobleme was vor 130 Jahren Coburg erregte und schon längst gelöst wurde, soll heute das Thema sein. Es geht um die Kreuzung Judengasse/Viktoriastraße/Löwenstraße. Heute ist sie ein Bestandteil der so genannten Westtangente und eine der verkehrsreichsten Kreuzungen Coburgs. Im 19. Jahrhundert befand sich hier eine der gefährlichsten Engstellen der Stadt. Wie eng es dort zuging, zeigt eines der hier veröffentlichten Bilder.
An der Stelle der heutigen Löwenapotheke stand ein einfaches Wohnhaus das weit in die Viktoriastraße hineinragte. Diese war einst sehr schmal und bei trockenem Wetter sehr staubig und nach einem Regenguss eine Moraststraße. Das Haus welches in die Viktoriastraße hineinragte, war ein schmuckloses breit dahingelagertes Gebäude, als dessen einzige Zierde man die angemalte Firma “P. Eichmüllers + Sanitäts-Bazar” ansehen konnte. Um 1903 wurde der Bau abgerissen und Peter Eichmüller verlegte sein Sanitäts- und Parfümeriegeschäft in das Haus Judengasse 54, welches ebenfalls auf dem Foto zu sehen ist und dort bis 1955 existierte.
Wie gefährlich diese Engstelle war, ist auch recht gut zu erkennen, vor allem wenn man von der Judenbrücke in die Viktoriastraße einbiegen wollte. So kam es in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts zu einem “folgenschweren Unfall”, der sich bis heute in das Gedächtnis der Coburger eingeprägt hat und in den Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha verwickelt war.
Dieser wollte man einem Vierergespann von der Viktoriastraße in Richtung Judenbrücke fahren, streifte dabei das Haus. Der Herzog, ein volkstümlicher Monarch der die Sprache der einfachen Leute sprach, erregte sich über dieses Malheur so sehr, dass er laut forderte man möge dieses “Scheißhaus” abreißen. Seither hatte dieses Gebäude diesen Spitznamen, sehr zum Leidwesen des damaligen Hausbesitzers dem Buchdruckermeister Bastel und weil er sich selbst zu den höher stehenden Bürgern Coburgs zählte (im Volksmund hieß er Graf Lytho) fühlte er sich durch den Kraftausdruck des Herzogs besonders gekränkt. Nun beide haben den Abriss des Hauses nicht mehr erlebt. 1904 errichte hier der Architekt Otto Leheis ein neues Jugendstilhaus, welches es zusammen mit dem Hause Judengasse 54 und dem Portikusbau des Ernst-Alexandrinenbades noch heute ein schönes Jugendstilensemble bildet.
Durch diesen Neubau konnte nun die Viktoriastraße verbreitert werden, wozu auch der Biergarten der Gaststätte Bauer (Judengasse 39) beitrug, der um ein Stück verkleinert wurde. Wie sehr diese Veränderung nötig war, kann man heute täglich sehen. Unfälle konnten jedoch durch diese Maßnahme nicht verhindert werden. So kam es zuletzt dort 1996 zu einem tödlichen Unfall, wobei ein Motorradfahrer von einem Auto überfahren wurde und starb.
Vieles hat sich an dieser Kreuzung in den letzten hundert geändert. Häuser sind abgerissen und wieder aufgebaut worden. Zusätzlich wurde hier 1978 eine Verbindung zur Lossaustraße gebaut die die Umgebung maßgeblich veränderte. Möge man die verbliebenen alten Gebäude erhalten und sie nicht dem Verkehr opfern.
Text: Christian Boseckert
Bildquellen 1
Bild 1: Die Ecke Viktoriastraße/Judengasse um 1900 (Sammlung: Historische Gesellschaft Coburg)
Bild 2: Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha (Foto: Eduard Uhlenhuth, Sammlung Boseckert)
Bild 3: Die Kreuzung heute (Foto: Christian Boseckert, 2010)










