Das Spitaltor

Das Spitaltor bis 1685 nach Emil Maurer, vom Steinweg gesehen. (Sammlung Christian Boseckert)

Eines von drei erhaltenen Coburger Stadttoren ist das Spitaltor, welches das innere Stadtzentrum nach Norden hin abgrenzte. Es war damit zugleich das Tor zur Steinwegvorstadt, die sich bis an die Heiligkreuzkirche erstreckte. Wie das Judentor gehörte auch das Spitaltor zum inneren Stadtmauerring. Die erste Erwähnung des Turmes erfolgte im Coburger Stadtbuch von 1393.
Schon damals hieß es „Spitaltor“, benannt nach dem in der Nähe liegenden St. Georgen-Spital, dass bereits im Jahre 1317 gegründet wurde. Über das Alter des Tores kann man indes nur Vermutungen anstellen. Aufgrund der Verwendung von romanischen Buckelquadern kann von einer Entstehungszeit im 13. oder 14. Jahrhundert ausgegangen werden. Sein Umfang beträgt 7,50 x 7,20 Meter mit einer Mauerstärke von 1,60 Metern. Die heutige Turmhöhe beträgt 21,5 Meter. Ursprünglich dürfte das Tor ein Spitzdach und Erker besessen haben.
Aber schon 1626 kann man auf dem sogenannten „Isselburg-Stich“ erkennen, dass das Spitaltor einen Fachwerkaufbau mit einem Satteldach besaß. Diese Darstellung zeigte auch der Maler Emil Maurer auf der hier veröffentlichten Zeichnung. Dieses Aussehen besaß das Spitaltor bis 1685. In der Nacht des 13. Juli des gleichen Jahres brach in der Turmstube des Tores ein Feuer aus, bei dem die gesamte Türmerfamilie (fünf Personen) ums Leben kam. Die Turmglocke stürzte glühend herab und blieb vor dem Hause Steinweg Nr. 2 (heute Bettengeschäft Gebers) liegen. Der Fachwerkaufbau wurde mit Kanonen oder Feldschlangen aus der Stahlhütte (heute steht dort das Landestheater) abgeschossen, da man nicht in der Lage war, das Feuer zu löschen. Diese Versuche brachten aber nichts. Der sechsgeschossige Turm brannte vollständig aus und auch das Uhrwerk wurde total zerstört. Umgehend begann aber der Wiederaufbau des Spitaltores im barocken Stil. In dieser Zeit entstand der achteckige Turmaufsatz, ein sogenanntes Oktogon, an dem zwei Zifferblätter für die Uhren angebracht wurde. 1688 installierte man die neue Turmglocke, welche aus der Gießerei am Glockenberg stammte. Die endgültige Fertigstellung des Turmes erfolgte im Jahre 1691.

Das Spitaltor um 1900 (Sammlung Christian Boseckert)

Das Spitaltor selbst besaß seinerzeit kein Vortor wie das Judentor, sondern einen überdachten Wehrgang Richtung Steinweg, der die Straße überquerte. Der Wehrgang war mit dem Häusern Steinweg Nr. 2 und 1 (1934 zugunsten des neuen Gräfsblocks abgerissen) verbunden mit bildete damit einen kleinen Zwinger. Vor dem Spitaltor, auf der Steinwegseite befand sich auch der Stadtgraben, der vom Stetzenbach gespeist wurde. Die Quelle dieses Stezenbaches findet sich heute noch im Pilgramsroth. Der Aufgang zum Turm erfolgte von alters her über die Stadtmauer. Nachdem diese nach und nach im Bereich des Spitaltores abgetragen wurde, konnte man über das Turmwächterhaus in das Stadttor gelangen. Dieses Turmwächterhaus existiert heute noch und ist an der sogenannten „Kleinen Mauer“ gelegen. Es beherbergt heute das Obst- und Gemüsegeschäft Wollandt. Vom ersten Stock dieses Hauses gelangt man in den Turm hinein.

Das Spitaltor heute (Foto Christian Boseckert, 2009)

Heute besitzt das Spitaltor neben seinem eigentlichen Durchgang noch zwei Fußgängerdurchlässe, und einen zweiten Durchgang für den Straßenverkehr. Im Zusammenhang mit dem Bau des neuen Gräfsblocks wurde dies 1937 angelegt. In den folgenden Jahren erfuhr das Spitaltor immer wieder Sanierungen, so dass es immer noch strahlend auf die Einkaufsstraßen „Spitalgasse“ und „Steinweg“ herunter schauen kann.

Text:
Christian Boseckert

Bildquellen:
Bild 1: Das Spitaltor bis 1685 nach Emil Maurer, vom Steinweg gesehen. (Sammlung Christian Boseckert)
Bild 2: Das Spitaltor um 1900 (Sammlung Christian Boseckert)
Bild 3: Das Spitaltor heute (Foto Christian Boseckert, 2009)

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G’schichten aus der Spit Nummer 25

Das Haus Spitalgasse 25, Foto: Christian Boseckert

Es gab schon immer Bewohner in der Stadt, welche ihre persönlichen Erinnerungen einmal aufgeschrieben haben, um sie an ferne Interessierte weiter zu geben. So lebte in dem Haus Spitalgasse 25 eine gewisse Lina Hermann. Sie wurde 1865 geboren und zog dann mit ihren Eltern 1868 in das Hinterhaus vom Anwesen Spitalgasse 25 ein. Dieses große Haus ist durchgehend von der Spitalgasse bis zur Mauer. An der Front zur Spit gab es einmal das Wäschegeschäft Stube/Nachf., das später an die Fa. Nonnenmacher überging. Nach einer Drogeriekette sind nun nach erfolgreicher Renovierung des Vorderhauses Geschäfte für Junge Mode und Accessiores ansässig.
Interessant ist, dass sich in dem langgestreckten Anwesen ein Turnierhof befand, der aber leider im Laufe der Jahre verschwunden ist. Es waren Bogenhallen vorhanden, die aber gegen 1920 überbaut wurden. Bei dem Umbau damals wurde ein Stein mit der Jahreszahl 1446 gefunden, das Gebäude also sicher mit zu den ältesten Häusern von Coburg zu zählen ist.

Frl. Lina Hermann war nicht verheiratet und wohnte bis zu ihrem Tod 1946 in dem Haus. Ihre gesammten Erinnerungen an das Haus und die Umgegend hier wieder zu geben, wäre vermessen. Trotzdem will ich verschiedene Passagen ihrer Erinnerungen herausgreifen.
So beschreibt sie, was für ein Jubel herrschte, als zurückgekehrte Soldaten aus dem 70/71er Krieg durch die Spitalgasse marschierten und auf dem Markt empfangen wurden.
Um das Jahr 1908 wurde in dem Haus grundlegend umgebaut, was für die Bewohner eine große Belastung darstellte. Eine Wasserleitung war wenige Jahre zuvor schon im Haus eingerichtet worden. Was aber alle Bewohner sehr begrüßten, war der Anschluß des Hauses an die Kanalisation.
Wasser wurde von den Leuten mit Eimern und “Butten” von den Laufbrunnen in der Stadt geholt, die Beseitigung der Fäkalien besorgte die “Tonnenbatterie”, welche, pferdebespannt von Haus zu Haus zog und die Kübel entleerte… Und nun eine Kanalisation! Welch Fortschritt!!

Lina Hermann erinnert sich an den Abriss des “Gräfsblock” und als der Durchbruch zur Mohrenstraße geschaffen wurde. Ebenfalls hat sie Erinnerungen an das Restaurant Schaffner, welches mit Wirtsgarten unmittelbar dort stand, wo sich später an der Mauer die Hypobank niederließ.
Das Schaffner war damals, Ende der 1860er Jahre, ein sehr gutes Wein- und Bierlokal. Der Wirtsgarten des Schaffner lag etwa auf der Höhe der Webergasse, also tiefer als die Mauer und beherbergte mehrere kleine Gebäude. Das Lokal wurde gerne von Mitgliedern des Theater, Offizieren und Beamten besucht. Um 1873/74 wurde von dem jungen Schaffner dort umgebaut und erweitert, mit der Hoffnung, noch mehr Gäste im Lokal unter zu bringen. Leider waren dann die Räumlichkeiten zu groß, die Gemütlichkeit des Lokals ging verloren…! Mehr und mehr Gäste blieben nun fern und Schaffner kam in prekäre Situationen. Das Lokal wechselte mehrere male den Besitzer, so hatte es auch dann ein Griebel, der ursprünglich im Steinweg ein Lokal hatte. Der Volksmund bezeichnete nun das Lokal, welches eigentlich “Griebelei” heißen sollte, “Grübelei”.
Zu Schaffners Zeiten fanden dort alle möglichen Tanzveranstaltungen statt und das wurde späterhin immer häufiger. Das Niveau des Lokal sank immer mehr, bei den Maskenbällen soll es nicht immer fein zugegangen sein. Bei den früher viel öfteren Jahrmärkten kam viel fremdes Volk in die Stadt und besuchte die “Grübelei”.
So erinnert sich Lina Hermann an diese Vergnügungen dort sehr genau, lagen doch ihre Fenster zur Mauer hin. Sie berichtet das z. B. oft Tanzveranstaltungen am Sonntagmittag begannen und erst oftmals am frühen Montagmorgen endeten (eine Polizeistunde scheint es da nicht gegeben zu haben??). An Schlaf wäre bei dem gräßlichen Lärm, der aus dem Lokal tönte oftmals nicht zu denken gewesen!
Lina Hermann schreibt:

Immer nach den gleichen, kreischend gespielten Weisen, gab es abwechselnd Walzer, Polka, Rheinländer, letzteren mit Vorliebe und zwar dann immer nach der Melodie:” Siehste wohl da kümmt er, große Schritte nimmt er” usw.usw. was laut und misstönig mitgesungen wurde!

Scheint ja was los gewesen zu sein,in der Bude??
Prügeleien waren scheinbar dort an der Tagesordnung und wurden oftmals auf der Mauer ausgetragen…! Sogar Messerstechereien kamen vor und ein Verletzter soll damals mehrere Tage in Lebensgefahr geschwebt haben…! Ferner wird berichtet, dass eines Nachts ein völlig Betrunkener Gast der Grübelei dort auf der Mauer lauthals “Feuer,Feuer” rief. Daraufhin öffnete ein Hausbewohner des Hinterhauses ein Fenster und rief hinuter “Na, da woll’n wir mal das Feuer löschen!” und kippte den Inhalt eines “Behältnisses” auf den Schreihals, der scheinbar ernüchtert das Weite suchte…!
Später wurde die Grübelei abgerissen und das große Gebäude, das später die Hypobank aufnahm, dort errichtet. Das hohe Haus nahm aber den Bewohnern vom Hinterhaus viel Sonnenlicht weg!

Als der Turnierhof noch existierte, wurde er auch eine Zeit lang von der schlagenden Verbindung der Casimiriana des Gymnasiums genutzt,welche dort ihre Fechtveranstaltungen abhielten.
Über mehrere Unglücke in der Nachbarschaft kann Lina Hermann berichten. So hatte die Coburger Feuerwehr am alten noch stehenden Gräfsblock eine Übung angesagt. Zwei Feuerwehrleute standen auf der damals längsten Feuerleiter, die voll ausgefahren dort stand, als plötzlich die Feuerwehrleiter entzwei brach. Unter dem Aufschrei der Passanten stürzte einer der Wehrleute zu Boden und war sofort tot, der andere blieb mit der Kleidung an einer vorstehenden Dachrinne hängen und schwebte für eine Zeit zwischen Leben und Tot! Es muß in den 90er Jahren gewesen sein…!

Am 14.September 1913, nachts gegen 22.30 Uhr setzte ein schlimmes Ereigniss die ganze Umgebung dort in Schrecken und Entsetzen!
Lina Hermann erinnert sich:

Eine plötzlich unser ganzes Haus erschütternde Detonation war zu vernehmen und lautes donnerndes Grollen, so, als wenn etwas einstürzte, schloß sich an. Ich rannte zum Fenster und im gleichen Augenblick schrie ein Mann auf der Straße “Explosion,Feuer”… Wo war die Explosion?… In unserem Haus scheinbar nicht! Ich vermutete im gegenüber liegenden Kino, welches sich im Hypogebäude befand. Die Leute strömten in Panik aus dem Kino…! Eine Gasexplosion hatte weiter vorne auf der Mauer zum Judenturm hin ein ganzese Haus in die Luft gejagt! 13 Tode und eine Anzahl an Verletzten waren zu beklagen!… Schaurig war es in jener Nacht, als die Leichenwagen oder die Wagen vom Roten Kreuz unter unseren Fenstern vorbei fuhren und ihr trauriges Werk vollrichteten!

Im Jahr 1918, der erste Weltkrieg war zu Ende, wurde das Anwesen Spitalgasse an Nonnenmacher verkauft. Obwohl einige männliche Hausbewohner Soldaten waren, sind alle aus dem Krieg zurück gekommen.
An Umbauten war während des Krieges nicht zu denken… aber Lina Hermann freute sich dann doch… sie bekam nämlich elektrisches Licht!!! Der zweite große Fortschritt für die Dame… bis dahin nur Petroleum Lampen oder Kerzen… und Petroleum wurde während des Krieges immer weniger… auch Kerzenwachs wurde sorfältig gesammelt und z.T. wieder neue Kerzen gegossen…! Heute doch unvorstellbar!
Auch einen Blick in die Zukunft wagte Lina Hermann. Und schreibt sogar ein Datum dazu… das Jahr 2010!

Wie fremd wirken Lina Hermanns Worte heute auf uns, wenn sie schreibt:

Ein Tummelplatz für spielende Kinder war die Mauer und die Nägleinsgasse allemal.Wohl kommt hier gelegentlich ein Auto vorbei und die Kinder flüchten sich dann schnell in den nächsten Hauseingang.
Auch die Wehrmacht mit ihren Motorfahrzeugen sucht sogar öfters die winkelige Umgebung unseres Hauses für ihre Übungen aus!
Gar manchmal, wenn ich aus den Fenster sehe, muß ich denken, wie sich alles seit meiner Kinderzeit verändert hat. Neuerdings ist der alte Gräfsblock abgerissen worden und dort entsteht ein neues schöneres Gebäude. Wie mag ein ehemaliger Anwohner reagieren, wenn er heute , nach 70 jahren wieder zurück kommen mag und das veränderte Stadtbild in unserer Umgegend sieht? Heute stünde er auf dem “Platz der alten Garde” (heute vor dem Stadtcafe) er ginge die “Straße der SA” (heute die Mohrenstraße) hinuter. Dort waren zu meiner Jugendzeit noch heckengesäumte weite Wiesenflächen, Gärten und hin und wieder ein Scheune…. weiter unten in der Mohrenstraße ging ein Heckenweg zu den wenigen Häusern im Seifarthshof…..
Ob der Besucher unser Hinterhaus noch erkennen würde, das sich allerdings nur im Parterre verändert hat.
Aber unser Hinterhaus wird vielleicht auch verschwunden sein,wenn weitere 71 Jahre vergangen sind. Wir sind dann schon im nächsten Jahrtausend und schreiben das jahr 2010!

Am 9.September 1946 trug man Lina Hermann aus dem Haus…sie hatte ihr irdisches Dasein beendet!….Das Hinter- und Vorderhaus Spitalgasse 25 stehen immer noch und wir schreiben den 23.2.2010 – ein Dienstag.

Text: Gerd Bieler

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Aus der Geschichte des Barock-Hauses Spitalgasse 12

Das Haus Spitalgasse 12 (Foto: Christian Boseckert, 2007)

Große Veränderungen werden sich in der Spitalgasse ab 2011 anbahnen. Die Rede ist von den Gebäuden des ehemaligen WEKA-Kaufhauses in der Spitalgasse.
Nachdem an anderer Stelle bereits über den Gasthof „Zum Bären“ und dessen Geschichte gesprochen wurde (>>> hier geht es zum Artikel), soll es nun um das andere WEKA-Gebäude in der Spitalgasse gehen. Dieses ist nicht wie der „Bären“ der Abrissbirne zum Opfer gefallen, sondern erfreut mit seiner barocken Fassade noch heute die Coburger.

Die Geschichte des hier beschriebenen Hauses Spitalgasse Nr. 12 geht bis ins Jahr 1403 zurück, als ein Eberhard Vogler das Ratslehen in seinem Besitz hatte. Betrachtet man sich die Häusergeschichte weiter, so muss festgestellt werden, das dort wohl hauptsächlich vermögende Kaufleute ansässig waren. Verwundern kann dies kaum – war doch die Spitalgasse schon in frühester Zeit das Zentrum des Coburger Handels. In diesem Zusammenhang interessiert uns aber nur eine Familie, nämlich die Kaufmannsfamilie Rieth. Diese hatte gegen Ende des 17. Jahrhunderts bereits ein beträchtliches Vermögen verdient.
Seit 1664 in der Spitalgasse 12 ansässig, war die Familie Rieth auch für ihre Wohltätigkeit bekannt. 1688 zum Beispiel, stiftete die Witwe des Kaufmanns Georg Friedrich Rieth eine neue Orgel für die Heiligkreuzkirche. Es war demnach auch Geld für ein repräsentatives Wohnhaus da. 1697 gelangte das Anwesen in den Besitz des Handelsmanns Johann Martin Rieth, dem Sohn des oben genannten Georg Friedrich Rieth. Dieser plante das alte Wohnhaus abzureißen und an dessen Stelle ein neues Gebäude im barocken Stil zu errichten.

Als Baumeister für dieses Unternehmen gewann er vermutlich die Gebrüder Lucchese aus Italien. Das Rieth ausgerechnet diese beiden Stuckateure mit der Ausgestaltung seines Wohnhauses beauftragte war wohl nicht zufällig. Beide waren am Wiederaufbau von Schloss Ehrenburg beteiligt, das 1690 einer Feuersbrunst zum Opfer viel. Von ihnen stammen dort die Stuck-Elemente der Hofkirche und des Riesensaals. Die Barockfassade in der Spitalgasse gilt daher als das einzige Coburger Werk der Brüder, das nicht vom Herzogshaus in Auftrag gegeben wurde.

Einer der Karyatiden im Jahre 1906 (Sammlung: Christian Boseckert)

Das neue Gebäude besaß vier Stockwerke, zwei Keller, zwei Gewölbe, acht Stuben und einen Stall. Am Hauseingang stellte man zwei Karyatide (Riesengestalten) auf, welche über zwei Jahrhunderte das Gesicht der Spitalgasse prägten. Bis 1719 blieb das prächtige Anwesen im Besitz der Familie Rieth. Danach folgten weitere Kaufmannsfamilien als Hauseigentümer.
1893 erwarb die Firma K. M. Fechheimer & Co. Manufaktur- und Modewaren, Damen- und Kinderkonfektion sowie Wäscheausstattung, das Anwesen. Die Inhaber des Geschäfts, Julius Blüth und Hugo Fechheimer, waren jüdischen Glaubens, was zur Schließung des Geschäfts im März 1933 mit beitrug. Nachdem beide im Frühjahr 1933 von den Nationalsozialisten schwer misshandelt wurden, gingen beide in das niederländische Exil. Die Firma existierte fortan nur noch auf dem Papier und wurde schließlich liquidiert und das Haus zwangsversteigert. Den Zuschlag erhielt die Coburger Sparkasse, die es 1939 an den Kaufmann Carl Hartung veräußerte, der dort ein Strumpfwarengeschäft eröffnete. Die Firma Hartung existierte bis in die 1960er Jahre hinein. Danach zog in die Geschäftsräume das „Kaufhaus zum Mohren“ ein, das 1958 im Nachbarhaus Spitalgasse Nr. 14 eröffnet wurde.

Das Haus Spitalgasse 12 in den 1920er Jahren (Sammlung: Christian Boseckert)

Die weitere Ausdehnung des Kaufhauses forderte Anfang der 1970er Jahre einen kompletten Neubau. Geplant war dabei der Abbruch der Häuser Spitalgasse 12 und 14, wobei auch die schöne Barockfassade zerstört werden sollte. Dies erregte den Widerstand der Coburger Bevölkerung. Es wurden Unterschriften gesammelt und Eingaben an den Stadtrat gemacht. Besonders der damalige Stadtheimatpfleger, Prof. Adalbert Bringmann, setzte sich vehement für dieses „vollständigstes Barock-Gebäude Coburgs“ (nach Jürgen Erdmann) ein, wofür er massiv kritisiert wurde. Doch die Proteste hatten Erfolg. Zwar wurden 1974 beide Häuser abgerissen, doch musste die Barockfassade am neuen Gebäude wieder angebracht werden. Ferner installierte man im 2. Obergeschoss eine Stuckdecke aus dem Altbau in die Verkaufsräume mit ein. Bringmann selbst erlebte diesen Erfolg nicht mehr, denn er starb bereits 1972. Ihm ist es mit zu verdanken, dass dieses schöne Haus nicht dem Abbruchwahn zum Opfer gefallen ist. Zum Opfer gefallen sind jedoch bei diesem Neubau die beiden Karyatiden. Diese, nach Georg Voß „geringen Arbeiten des Barockstils“, barg der Bauunternehmer Brockardt von der Baustelle und stellte die beschädigten Figuren in seinem Garten in Finkenau bei Coburg auf. Die heute dort stehenden Riesengestalten sind Kopien, die Ende der 1980er Jahre aufgestellt wurden. Als Kaufhaus kann das Gebäude Spitalgasse 14 ebenfalls viel erzählen – von der großen Einweihung 1975, dem Konkurs des Kaufhaus „Zum Mohren“ im Jahre 1983 und dessen Nachfolger, der WEKA, die am 31.12.2009 ihre Pforten schloss.

Es wird interessant sein, welche Geschäfte in Zukunft in der Spitalgasse 12 anzutreffen sein werden.

Text:
Christian Boseckert

Bildquellen:
1. Das Haus Spitalgasse 12 (Foto: Christian Boseckert, 2007)
2. Einer der Karyatiden im Jahre 1906 (Sammlung: Christian Boseckert)
3. Das Haus Spitalgasse 12 in den 1920er Jahren (Sammlung: Christian Boseckert)

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Der Gasthof “Zum Schwarzen Bären”

Das Alte Gasthaus "Zum Schwarzen Bären", bevor es 1975 abgerissen wurde (Sammlung Norbert Niermann)

Noch häufig schwärmen die alten Coburger von den urig gemütlichen Gastwirtschaften in ihrer Stadt, in der sie einst einheimische Spezialitäten wie Bratwürste, Rindfleisch und Meerch, sowie auch Klöße und Bratkartoffeln bekamen. Viele dieser Speiselokale sind inzwischen verschwunden und damit ein Stück Lebensqualität.

Eines der beliebtesten Lokalitäten war der Gasthof „Zum Schwarzen Bären“ in der Spitalgasse. Er befand sich dort, wo sich heute der Eingang zum noch existierenden WEKA-Kaufhaus befindet. Dort stand vor über 30 Jahren noch das alte Haus Spitalgasse Nr. 14, wo der „Bären“ beheimatet war. Die Ursprünge dieses Gebäude gehen bis ins Jahr 1404 zurück. Damals gehörte das Anwesen der bekannten Coburger Patrizierfamilie Bach und wurde im Volksmund als der „Bachenhof“ bezeichnet. 1461 wurde an dieser Stelle ein neues Haus errichtet, in dem wohl 1584 eine Gaststätte eröffnet wurde.
Seit 1596 bis zu seinem Ende hieß es „Gasthof zum Schwarzen Bären“ und war ursprünglich Absteigequartier von Fürsten und Rittern. Erster Wirt war seinerzeit ein Hans Christian. Das Haus Spitalgasse Nr. 14 hatte einst eine große Ausmaße, die man der Ausdehnung des gegenwärtigen Kaufhauses in der Großen Johannisgasse erkennen kann, dessen heutige Front dort das ehemalige Haus Große Johannisgasse Nr. 4 mit einschließt. Für größere gesellige Veranstaltungen standen schon früher im „Bären“ Räume zur Verfügung. So berichtet der Chronist Karche von einem Fest im Jahre 1766, das die Handwerker nach Errichtung eines Galgens auf dem Glockenberg (Dieser Galgen lag an der heutigen Hohen Straße) im „Bären mit Musik und Tanz feierten“. Man fand anscheinend damals nichts weiter dabei, sich durch ein „Richtfest“ eines neuen Galgens ein paar schöne Stunden zu machen.
Einen sehr großen Umfang hatten die Stallanlagen des „Bären“, die über 100 Pferde fassten. Das war noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Fall, denn Autos gab es zu dieser Zeit noch sehr wenige und der „Bären“ war das bevorzugte Einstell- und Einkehrgasthaus der Landbevölkerung. Wahrscheinlich gab es schon damals Parkprobleme, denn eine endlose Reihe von Wagen säumten die Johannis- und Spitalgasse.

Werbung des "Bären" um 1920 (Sammlung Norbert Niermann)

Der „Bären“ war ursprünglich nicht nur ein großer Gasthof, sondern gleichzeitig auch eine Bäckerei und Brauerei. Sein Bier braute der „Bären“ noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Städtischen Brauhaus in der Steingasse (heute Sitz des Stadtarchivs Coburg). Noch um 1900 war hoch oben unter dem Dach des „Bären“ der Malzboden, als eine letzte Erinnerung der Brautätigkeit der Wirte, vorhanden. Ebenfalls um diese Zeit war der tiefe, breite Hausflur mit dem großen Torbogen, den der schreitende Bär krönte, besonders im Sommer ein bevorzugter Aufenthalt der Gäste. Rechts vom Hausflur war damals noch ein kleiner Friseurladen des Barbiers und Staatlich geprüften Heilgehilfen Adam Winkelmann und links ging es einige Stufen hinauf zur eigentlichen Gaststube. Oft war der Betrieb im Hausflur so beängstigend groß, dass die Hausbewohner ihre liebe Not hatten, zu ihren Wohnungen zu gelangen.
Der „Bären“ war so geräumig, dass nicht nur für die große Küche, die Gast- und Übernachtungsräume, sondern auch für Mieter genügend Platz war. Jene bildeten eine treue Hausgemeinschaft und wohnten oft über Generationen im Hause. Meist löste nur der Tod das Mietverhältnis.

Selbstverständlich wurde der „Bären“ sehr oft umgebaut, verbessert und modernisiert. Man passte sich den Erfordernissen der Zeit an. Das tat besonders der beliebte „Weißens Helm“ (= Wilhelm Weiß) mit seiner Ehefrau Frieda und der Schwiegermutter, der „Vögtin“, die im „Bären“ viel zu sagen hatte.
Die erste große Erweiterung unter Wilhelm Weiß fand schon vor dem Ersten Weltkrieg statt. Im Jahre 1922 verschwand der Friseursalon und wurde zum Eingang umgebaut. Der breite Hausflur wurde mit dem Gastzimmer vereinigt. 1924 wurde erneut umgebaut. Diesmal wurde ein Saal geschaffen, wobei ein Teil der Stallanlagen wegfiel. Der Saal war den Sängern vom Coburger Musikverein, der Turngenossenschaft und dem Infanterie-Regiment Nr. 95, welches in der Kaserne an der Neustadter Straße stationiert war, eine willkommene Heimstätte, die mit humorvollen Bildern, Wappen und Emblemen der Vereine geschmückt war.

Das Eingangsportal des "Bären" in der Großen Johannisgasse (Foto: Christian Boseckert, 2006)

Das Eingangsportal des "Bären" in der Großen Johannisgasse (Foto: Christian Boseckert, 2006)

Der „Bären“ war ein Gasthof, der weit über die Grenzen des Coburger Landes hinaus bekannt war. Er bot eine preiswerte Unterkunft und die eigene Metzgerei sowie die Küche sorgten für gutes Essen zu soliden Preisen. Umso trauriger war man, als im Jahre 1958 das Aus für den „Bären“ kam. Die Gaststube wurde zu einem Verkaufsraum umgebaut, in dem das Kaufhaus „Zum Mohren“ einzog. Dort blieb das Unternehmen bis 1975. Im selben Jahr kam es zum Abbruch des Gebäude, zugunsten eines neuen Kaufhaus-Komplexes (siehe auch >>> hier). Erhalten blieb dabei das alte Eingangstor mit dem schreitenden Bären, welches in die Große Johannisgasse versetzt wurde und wo es heute noch als letzte Erinnerung an den alten „Bären“ zu sehen ist.

Text:
Christian Boseckert

Bildquellen:
Bild 1: Das Alte Gasthaus “Zum Schwarzen Bären”, bevor es 1975 abgerissen wurde (Sammlung Norbert Niermann)
Bild 2: Werbung des “Bären” um 1920 (Sammlung Norbert Niermann)
Bild 3: Das Eingangsportal des “Bären” in der Großen Johannisgasse (Foto: Christian Boseckert, 2006)

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