Spuren jüdischen Lebens in der Judengasse
Beschäftigt man sich mit der Geschichte des Mittelalters, so stellt man fest, dass Menschen jüdischen Glaubens oft verfolgt, ausgegrenzt und getötet worden sind. Der traurige Höhepunkt dieser Verfolgung sollte aber erst im 20.Jahrhundert sein. Darum soll es heute aber nicht gehen, sondern um die Lebensweise der jüdischgläubigen Menschen im Mittelalter, speziell in Coburg. Dabei darf man die äußeren Gegebenheiten, wie sie oben genannt werden, nicht außer Acht lassen.

Siedlungsplatz der Coburger Juden im Spätmittelalter bzw. Frühe Neuzeit (Zeichnung Christian Boseckert)
Die ersten Hinweise auf jüdisches Leben in Coburg findet man bereits Mitte des 13.Jahrhunderts. Wo sie damals in Coburg lebten, weiß man heute nicht mehr. Erst ab 1350 dürften sich die Juden den Bereich der unteren Judengasse angesiedelt haben. 1382 werden erstmals vier jüdische Haushalte erwähnt. 1418 sind es bereits neun jüdische Haushalte. Es scheint eine Zeit der Blüte und der Nichtverfolgung gewesen sein. 1393 wird erstmals eine Synagoge erwähnt, die man in der Nähe des Judentores suchen muss. Eine genaue Ortsangabe ist leider nicht möglich. In dieser Zeit entstand auch eines der frühesten Zeugnisse jüdischen Glaubens, ein Pentateuch (besteht aus den fünf Büchern Moses), dass 1395 in Coburg, in hebräischer Handschrift verfasst wurde. In diesem Buch ist auch eine Wehranlage illustriert, die vermutlich die Veste Coburg darstellt. Damit wäre es die älteste, bekannte Darstellung der Veste. Dieser Pentateuch befindet sich heute im Besitz des Britischen Museums in London. Entdeckt wurde diese Kostbarkeit 1979 von Frau Helen Gutman, einer ehemaligen Coburgerin, die wegen ihres jüdischen Glaubens in die USA emigrierte.
1413 erlaubt Markgraf Wilhelm von Meißen seinen jüdischen Untertanen in Coburg, die Anlegung eines Friedhofs. Dieser Friedhof lag zwischen der unteren Judengasse, der Walkmühlgasse und dem Hahnfluss. Beim Neubau des Hauses Judengasse 50 (heute Mutter-Kind-Cafe “Der kleine Muck” ) im Jahre 1896, entdeckte man dort menschliche Knochenreste und eine jüdische Grabplatte.
Aber bereits nach 1413 deutete sich bereits die nächste Judenverfolgung an. Der Chronist Karche berichtet “1422 wurde den Juden der Aufenthalt zu Coburg vom Bischof Johannes zu Würzburg verboten und den Christen aller Umgang mit ihnen untersagt. Zum Kennzeichen mussten die Juden ein rotes Schild an der Brust tragen.”
Und so dürften bis 1447 alle Juden aus Coburg vertrieben worden sein, da zu diesem Zeitpunkt in den Chroniken erwähnt wird, dass durch eine Verfügung des Herzogs Wilhelm von Sachsen die Coburger Synagoge in eine christliche Kirche umgewandelt werden soll. Mit einer großen Spende eines Coburger Bürgers konnte diese Umwandlung vollzogen und die neue Kirche der heiligen Maria geweiht werden. Wie lange diese Marienkirche existierte oder wann sie abgerissen wurde, wissen wir ebenfalls nicht.
Erst ab 1533 haben sich Juden wieder in Coburg angesiedelt. Im Jahre 1880 zählt man bereits 210, und im Jahre 1925 sogar 316 jüdische Glaubensangehörige. Seit 1873 gab es auch wieder eine Synagoge, die in der St. Nikolauskapelle untergebracht war. Ein jüdischer Friedhof wurde 1874 auf dem Gelände des neuen Friedhofs auf dem Glockenberg angelegt.
Heute ist all dies Geschichte, denn seit den Verfolgungen durch die Nationalsozialisten von 1933 bis 1945 gibt es keine jüdische Gemeinde in Coburg mehr. Übrig geblieben sind die oben genannten Fragmente, die die Stürme der Zeit überdauert haben. Und natürlich erinnern die Judengasse und das Judentor an das mittelalterliche Siedlungsgebiet an sie.
Text: Christian Boseckert
Bildquellen:
Bild 1: Siedlungsplatz der Coburger Juden im Spätmittelalter bzw. Frühe Neuzeit (Zeichnung Christian Boseckert)
Bild 2: Kapelle St.Nikolaus in der Ketschendorfer Straße (Foto: © S.Peter)
Bild 3: Inschrift über dem Eingang der St.Nikolaus Kapelle, Ps 118,20 (Foto: © S.Peter)
Ein scharfes Eck
Verkehrsprobleme hat es durch die Jahrhunderte schon immer gegeben und sind nicht erst in der Neuzeit durch den Autoverkehr entstanden. Nein, schon früher als man mit Pferden und Kutschen sich fortbewegte hat es diese Art von Problemen gegeben. Eines dieser Verkehrsprobleme was vor 130 Jahren Coburg erregte und schon längst gelöst wurde, soll heute das Thema sein. Es geht um die Kreuzung Judengasse/Viktoriastraße/Löwenstraße. Heute ist sie ein Bestandteil der so genannten Westtangente und eine der verkehrsreichsten Kreuzungen Coburgs. Im 19. Jahrhundert befand sich hier eine der gefährlichsten Engstellen der Stadt. Wie eng es dort zuging, zeigt eines der hier veröffentlichten Bilder.
An der Stelle der heutigen Löwenapotheke stand ein einfaches Wohnhaus das weit in die Viktoriastraße hineinragte. Diese war einst sehr schmal und bei trockenem Wetter sehr staubig und nach einem Regenguss eine Moraststraße. Das Haus welches in die Viktoriastraße hineinragte, war ein schmuckloses breit dahingelagertes Gebäude, als dessen einzige Zierde man die angemalte Firma “P. Eichmüllers + Sanitäts-Bazar” ansehen konnte. Um 1903 wurde der Bau abgerissen und Peter Eichmüller verlegte sein Sanitäts- und Parfümeriegeschäft in das Haus Judengasse 54, welches ebenfalls auf dem Foto zu sehen ist und dort bis 1955 existierte.
Wie gefährlich diese Engstelle war, ist auch recht gut zu erkennen, vor allem wenn man von der Judenbrücke in die Viktoriastraße einbiegen wollte. So kam es in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts zu einem “folgenschweren Unfall”, der sich bis heute in das Gedächtnis der Coburger eingeprägt hat und in den Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha verwickelt war.
Dieser wollte man einem Vierergespann von der Viktoriastraße in Richtung Judenbrücke fahren, streifte dabei das Haus. Der Herzog, ein volkstümlicher Monarch der die Sprache der einfachen Leute sprach, erregte sich über dieses Malheur so sehr, dass er laut forderte man möge dieses “Scheißhaus” abreißen. Seither hatte dieses Gebäude diesen Spitznamen, sehr zum Leidwesen des damaligen Hausbesitzers dem Buchdruckermeister Bastel und weil er sich selbst zu den höher stehenden Bürgern Coburgs zählte (im Volksmund hieß er Graf Lytho) fühlte er sich durch den Kraftausdruck des Herzogs besonders gekränkt. Nun beide haben den Abriss des Hauses nicht mehr erlebt. 1904 errichte hier der Architekt Otto Leheis ein neues Jugendstilhaus, welches es zusammen mit dem Hause Judengasse 54 und dem Portikusbau des Ernst-Alexandrinenbades noch heute ein schönes Jugendstilensemble bildet.
Durch diesen Neubau konnte nun die Viktoriastraße verbreitert werden, wozu auch der Biergarten der Gaststätte Bauer (Judengasse 39) beitrug, der um ein Stück verkleinert wurde. Wie sehr diese Veränderung nötig war, kann man heute täglich sehen. Unfälle konnten jedoch durch diese Maßnahme nicht verhindert werden. So kam es zuletzt dort 1996 zu einem tödlichen Unfall, wobei ein Motorradfahrer von einem Auto überfahren wurde und starb.
Vieles hat sich an dieser Kreuzung in den letzten hundert geändert. Häuser sind abgerissen und wieder aufgebaut worden. Zusätzlich wurde hier 1978 eine Verbindung zur Lossaustraße gebaut die die Umgebung maßgeblich veränderte. Möge man die verbliebenen alten Gebäude erhalten und sie nicht dem Verkehr opfern.
Text: Christian Boseckert
Bildquellen 1
Bild 1: Die Ecke Viktoriastraße/Judengasse um 1900 (Sammlung: Historische Gesellschaft Coburg)
Bild 2: Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha (Foto: Eduard Uhlenhuth, Sammlung Boseckert)
Bild 3: Die Kreuzung heute (Foto: Christian Boseckert, 2010)
Als die “Goldene Traube” noch in der Judengasse war
Das jetzige Romantik- und Drei-Sterne-Hotel „Goldene Traube“ am Viktoriabrunnen hatte seine Ursprünge u.a. in der Judengasse. Dort gehen sie auf das Jahr 1727 zurück. Im Häuserbuch von Ernst Cyriaci heißt es dazu, dass der Besitzer des Anwesens Judengasse 13 in Coburg, der Metzgermeister Paul Düsel, in jenem Jahr das Schild „Zur Weintrauben“ vom Hochfürstlichen Rat und Leibmedikus Dr. Carl Christian Xylander aus der Ketschengasse Nr. 5 erhielt. Dort befand sich seit mindestens 1536 eine Gaststätte die den Namen „Zum Roten Krebs“ trug und später dann in „Zur Weintrauben“ umbenannt wurde.
Erster Inhaber des Gasthauses war ein Georg Bachenschwanz. Später, im 20. Jahrhundert, war dort der alte Coburger Ratskeller zu finden. Ob sich in dem Gebäude in der Judengasse bereits vorher eine Lokalität etablierte, ist nicht bekannt. Sicher ist nur, dass Paul Düsel der erste „Traubenwirt“ in der Judengasse war. Er führte das Haus bis 1739. In diesem Jahr übernahm dessen Schwiegersohn, der Metzgermeister Johann Georg Rögner, den Gasthof. Ihm folgten zahlreiche Gastronomen, die sich alle nacheinander, nicht lange halten konnten.
Für eine längere Phase trug nur die Familie Bärmann, von 1766 bis 1782 die Verantwortung für das Gasthaus. In jener Zeit war die „Goldene Traube“ nur ein einfacher Gasthof mit Fremdenzimmer und einer angeschlossenen Metzgerei – kein Vergleich mit dem heutigen Hotel. Die häufigen Besitzerwechsel endeten erst im Jahre 1792, als der Metzgermeister Johann Georg Mönch das Haus käuflich erwarb. Mit der Familie Mönch begann auch der Aufstieg der „Goldenen Traube“ vom Gasthof zu einem erstklassigen Hotel. Gleichzeitig war Johann Georg Mönch der Stammvater einer für Coburg bedeutenden Familie.
Sein Sohn Martin Christian Mönch eröffnete im Jahre 1832, ebenfalls in der Judengasse, im Haus Nr. 18 gegenüber, welches der Vater 1826 käuflich erwarb, ein Lebensmittelgeschäft, das unter dem Namen „M. C. Mönch“ bis in die jüngste Gegenwart existierte und das für seine Delikatessen nicht nur in Coburg sondern in ganz Deutschland bekannt war. Die beiden anderen Söhne Georg und Andreas Mönch führten den väterlichen Betrieb gemeinsam weiter. Das Haus indes hatte Johann Georg Mönch schon zu Lebzeiten an seinen Schwiegersohn Johann Georg Schultheiß verkauft. Als dieser starb, erbte dessen Ehefrau Helene Margaretha Schultheiß, geb. Mönch das Anwesen. Da das Ehepaar Schultheiß keine Erben aufweisen konnte, ging die „Goldene Traube“ im Erbgang wieder an den Bruder Georg Mönch zurück. Doch lange konnte sich Georg Mönch an seinem Besitz nicht erfreuen. Er starb 1859 im Alter von 62 Jahren.
Neuer Wirt und Hausbesitzer wurde dessen Sohn Christian Mönch, der damals gerade mal 28 Jahre alt war. Ihn kann man aus heutiger Sicht, als Vater des Hotels „Goldene Traube“ bezeichnen, denn er verfolgte ehrgeizige Pläne mit seinem Besitz. Bereits ein Jahr nach dem Tode seines Vaters, im Jahre 1860, ließ er den alten Gasthof abreißen und an dessen Stelle, vom Architekten Paul Gehrlicher ein Hotelgebäude im neugotischen Stil errichten. Bei diesem Neubau wurde die Metzgerei aufgegeben. Von der alten „Traube“ erhielt sich im Album des Coburger Bauinspektors Jakob Lindner eine Zeichnung. Sie ist identisch mit einer Beschreibung aus dem Jahre 1706. Dort wird von einem Gebäude mit zwei Stockwerken, drei Stuben, einem Gewölbe und einem Keller gesprochen. Einen zusätzlichen Bierkeller besaß die „Traube“ am Plattenäcker. In den folgenden Jahren boomte die „Goldenen Traube“ regelrecht. Bereits 1862 musste Christian Mönch anbauen. Er ließ zusätzlich zu dem eigentlichen Hotel auf seinem Grundstück ein Hinterhaus und vier Jahre später, im Jahre 1866 eine Wagenremise errichten. Ferner erwarb Mönch die Konzession für eine Posthalterei in Coburg, welche dem Gasthof noch zusätzlich aufwertete und durch die er drei Postillione einstellen konnte. Dass die „Goldene Traube“ bereits zu dieser Zeit einen hohen Stellenwert besaß, zeigt der von Rudolf Genée im Jahre 1866 herausgebrachte Fremdenführer „Stadt und Veste Coburg nebst Umgebung“. In diesem Führer wird ausdrücklich der Gasthof in der Judengasse als eines der besten Gast- und Logierhäuser Coburgs, neben dem Hotel Leuthäuser in der Spitalgasse oder dem Gasthof „Grüner Baum“ am Markt erwähnt.
Auch bei der einheimischen Kundschaft war die „Goldene Traube“ sehr beliebt. Dazu trug sicherlich auch der Sommergarten bei, der hinter dem Haus angelegt worden war. Hier konnten die Coburger Bürger bei Musik und Tanz der hiesigen Stadtkapelle vergnügt ihr Bier unter schattigen Bäumen im Freien trinken. Bei schlechtem Wetter stand sogar ein Gartensaal zur Verfügung, der später dann dem Hotelneubau am Viktoriabrunnen weichen musste. Desweiteren existierte im Traubegarten seit 1853 eine Kegelbahn, die von Georg Mönch noch errichtet wurde. Auch der Ausblick von diesem Sommergarten war zu jener Zeit herrlich. Das Grundstück reichte im Westen bis zur heutigen Viktoriastraße, die damals noch kaum bebaut war. Im Süden grenzte das Anwesen an den Viktoriabrunnen. An der Nordseite grenzten die kleinen, zweistöckigen Häuschen der Kleinen Judengasse an den „Traubegarten“ an. Die Zufahrt zu diesem Gesellschaftsgarten erfolgte über die Viktoriastraße. Erst später wurde dieser Weg an den Viktoriabrunnen verlegt. Dort ist er noch, zwischen dem ehemaligen Gebäude der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) und dem heutigen Hotelkomplex der „Goldenen Traube“ zu erkennen. Christian Mönch verkaufte im Jahre 1868 das Anwesen an den Coburger Hotelier Albert Stedtenfeld für 45.500 Gulden. Er selbst erwarb daraufhin das ehemalige Wohnhaus des Barons Christian von Stockmar in der Webergasse Nr. 21, wo er, zusammen mit seinem Sohn Leopold Mönch, seine Posthalterei weiter betrieb und wo heute noch die Nachfahren der Familie Mönch dort leben.

Ehemaliger Bier-und Gesellschaftsgarten der "Goldenen Traube Richtung Viktoriastraße, gegenwärtiger Zustand (Foto: Christian Boseckert)
Unter Stedtenfeld blieb die „Goldene Traube“ auch weiterhin eine gut besuchte Lokalität. Bereits im Jahre 1873 musste er das Hotel um ein neues Logierhaus erweitern. Dieses Gebäude entstand auf dem Gelände des „Traubegartens“ wofür der schöne Sommergarten merklich verkleinert wurde. Noch heute können wir diesen Anbau von Albert Stedtenfeld sehen. Er gehört immer noch zum Hotel und beherbergt im Erdgeschoss seit einigen Jahren das Lokal „Weinstübla“. Ein besonderer Kundendienst der „Traube“ war der Omnibus, wie er in einem Inserat genannt wurde. Das war eine geschlossene Kutsche mit seitlich gepolsterten Bänken. Die Fahrgäste stiegen von hinten ein. Nachdem er die Türe geschlossen hatte, setzte sich der Hoteldiener auf den Kutschbock, knallte mit der Peitsche, worauf das vorgespannte Pferd das Gefährt in Bewegung setzte. Der „Omnibus“ holte mehrmals am Tage die Gäste vom Coburger Bahnhof ab und fuhr sie wieder dorthin. Der Coburger Heimatforscher Ernst Eckerlein, aufgewachsen in der unteren Judengasse, erinnerte sich in seinen Geschichten aus der Coburger Heimat noch gut daran, das in seiner Kinderzeit dieser „Omnibus“ vom Bahnhof zur „Goldenen Traube“ verkehrte. Ein weiterer Beleg über diese „Omnibusfahrten“ existiert im Coburger Stadtarchiv. Dort hat sich eine Rechnung an den Coburger Sängerkranz erhalten, der im Jahre 1862 eine Fahrt mit dem „Omnibus“ der Goldenen Traube nach Schloss Callenberg unternahm. Der Gastronom Christian Mönch stellte damals die Hin –und Rückfahrt dem Gesangsverein in Rechnung. Heute reisen die Gäste in Reisebussen und eigenen Autos an, was ein Beleg dafür ist, wie sehr sich die Zeit verändert hat.

Der 1873 errichtete Neubau der "Goldenen Traube" Richtung Viktoriastraße (Foto: Christian Boseckert, 2009)
Kamen die Hotelgäste vor dem Haus in der Judengasse an, wurden sie mit einem roten Teppich, der vor dem Eingang lag, begrüßt. Zur Zierde stellte man zusätzlich vor dem Hotelgebäude fünf Lorbeerbäume auf. Auf alten Fotographien sind diese Bäumchen noch zu sehen. Im Foyer des Hotels lagen für die Gäste, aber auch für die Einheimischen, diverse Zeitungen zum lesen und schmökern bereit. Zu jener Zeit war der Beruf des Zeitungsausträgers noch recht unbekannt und so mussten die Leute in Buchhandlungen oder in Hotel-Lobbys gehen, um eine Zeitung überhaupt lesen zu können. Nach Albert Stedtenfelds Tod, der dem Hotel auch eine Weinhandlung angeschlossen hatte, erbte sein Sohn Oskar, ebenfalls Hotelier von Beruf, das Anwesen. Im Coburger Adressbuch von 1897 ist er noch als Hauseigentümer eingetragen. Doch im selben Jahr verkaufte er das Anwesen an den Kaufmann und Fabrikanten Gustav Müller, der es nur wenig später an den Hotelier Fritz Götze weiter veräußerte. Unter Götze erreichte die Auslastung des Hotels ihren Höhepunkt, so dass auch er gezwungen war anzubauen. Doch die Lage des Gebäudes in der Judengasse ließ eine weitere Ausdehnung nicht mehr zu.
Da entschloss sich Götze an der Südseite seines Anwesens, am Viktoriabrunnen entlang, ein völlig neues Hotelgebäude zu errichten. Dafür wurde der Sommergarten nun endgültig aufgelöst und der Gartensaal abgerissen. Unter dem Gothaer Architekten Richard Klepzig entstand nun ein großes, mehrstöckiges Hotel im seinerzeit vorherrschenden Jugendstil mit vielen Salons, Gästezimmern und Lokalen. Dies entsprach dem Repräsentationsbedürfnis der damaligen Zeit. Im Jahre 1906 war das neue Haus fertig gestellt. Das alte Hotelgebäude in der Judengasse hatte nun ausgedient. Diesen Grundstücksteil verkaufte Fritz Götze schließlich an seinen Nachbarn, den Blechschmiedemeister Samuel Spanaus, vom Haus Judengasse 15. Damit endete die Geschichte der „Goldenen Traube“ in der Judengasse, doch die Erfolgsgeschichte konnte in ihrem neuen Domizil am Viktoriabrunnen fortgeschrieben werden. Glücklicherweise zeugen noch heute das alte Hotelgebäude, in dem gegenwärtig das Spielwarengeschäft Schleier seine Heimat gefunden hat, und der Stedtenfeld´sche Anbau von dieser Zeit. Lediglich vom Garten ist heute nichts mehr zu sehen. Die gegenwärtigen Hotelbesitzer, die Familie Glauben, haben ihn jedoch, als Sommerterrasse des „Weinstübla“ in bescheidenen Verhältnissen wieder reaktiviert. Die Familie Götze blieb bis 1926 im Besitz des Hotels.
Text:
Christian Boseckert
Bildquellen:
Bild 1: Das Haus Judengasse 13 heute (Foto: Christian Boseckert, 2009)
Bild 2: Ehemaliger Bier-und Gesellschaftsgarten der “Goldenen Traube Richtung Viktoriastraße, gegenwärtiger Zustand (Foto: Christian Boseckert)
Bild 3: Der 1873 errichtete Neubau der “Goldenen Traube” Richtung Viktoriastraße (Foto: Christian Boseckert, 2009)
Bild 4: Der Neubau des Hotel “Goldene Traube” um 1920, Quelle: Sammlung S.Peter
Die Brunnen in der Judengasse
Die Coburger Innenstadt besaß in der Vergangenheit eine Vielzahl von Brunnenanlagen, die mit der Zeit, aufgrund des zunehmenden Straßenverkehrs, entfernt werden mussten. Der Coburger Chronist Karche erwähnt im 18. Jahrhundert das zu dieser Zeit 29 Brunnen im Bereich der Innenstadt existierten. Eine Straße, die heute „brunnenfrei“ ist, aber einst zahlreiche solcher Anlagen aufweisen konnte ist die Judengasse. Dieser Beitrag soll auf die Suche nach den Brunnen gehen, wo sie gestanden haben und wie sie vielleicht aussahen.
Unsere Reise beginnt dabei direkt am Judentor. Vor dem gegenüberliegenden Haus Judengasse Nr.11, indem heute sich der Netto-Supermarkt befindet, stand einst ein Ziehbrunnen, der vom Grundwasser gespeist wurde. Er wird erstmals im Jahre 1440 erwähnt. In seinem Brunnenverzeichnis vom Jahre 1700 weist der Chronist Hönn ebenfalls auf einen Brunnen direkt vor dem Judentor hin. Später wurde offenbar aus dem Ziehbrunnen ein Pumpbrunnen, denn bei dem Chronisten Karche, den wir bereits oben genannt haben, heißt es, dass die Hochwasser der Jahre 1760 und 1764 bis zu dem „Pumpenbrunnen bei dem Bäckerhaus am Judenturm“ reichten. Mit dem Bäckerhaus ist das Haus Nr. 11 gemeint. Der Brunnen wird letztmalig in den Annalen der Stadt Coburg im Jahre 1807 genannt. Laut Zeitzeugenberichten hat er allerdings noch am Anfang des 20. Jahrhunderts gestanden und lieferte für alle Anwohner noch reichlich Wasser. Erst die Einführung der Kanalisation um 1907, machte den Brunnen überflüssig und er wurde entfernt.
Ein weiterer Brunnen, der offenbar im Zuge der Trockenlegung des Stadtgrabens zwischen Judentor und Ernstplatz im Jahre 1825 entdeckt wurde, war der Viktoriabrunnen. Dieser befand sich an der Stadtmauer, unterhalb des Anwesens Metzgergasse Nr.2. Der Brunnen wurde mit Steinen gefasst, erhielt aber den Namen „Viktoriabrunnen“ erst nach einer Verschönerung im Jahre 1862. Mit der Namensgebung wollte man die britische Königin Viktoria ehren, die damals 14 Tage mit ihren Kindern in Coburg, der Heimatstadt ihres 1861 verstorbenen Ehemanns Albert, zu Besuch war.
Der Brunnen plätscherte noch bis über die Jahrhundertwende hinaus, versiegte aber nach dem Abriss des kleinen Judentores im Jahre 1899 allmählich und wurde schließlich wegen Gesundheitsschädlichkeit des Wassers zugemauert. Die kurze Straße vom Judentor zum Ernstplatz wurde erst im Jahre 1883 „Am Viktoriabrunnen“ getauft.
Ein weiterer Brunnen von dem wir nur die Existenz kennen befand sich vor dem Hause Judengasse Nr.28 (ehemals Papierwarengeschäft Steinert) im Einmündungsbereich Webergasse/Walkmühlgasse/Judengasse. Dieser Pumpbrunnen könnte auf den „Säumarkt“ zurückzuführen sein, der hier einige Jahre stattgefunden hat, bevor er in die untere Ketschengasse zog. Wann diese Anlage entfernt wurde ist noch unbekannt. Deshalb verlangt dies noch weitere Forschungen.
Die letzte Brunnenanlage, ebenfalls ein Pumpbrunnen in der Judengasse befand sich vor dem Wirtsgarten der Gaststätte Bauer. Auf einigen Abbildungen ist er noch deutlich erkennbar.

Der Pumpbrunnen vor dem ehemaligen Biergarten der Gaststätte Bauer (Fotosammlung Christian Boseckert)
Die ersten Pumpbrunnen kamen Anfang des 18. Jahrhunderts auf und ersetzten die Ziehbrunnen. Ursprünglich waren diese aus Holz. Erst ab 1880 waren die Pumpbrunnen ganz aus Eisen. Das Exemplar bei der Gaststätte Bauer musste 1948 dem wachsenden Verkehr weichen. Nur ein metallener Verschluss auf dem Bürgersteig vor dem Biergarten erinnert noch an seinen Standort.
So haben wir in einer nur kurzen Strecke bereits vier Brunnenanlagen kennen gelernt, die aber alle nicht mehr vorhanden. Wir dürfen uns dabei über diese Anzahl nicht wundern. Brunnen waren für das Überleben der Menschen wichtig, denn diese spendeten das kostbare Wasser. Ein Umstand den die „Wasserleitung-Generation“ heute nicht mehr nachvollziehen kann. Und so war es nicht ungewöhnlich, dass in einer Straße mehrere Brunnen existierten, siehe heute noch die Ketschengasse.
Text:
Christian Boseckert
Fotoquellen:
Bild 1: Am Viktoriabrunnen um 1900 (Fotosammlung Christian Boseckert)
Bild 2: Der Pumpbrunnen vor dem ehemaligen Biergarten der Gaststätte Bauer (Fotosammlung Christian Boseckert)
Veränderungen – Die Ecke Viktoriastraße / Judengasse

Die Ecke Viktoriastraße / Judengasse um 1900 (aus Christian Boseckert, Eine Straße erzählt Coburgs Geschichte, S. 57)
Ein Ort der Veränderung war auch lange Zeit die Ecke Viktoriastraße / Judengasse. Diese sollen hier im zweiten Teil der Reihe „Veränderungen“ näher beleuchtet werden. Die obere Aufnahme zeigt die Situation, wie sie sich um 1900 dargestellt hat. Im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen dabei vier Gebäude. Zuerst blicken wir auf das Haus am linken Bildrand. Es ist das Anwesen Judengasse 52a welches 1862 für den Zimmermeister Ferdinand Amberg errichtet wurde. Im Jahre 1890 eröffnete dort der Zahnarzt Heinrich Borneff ein Lebensmittelgeschäft, dessen Werbung an der Hausfassade noch zu erahnen ist. Ab 1909 führte die Familie Gräfenhain das Geschäft weiter, gab es aber 1924 an den Kaufmann Alfred Streng ab. Das Lebensmittelgeschäft Streng, seit 1956 an der EDEKA-Gruppe angeschlossen, dürfte den älteren Coburgern noch bekannt sein. Es existierte bis 1977 und wurde zum Schluss von der Tochter Strengs, Erika Kiesewetter, geführt.
Das nächste Gebäude galt lange als ein Verkehrshindernis, da es direkt in die Viktoriastraße hineinragte. Das in den 1830er Jahren erbaute Haus, beherbergte seit 1857 eine lithografische Anstalt mit angeschlossener Steindruckerei. Inhaber des Betriebes war der Lithograf Ludwig Eduard Beuchel, von seinen Bekannten auch „Graf Litho“ genannt. Ausgerechnet ihm passierte es, das eines Tages die herzogliche Kutsche auf schneller Fahrt, fast die Hausecke mitgenommen hätte. Daraufhin hatte Herzog Ernst II von Sachsen-Coburg und Gotha das Gebäude als ein „Scheißhaus“ bezeichnet. Beuchel war über diese Wortwahl des Monarchen sehr gekränkt. Die Druckerei selbst existierte bis 1899. Zum Zeitpunkt der Aufnahme beherbergte das Gebäude das Sanitätsgeschäft des Masseurs Peter Eichmüller. Dieses existierte bereits seit 1889.
Bei dem sich anschließenden Gebäude handelte es sich um einen Stadel, welcher der Bierbrauer- und Bäckerfamilie Flinzberg gehörte. Carl-August Flinzberg betrieb seit 1848 eine Bäckerei nebst Bierwirtschaft und Brauerei in der Judengasse 19. Die Lokalität wurde später unter dem Namen „Rizzi-Bräu“ einem größeren Publikum bekannt. In den 1870er Jahren baute Flinzberg in den Stadel eine Malzdarre ein. Das Bierbrauen selbst besorgte er in den städtischen Brauhäusern. Die Gründung einer eigenen Brauerei scheiterte. Nachdem Carl-August Flinzberg 1895 verstarb, vermieteten die Erben den Stadel an einen Kohlenhändler, der darin ein Kokslager einrichtete.
Das Gebäude ganz rechts gehörte zum Firmenkomplex der Samen- und Getreidegroßhandlung Mayer. Inhaber dieses Unternehmens war der von Ernst II geadelte Freiherr Jacob von Mayer. An ihm erinnert, aufgrund seiner großen Wohltätigkeit, eine Gedenktafel im Rathaus und die von-Mayer-Straße in Ketschendorf. Das hier zu sehende Lagerhaus erwarb Mayer 1870 vom Kaufmann Moritz Friedmann. Zum Firmenkomplex gehörte auch das Wohn- und Geschäftshaus Judengasse 43/45, Ställe und ein Kutschershaus (Judengasse 47). Als Jacob von Mayer 1901 starb, verkauften seine Erben stückweise die Gebäude. Das Lagerhaus auf dem Foto ging dabei in den Besitz des Kommerzienrats Julius Mai über, der die Samen- und Getreidegroßhandlung Mayers übernahm.
100 Jahre später sieht die Situation dort ganz anders aus. Das Borneff´sche Haus wurde 1980 als Verkehrshindernis abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt. Das gleiche Schicksal erlitt auch das Beuchel´sche „Scheißhaus“. Es wich 1903, wie auch der Stadel Flinzberg, dem Bau eines Jugendstilhauses, welches der Architekt Otto Leheis plante. In dem neuen Wohnhaus eröffnete ein Hotelier namens Ludwig das Hotel „Coburger Hof“. Diesem war jedoch kein Erfolg beschieden. Kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs schloss das Hotel seine Pforten. In den folgenden Jahrzehnten diente das Gebäude als Privatklinik, Ämtergebäude der Stadtverwaltung, Anlaufstelle für die Hitlerjugend und nach 1945 als Parteizentrale der Kommunistischen Partei. Seit 1950 befindet sich die Löwen-Apotheke der Familie Luft in den Räumen des früheren Hotels. In den Obergeschossen haben sich Ärzte niedergelassen.
Das Sanitätsgeschäft Eichmüller, das dort einst seinen Sitz hatte, zog nach dem Abbruch des alten Gebäudes in das gegenüberliegende Jugendstilhaus Judengasse 54 um, wo Peter Eichmüller seinem Laden zusätzlich einen Friseur-Salon anschloss. Das Geschäft existierte dort bis 1956.
Das ehemalige Mayer´sche Lagerhaus wurde 1938 aufgeteilt und an zwei Interessenten verkauft. Einer davon, der Getreidehändler Ernst Wiehe, führte die Tradition des Hauses als Samengroßhandlung noch für Jahrzehnte weiter. Ein anderer Gebäudeteil gelangte in den Besitz des Spediteurs Alexander Jacobi (Nachfolger Jakob) im Sonntagsanger. Inzwischen wird dieser Teil von der Löwenapotheke und den Arztpraxen des Hauses Viktoriastraße 9 als Parkhaus genutzt. Es ist das einzige hier behandelte Gebäude, dass die letzten 100 Jahre stehen geblieben ist.
Text:
Christian Boseckert
Bildquellen:
Bild 1: Die Ecke Viktoriastraße / Judengasse um 1900 (aus Christian Boseckert, Eine Straße erzählt Coburgs Geschichte, S. 57)
Bild 2: Die Ecke Viktoriastraße / Judengasse im Jahre 1996 (Foto: Karl-Ulrich Pachale)









